Mercedes-Benz S-Klasse – Die Geschichte der S

Mercedes Benz S Klasse 116 126 140

Aus heutiger Sicht könnte man den Eindruck gewinnen, dass es von Anbeginn der Automobilgeschichte eine Mercedes-Benz S-Klasse gab, aber es gab auch noch andere Zeiten in der der jüngeren Vergangenheit der Bundesrepublik. Als 1975 der Film „die Geschichte der O“ mit Udo Kier in den Kinos erschien, ging wegen des Sado-masochistischen Plots ein Aufschrei durch die Presse – sowas hatte man in der biederen Bundesrepublik bisher noch nicht gesehen!

Bereits drei Jahre zuvor wurde eine andere Geschichte geschrieben; nämlich „die Geschichte der S (Klasse)“, deren Presse-Echo nicht weniger laut war. Von Sado-Maso konnte hier allerdings keine Rede sein, denn in diesem Auto wurden die Insassen nach allen Regeln der Kunst verwöhnt und umschmeichelt.

Mercedes-Benz S-Klasse W116 – Der Beginn der Sonderklasse

Mercedes Benz S Klasse W116 1

Im September 1972 wurde nämlich erstmals ein Oberklassemodell von Mercedes-Benz unter dem offiziellen Namen „S-Klasse“ vorgestellt – lange, bevor die Typologie nach Buchstaben für alle anderen Baureihen der Marke Mercedes-Benz eingeführt wurde.

Dieses komplett neu konstruierte Auto konnte alles besser als seine Mitwettbewerber. Natürlich gab es schon davor „große“ Mercedes Limousinen; eine alte Tradition des Hauses seit den Zeiten der automobilen Anfänge – aber keiner trug eben den bis heute so prägnanten wie simpel klingenden Namen – Mercedes-Benz S-Klasse.

Bei Markteinführung waren zunächst zwei Motorvarianten verfügbar; der 280 S bzw. 280 SE/L (Vergaser/Einspritzmotor) mit Reihensechszylinder und der 350 SE/L V8 mit elektronischer Bosch-Einspritzung und 200 PS, der bald durch den moderneren 450 SE/L abgelöst wurde. Wie üblich bei Mercedes, war die Spitzenbaureihe in zwei Radständen lieferbar. Die Langversion, deren Baumuster mit Einführung der Baureihe 116 nicht mehr auf das sonst für alle Versionen übliche, intern verwendete „W“ hörte erhielt einen eigenen Buchstaben – das „V“ – und ist dabei namentlich am nachgestellten „L“ zu erkennen: V116; 450 SEL.

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Mercedes-Benz S-Klasse – Hubraum ist durch nichts zu ersetzen

Aber da war doch noch was? Ach ja – kommen wir zurück zum Jahr 1975 mit seinen Obszönitäten! Passend zur schockierenden Filmkultur dieses Jahres wurde der 450 SEL 6.9 der Öffentlichkeit vorgestellt. Während sich der durchschnittliche Autofahrer durch das langsam „modern“ werdende Umweltbewusstsein in der Bundesrepublik über 6,9 Liter Verbrauch freute, tat es ihm der der 6.9 Fahrer gleich. …allerdings freute dieser sich über 6.9 Liter Hubraum! Verteilt auf acht V-förmig angeordnete Zylinder. …286 PS; 550 Nm. Verbrauch? Egal; satt zweistellig! Jeder Schuljunge, der diese Kennzahlen beim Autoquartett auf der Hand hatte, wusste, dass er jetzt nicht mehr verlieren kann. Dieses Auto war auch noch derart schnell, dass gestandene Sportwagenfahrer beim Blick in den Rückspiegel erzitterten, wie Klosterschülerinnen auf der Geisterbahn.

Mercedes Benz S Klasse W116 6.9

Abgesehen vom noch etwas brachialeren und schwerer beherrschbaren Vorgänger – dem 300 SEL 6.3 der Baureihe W 109 – hatte die Welt so ein Auto noch nicht gesehen, denn insbesondere Hubraum und Leistung setzten für lange Zeit einen Meilenstein im Hause Daimler Benz. Derartige Hubraumorgien wurden im Übrigen auch nie wieder gefeiert – bis heute gilt der 450 SEL 6.9 als der Mercedes mit dem größten jemals ab Werk angebotenen Motor.

Vor Auslauf der 116er Baureihe im Jahr 1980 kamen der Sechsneuner uns seine kleineren Brüder sogar in der automobilen Neuzeit an: Als erster PKW von Mercedes-Benz konnte in der S-Klasse das neuartige „Antiblockiersystem“ von Bosch bestellt werden; heute aus keinem Auto mehr wegzudenken.

