Pininfarina – Die Definition italienischer Eleganz

Pininfarina Ferrari Titel 2

Italienern und italienischen Produkten sagt man nicht ganz zu Unrecht ein gewisses Maß an Eleganz nach, sei es bei Kleidung, Lebensart, aber eben auch bei Automobilen. Beim Fahrzeugdesign steht ein Name wie keine anderer für elegante Linienführung: Pininfarina. Seit fast 90 Jahren prangt dieser Schriftzug auf Autos, die von der Turiner Designschmiede entwickelt wurden.

Genauso wie die meisten seiner Autos strenggenommen Kunst sind, so ist auch der Name Pininfarina eine Kunstform, wenngleich auch keine wirklich schmeichelhafte. Der Gründer der Firma, Battista Farina, war nicht sonderlich groß gewachsen, daher wurde er „Pinin Farina“ gerufen, was frei übersetzt einfach „der kleine Farina“ bedeutet. Dieser leicht spöttische Spitzname sollte später nicht nur der Firmenname und eine starke Marke sein, im Jahr 1961 wurde der Antrag von Battista Farina vom italienischen Staatspräsidenten Giovanni Gronchi bewilligt, den Familiennamen von Farina in Pininfarina zu ändern.

Pininfarina Alfa Romeo Giulietta Spider

Die Anfänge von Pininfarina im Karosseriebau

Die ruhmreiche Geschichte der Designschmiede Pininfarina beginnt nicht etwa entrückt im künstlerischen Umfeld mit Entwürfen, sondern an der handwerklichen Basis. Battista Farina, der als zehntes von elf Brüdern im November 1893 geboren wurde, lernte den Automobilbau von der Pike auf in der Firma „Stabilmenti Farina“ seines Bruders Giovanni in Turin. 1911 erhielt Battista den ersten Auftrag von FIAT, die Karosserie für den Zero zu bauen. Der erste Weltkrieg hatte auch in Italien Auswirkungen auf die produzierenden Firmen, Stabilmenti Farina musste daher in den folgenden Jahren Flugzeuge des Typs Aviatic bauen.

Pininfarina Fiat 1100 S Coupe

Aber „Pinin“ Farina richtete seinen Blick stets über den Tellerrand hinaus. So unternahm er 1920 eine Reise nach Amerika, um unter anderem von Henry Ford persönlich Eindrücke von Fahrzeugbau und Produktionsmethoden zu erhalten. Am 22. Mai 1930 war es schließlich soweit, Battista gründete sein eigenes Unternehmen, die Società Anonima Carrozzeria Pinin Farina. Bereits im September wurde das erste eigenständig karossierte Fahrzeug ausgeliefert, ein Lancia Dilambda. In den Folgejahren baute Pininfarina zahlreiche weitere Karosserien – Limousinen, Coupés und Cabriolet – auf Fahrgestellen von unterschiedlichsten Herstellern. Lancia war sicher einer seiner ersten Ansprechpartner, genauso aber auch Alfa Romeo und FIAT neben Rolls Royce, Hispano Suiza und Isotta Fraschini.

Der medienwirksame Auftritt von Pininfarina in Paris 1946

Den ersten großen Paukenschlag in der öffentlichen Wahrnehmung gelang Pininfarina beim Automobilsalon in Paris 1946. Wobei das nicht ganz korrekt ist, der Paukenschlag war nicht in den Messehallen des Salons, sondern davor. Weil Italien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von der Ausstellung ausgeschlossen wurde, entschied sich Battista Farina, der gemeinsam mit seinem Sohn Sergio angereist war, zum Guerillamarketing und stellte einen Alfa Romeo 6C 2500 S und ein Lancia Aprilia Cabriolet am Eingang zu den Messehallen ab. Das Ziel der Aktion ging auf, alle Besucher mussten zwangsläufig auch an den Pininfarina-Fahrzeugen vorbei. Es war aber nicht nur das Renommee durch dieses provokante Unterfangen, dass den Erfolg der 40er- und 50-Jahre erklärt. Es waren vielmehr die zahlreichen gelungenen Fahrzeuge, die den guten Ruf von Pininfarina manifestierten. Allen voran die elegante Alfa Romeo Giulietta Spider, die den Beginn der langen Erfolgsgeschichte zwischen Alfa und Pininfarina im Bezug auf die Spider begründete. Oder der Lancia Flaminia, der fast sinnbildlich den Markenkern von Lancia widerspiegelt. Eine ganz besonders enge Bindung hatte der Chef Battista Farina zum Lancia Florida, einem Umbau auf Basis einer Aurelia. Dieses Auto zählte lange zu den Privatfahrzeugen von „Pinin“ Farina. Es waren aber nicht nur italienische Autos, die das Logo mit dem markanten „F“ auf der Karosserie trugen. Peugeot begann seine Kooperation mit dem italienischen Designer mit dem 403, weitere Modelle wie der 205 oder der 406 sollten im Laufe der Jahre folgen.

