Zeitsprünge | Ford Mustang Mach 1 und Mach-E – The Times they are A-Changin`

2021 Ford Mustang Mach 1 (9)

Wir haben uns ja mittlerweile daran gewöhnt, dass die Elektro-Autos einen immer breiteren Raum in der Berichterstattung einnehmen und auf den Straßen immer öfter zu sehen und nur verhalten vorbeigleitend zu hören sind. Dass diese (schöne?) neue Welt unsere automobile Welt und unser Verhalten auf den Straßen dramatisch verändern wird, zeigt sich aber erst dann so richtig brutal, wenn auf dem Parkplatz zwei Vertreter eines Labels nebeneinander stehen und von einer glorreichen Vergangenheit und einer noch zu definierenden Zukunft erzählen.

Eine Erkenntnis, die mir selten so bewusst wurde wie bei einem Treffen mit dem Ford Mustang Mach 1 und dem Mustang Mach-E – einerseits der große Klassiker, der sich von 1964 an mit seiner unwiderstehlichen Form, also langer Motorhaube und kurzem Heck auf Anhieb als Klassiker etablierte, und andererseits ein elektrifizierter Mustang, ganz im Stil der Zeit als SUV. Vergangenheit und Zukunft – nebeneinander. Ein Gedanke, an dem man sich erst einmal gewöhnen muss – und der natürlich auch Fragen aufwirft: Darf man aus einem seriösen Sportwagen mit grandioser Historie einen E-SUV machen? Eine Ikone in eine praktische Familienkutsche verwandeln?

Nur kurz zum Klassiker: Das Geheimnis des Mustang war einerseits die Optik – er sah wie ein Sportwagen aus, gab sich aber auch als Familien-Fahrzeug. Andererseits war er preisgünstig: Er stand als Hardtop zum Preis von 2.368 $ und als Convertible für 2.614 $ bei den Händlern – später sollte noch der Fastback kommen. Und er schlug sich auch auf den Rennstrecken dank der Mithilfe eines gewissen Caroll Shelby prächtig, von dem Auftritt von Steve McQueen in dem Film Bullitt ganz zu schweigen. Die Modelle schlugen wie eine Bombe ein – sechs Monate nach der Präsentation hatte Ford die gesamten Entwicklungskosten bereits wieder verdient.

Ford Mustang Mach 1 – Ganz den Vorfahren verpflichtet

Und als Ford 2014 den Mustang wieder auf dem europäischen Markt einführte, entpuppte sich der Amerikaner mit dem brabbelnden Achtzylinder – auch dank eines fairen Preises – auf Anhieb als Bestseller. Heute ist der Mustang der bestverkaufte Sportwagen in der Bundesrepublik. Natürlich gab und gibt es auch Sonderserien, so kündigte Ford im Oktober 2020 den neuen Mustang Mach 1 an, der – erstmals in Europa mit dem 460 PS starken 5.038 cm³ großen Achtzylinder ausgestattet – nun wahlweise mit einem handgeschalteten Sechsgang- oder einer Zehngang-Automatik zum Preis von rund 60.800 Euro bestellt werden konnte. Die gebaute Stückzahl definierten die Käufer – jeder Mach 1, der bis zum 31. März 2022 bestellt wurde, wird auch gebaut.

Nun war der Mustang bereits in den vergangenen Jahren ein richtig gut liegender Wagen, dem die Techniker viel europäisches Fahr- und Bremsverhalten anerzogen hatten – doch für den Mach 1 hat Ford noch einmal viel Feinarbeit in das Fahrverhalten investiert – die PR-Stelle verkündet dazu: „Der neue Ford Mustang Mach 1 beherrscht zwar die Straße, trotzdem ist er dank einer Vielzahl von Leistungssteigerungen für die Rennstrecke gemacht. Der Bremskraftverstärker bietet ein schnelleres Ansprechen der Bremsen und die zusätzlichen Kühler für Motoröl, Getriebeöl und Hinterachse ermöglichen längere Rennstreckenfahrten ohne Leistungseinbußen“. Bleibt die Frage, wie viele Mach 1-Besitzer tatsächlich auf die Rennstrecke gehen werden, wahrscheinlich eher wenige.