Mercedes Benz S Klasse W116 ABS

Mercedes-Benz S-Klasse W126 – Zeitlose Eleganz

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Aber wie sollte man diese fast ein Jahrzehnt lang gebaute Legende toppen? Eine schwierige Frage, die durch die Markteinführung der Baureihe W 126 beantwortet wurde. Im Prinzip basierte diese auf dem 116er, war aber moderner, gefälliger, verfügte über ein besseres Handling, hochwertigere Materialien und einen vernünftigen Korrosionsschutz. Die schlechte Nachricht: Alarmiert durch die gerade halbwegs verdaute Ölkrise hatte der Sechsneuner keinen Nachfolger bekommen! Davon abgesehen gilt die Baureihe 126 – natürlich wieder traditionell in zwei Radständen lieferbar – bis heute als die wahrscheinlich klassischste Mercedes-Benz S-Klasse aller Zeiten.

Anfangs in einigen Motorvarianten noch parallel zum 116er gebaut, wurde der 126er von 1979 bis 1991 im PKW-Programm der Daimler Benz AG geführt. In dieser Zeit wurde die Baureihe mehreren MoPfs (Daimler-Deutsch für „Modellpflege“) unterzogen und stellte stets den Zenit der deutschen Automobilkunst dar. Nur BMW schickte sich zaghaft an, in diesem Revier zu wildern. Von einem Oberklasse-Audi träumte damals allenfalls Ferdinand Piӫch, wenn er nicht eh gerade wach lag, weil Walter Röhrl so schonungslos mit einem seiner heißgeliebten Quattros umging…

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Wie in Stuttgart üblich, gab es die zweite Generation der Mercedes-Benz S-Klasse ausschließlich mit Reihensechszylinder- oder V8 Motoren. Die Verarbeitungs- und Materialqualität hatte inzwischen ein Niveau erreicht, dass selbst Fahrzeuge mit deutlich sechsstelligen Laufleistungen bei entsprechender Pflege wie Jahreswagen erscheinen. Die 126er Baureihe ist der rahmengenähte Budapester unter den Oberklasse-Limousinen: Zeitlos, chic, unverwüstlich – und dennoch umweht von einem dezenten Understatement, das einen DB-904-dunkelblauen 500 SEL vor der Semperoper deutlich eleganter erscheinen lässt, als so manches, modernes Oberklasse-Auto mit verchromten Plastik-Applikationen.

Mercedes-Benz S-Klasse W140 – Der Wonneproppen

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War der 126er eine wohlproportionierte, allseits geliebte Schönheit, muss während der Entwicklung der nachfolgenden 140er Baureihe zu oft „dicke Mädchen“ von den Höhnern in der Entwicklungsabteilung in Untertürkheim gelaufen sein – oder Helmut Kohl hatte das Lastenheft für seinen neuen Dienstwagen selbst geschrieben. Anders lässt sich sein Erscheinungsbild nicht erklären. Das Auto war dick, breit, groß, klobig… um nur die meisten mit ihm in Verbindung gebrachten Attribute zu nennen. Der Skandal war perfekt, als dieses Dickschiff nicht auf den Autoreiszug nach Sylt passte. Wie sollte man jetzt standesgemäß auf ein Glas Spumante bei Gosch kommen?

War man allerdings in seinem natürlichen Element unterwegs; nämlich auf der linken Spur einer deutschen Autobahn, sah die Welt ganz anders aus – insbesondere, wenn man den ersten von Mercedes seit dem 2. Weltkrieg angebotenen V12 im S 600 unter der Haube hatte. Lauschte man nicht gerade klassischer Musik, umschmeichelte die Insassen dank Doppelverglasung absolute Totenstille.

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Sind die Baureihen W 116 und W 126 längst gesuchte Sammlerstücke für Liebhaber der Stuttgarter Marke, entwickelt sich der W 140 langsam ebenfalls zu einem solchen. Leider wurden von ihm in knapp acht Jahren mit 406.000 Einheiten nur in etwa halb so viele Fahrzeuge gebaut, wie von seinem Vorgänger.

Für welche Mercedes-Benz S-Klasse man sich auch entscheidet; es bleibt reine Geschmackssache und keinesfalls eine Frage der Qualität. Eine S-Klasse – egal welchen Alters – ist stets das jeweils beste Auto seiner Zeit. Was kann man da schon falsch machen? …vielleicht darauf warten, dass die ersten Nachfolger in Form der Baureihe W 220 als Youngtimer angeboten werden? Warten wir es ab!


Fotos Daimler AG

Autor: Christian Nikolai

Christian schreibt regelmäßig für Classic Trader; in erster Linie über Klassiker mit Stern. Seit Ende der 90er arbeitete Christian im Marketing und Vertrieb der Daimler sowie für einige Mercedes-Benz Händler, wo er die dortigen Classic-Abteilungen aufbaute und führte. 2020 hat er sich mit seiner Automotive Unternehmensberatung "RaumLenker MotorConsult" selbständig gemacht, die sich mit der Entwicklung von Vertriebs- und Marketingkonzepten beschäftigt. Außerdem engagiert er sich für Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen. Auto-Enthusiasten steht er beim Kauf eines klassischen Fahrzeugs gerne zur Seite. Zum Abschalten steht eine klassische Blech-Vespa in seiner Garage.

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