Battista und auch sein Sohn Sergio dachten aber zu der Zeit auch durchaus globaler, zu den Partnern zählten nicht nur die europäischen Marken, sondern auch einige amerikanischen Hersteller holten sich italienische Designsprache ins Haus. Der Nash Healey beispielsweise verkörpert amerikanische Technik mit italienischem Gewand. Auch mit Cadillac verbindet die Turiner eine Kooperation, die auf die Anfänge mit einem Aufbau für den V16 zurückgeht und später auch im Allanté wieder aufgegriffen wurde.

Der wichtigen Partnerschaften lagen aber vor allem auf dem italienischen Markt, von Alfa Romeo bis Ferrari tragen zahlreichen Modelle über Generationen die Handschrift von Pininfarina. Allein bei Ferrari wurden unter andrem der 365 GTB/4 Daytona, der 308 GTB, der Testarossa sowie F40 und F50 von Pininfarina gezeichnet. Aber auch der Ferrari Pinin, ein Einzelstück und die bis dato einzige viertürige Limousine mit dem springenden Pferd auf der Haube.Pininfarina Sergio Portrait 1Die Merkmale der Pininfarina-Fahrzeuge

Im Gegensatz beispielsweise zu Bertone verbindet man Pininfarina nicht so sehr mit extravaganten und extremen Studien. Wenn Prototypen entwickelt wurden, erfüllten sie zumeist einen Zweck, wie die windschnittigen und spritsparenden Modelle X aus 1960 oder Ferrari 512 S Modulo aus 1970. Bereits 1957 stellte Pininfarina mit dem FIAT Abarth 750 mehrere Geschwindigkeitsrekorde in Monza auf.

Maliziöse Stimmen würden so vielleicht behaupten, dass Pininfarina mitunter allzu gefällig daherkommt; dass andere Designer wildere, innovativere und mutigere Entwürfe auf die Messen und auf die Straßen brachten. Aber quer durch alle Hersteller und Modellvarianten, wenn man sich vor Augen hält, wie viele Autos die deutliche Handschrift von Pininfarina tragen, ist das schon mehr als imposant. Interessanterweise waren weder Battista noch Sergio selbst als Designer tätig. Aber dafür beschäftigten sie immer mit die fähigsten Personen und setzten dabei auch gerne mehrere Teams intern konkurrierend auf ein Modell an, auf dass sich der bessere Entwurf durchsetze.

Pininfarina ist seit Anbeginn eine reine Familienangelegenheit, nach Battista und Sohn Sergio übernahmen zunächst Enkel Andrea und nach dessen Tod dessen Bruder Paolo die Leitung des Unternehmens. Nur im Besitz der Familie ist das Unternehmen nicht mehr: 2015 wurden 76 Prozent der Firmenanteile an den indischen Mischkonzern Mahindra verkauft, die verbleibenden 24 sollen wohl zukünftig auch noch folgen.

Für den Automobilenthusiasten spielen die Besitzverhältnisse vermutlich ohnehin eine untergeordnete Rolle. Da zählen eher die Linien und Formensprache der Fahrzeuge und da zählt der Name Pininfarina zweifellos zu den ganz Großen der Automobilhistorie.

Fotos Fiat Chrysler Automobiles, Peugeot Automobiles, Pininfarina S.p.A., Classic Trader

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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