Obwohl: Und das erwies eine größere Runde mit dem Ford Mustang Mach 1 – er kann sehr viel. Dafür sorgt natürlich zuerst einmal die schiere Kraft des Achtzylinders, der lockere 529 Nm bereit stellt, die wahlweise durch eine Zehngang-Automatik oder ein handgeschaltetes Sechsgang-Getriebe an die Hinterachse gewuchtet werden. Null auf 100 km/h in 4,4 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 267 km/h findet man auch nicht bei sehr vielen Fahrzeugen – die Automatik-Version wird bei 250 km/h elektronisch eingebremst. Bei der zur Verfügung stehenden Leistung stört auch das Leergewicht von rund 1,8 Tonnen nicht so sehr – wohin sich die Verbrauchswerte bei Vollgas entwickeln, kann man sich vorstellen, aber bei vernünftiger Fahrt sollten Werte unter zehn Liter möglich sein. Und nicht vergessen: Das ESP sollten nur sehr erfahrene Fahrer abschalten – sonst steht man, besonders auf nasser Fahrbahn – schneller quer, als man vermutet. Und last, but not least: Beim Runterschalten gibt die Elektronik automatisch Zwischengas – da bellt der Achtzylinder dann einmal kurz auf.

Optisch etwas aggressiver, mit einer Brembo-Bremsanlage veredelt und mit guten Schalensitzen ausgestattet kostet der Mach 1 rund 12.000 Euro mehr als das Basis-Modell, was aber nichts daran ändert, dass der Wagen dennoch praktisch ausverkauft ist. Ein Sammler-Stück für die wohl temperierte Garage, denn der Mach-E wird in seiner banalen Selbstverständlichkeit wohl kein Sammler-Stück werden.

Ford Mustang Mach-E – Andere Form, selbes Temperament

Wobei diese Selbstverständlichkeit kein Vorwurf sein sollte – es ist aber einfach so, dass man sich in ein Elektro-Auto setzt, den nicht zu hörenden Motor aktiviert, auf das E-Pedal drückt und sich in Bewegung setzt. Und beim beherzten Tritt auf das E-Pedal setzt sich der Mach-E mit nahezu demselben Temperament wie der Mach 1 in Bewegung: 5,7 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 ist für einen großen, hohen und viel Platz bietenden SUV schon eine Ansage.

Warum die Ford Motor Company nach 57 Jahren ihren Mustang nun einer elektrifizierten Zukunft mit Motoren zwischen 269 und 351 PS der Zukunft anvertraut und den legendären Namen verpasst, erklärt man so: „Der Mustang Mach-E wird von dergleichen Sehnsucht nach Freiheit, Fortschritt und famosen Fahrleistungen geprägt wie der legendäre Sportwagen, der 1964 auf den Markt kam. Jetzt ist das Pony-Car bereit für die Zukunft“.

Und weiter heißt es: „Der 4,71 Meter lange, 1,88 Meter breite und 1,62 Meter hohe Mustang Mach-E transformiert diese Ideale auf eine neue Ebene. Das spiegelt sich zum Beispiel in der WLTP-Reichweite von bis zu 610 Kilometern sowie der serienmäßigen Schnell-Lade-Option mit Gleichstrom und einer maximalen Ladeleistung von 150 kW wider“. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 180 km/h begrenzt. Wer es schneller wünscht, kann von Ende 2021 an den 200 km/h schnellen Mustang Mach-E GT mit 487 PS und 860 Nm Drehmoment bestellen, er beschleunigt in 3,7 Sekunden von Null auf 100 km/h. So schnell war kein Mustang mit Verbrennungsmotor – wie sich die Zeiten ändern.

Sagen wir es so: Die E-Zukunft ist wohl unvermeidlich – und der Mustang Mach-E ist ein gut aussehender, viel Platz für die Familie bietender SUV, der – Ford typisch – gut verarbeitet ist und bietet zum angemessenen Grund-Preis von 63.700 Euro eine hohe Reichweite, ein sportliches Fahrwerk und auf Wunsch sogar eine Anhängerkupplung (572 Euro). Die Reichweite? Diverse Fachzeitschriften kamen bei vernünftiger Fahrweise auf eine Reichweite von 400 Kilometern – da ist dann aber die Beschleunigung à la Mach 1 ausgeschlossen.

So ist der Ford Mustang Mach-E ein gelungener Elektro-SUV mit viel Raum, bequemen Sitzen und einer akzeptablen Reichweite – ob er das Label „Mustang“ tatsächlich benötigt, ist eine andere Frage. Und wer den Sound des Achtzylinders vermisst, kann bei dem Fahrprogramm „Temperamentvoll“ einen Sound-Composer aktivieren, der ein einem Verbrennungsmotor entlehntes Brabbeln in die Lautsprecher zaubert.

Nein, der Mach-E ist kein elektrisches Pony-Car, aber ein gut gemachter Elektro-SUV, der von Interessenten dieses Genres mit in die Auswahl gezogen werden sollte.


Fotos Ford-Werke GmbH

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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