Rolls-Royce Silver Ghost – Einmal um die Welt

Dieser Rolls-Royce Silver Ghost war für ein Leben in Australien vorgesehen, jetzt kommt er zurück in seine englische Heimat – Schritt für Schritt

Rolls-Royce Silver Ghost

Es gibt nur wenige Rolls-Royce Silver Ghost aus dem frühen 20. Jahrhundert, die tatsächlich einmal um die Welt gereist sind. Robert Gaines-Coopers Silver Dawn genanntes Exemplar ist so eines, und es hat sich dafür Zeit gelassen. Ein ganzes Jahrhundert, um genau zu sein.

Die Reise begann im Herbst 1908, als der 48-Jährige Charles Howard Angas aus Angaston in Südaustralien einen Rolls-Royce 40/50hp – so die originale Bezeichnung der Baureihe – in der neu eröffneten Fabrik im englischen Derby bestellte. Auf der Chassis-Karte, die den Verkauf von Fahrgestell 922 begleitet, findet sich der durchgestrichene Bleistiftvermerk »Tozer« – ein Hinweis darauf, dass das Fahrzeug ursprünglich für eine Auslieferung durch den australischen Händler Tozer, Kemsley & Fisher vorgesehen war. Offenbar, hatte Angas sich anders entschieden, denn über dem Hinweis findet sich in Tinte der Name Charles Angas.


Rolls-Royce Silver Ghost Seite 1


Die Familie Angas war der größte Landbesitzer in Südaustralien. Ihnen gehörten sechs Millionen Hektar im Barossatal um Angaston. Der Ort, bestehend aus »einem Haus und einer Reihe von Schützengräben«, war 1842 als German Pass gegründet worden. Bis 1857 wuchs er unter der Führung der Familie Angas auf 2500 Einwohner und 400 Häuser an und wurde nach Charles Angas‘Großvater George umbenannt.

George Fife Angas, der gemeinhin als »Vater und Gründer von Südaustralien« galt, wurde 1789 in Newcastle-upon-Tyne im Norden Englands geboren. Mit 15 begann er in der Kutschwerkstatt seines Vaters Caleb zu arbeiten. 1824 gründete er in London die Spedition GF Angas & Company für den Import von Holz von den Westindischen Inseln und aus Südamerika.

Nach dem Tod seines Vaters 1831 übernahm er das Familienunternehmen, und im Jahr darauf gründete er die National Provincial Bank. 1835 wurde George Angas zum Colonisation Commissioner für Südaustralien benannt.

Im folgenden Jahr gründete George die South Australian Company und schickte ein komplettes Bankgebäude in Fertighausbauweise, dazu 20.000 australische Dollar und einen Bankmanager (!) in die Kolonien nach Australien, um die Union Bank und 1840 die South Australian Banking Company zu gründen. Bis 1843 erwarb er 11.000 Hektar Land im Barossatal und entsandte dann seinen 19-Jährigen Sohn John nach Australien, um sein dortiges Land zu verwalten. Nach dem Verkauf seines englischen Besitzes folgte der Vater acht Jahre später nach »Down Under«.


Rolls-Royce Silver Ghost Cockpit Rolls-Royce Silver Ghost Spirit of Ecstasy


Der religiöse George Angas ermutigte Gleichgesinnte, in die Kolonien auszuwandern. Darunter viele preußische Altlutheraner, die vor religiöser Verfolgung durch Friedrich Wilhelm III. fliehen mussten. Für eine kostenlose Überfahrt nach Australien verpflichteten sie sich als Gegenleistung, auf Angas‘ Land zu arbeiten. Und natürlich gehörten die Schiffe, mit denen die Auswanderer reisten, zur South Australian Company …

Rolls-Royce Silver Ghost – Einmal ans andere Ende der Welt und zurück

Charles Howard Angas – Johns Sohn und Enkel des Gründers –, geboren 1861 in London, übernahm den Aufbau des landwirtschaftlichen Imperiums nach dem Tod des 90-Jährigen Großvaters 1879. Die Zeitung »Adelaide Advertiser« schrieb dazu: »Was JH Angas für seinen Vater war, ist sein Sohn Charles für ihn«. Anfang 1909 reiste Charles mit seinen Söhnen Ronald und Dudley nach England, um Zuchtbullen für seine Herde zu kaufen – und um seinen neuen Rolls-Royce Silver Ghost in Empfang zu nehmen.

Rolls-Royce sah in dem reichen Kolonialisten offensichtlich einen wichtigen Kunden, denn der Geschäftsführer Claude Johnson ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich die Familie zu begrüßen. Er bot ihnen Testfahrten in Firmen-Vorführwagen an, darunter auch der Fahrgestellnummer 1100 – dem Auto, das als Silver Phantom berühmt werden sollte. Johnson sorgte ebenfalls dafür, dass der Familie ein Rolls-Royce mit Roi-de-Belges Karosserie von Rolls-Royce Ltd. für die Dauer ihres Aufenthalts in England zur Verfügung gestellt wurde, während ihr eigener Rolls-Royce Silver Ghost der Fertigstellung entgegensah. Seine Fürsorge zahlte sich aus: Schon wenig später ging eine Bestellung für einen zweiten Rolls-Royce mit der Fahrgestellnummer 1126 von Angas ein.

Am 3. März 1909 verließ das erste bestellte Chassis 922 das Werk in Richtung der Werksvertretung in der Londoner Conduit Street. Eine Notiz auf der Chassis Card beschreibt den Auftrag als »identisch mit 754«, dem bis dato letzten, 1908 nach Australien exportierten Rolls-Royce. Als Aufbauhersteller wurde Brainsby of Peterborough gewählt, »einer der besseren Karossiers der Provinz«. Für das Chassis 922 fertigte er eine cremeweiße Karosserie im Roi-de-Belges Stil. Zunächst mit dem Kennzeichen R-562 in England zugelassen, wurde 922 für Fahrten in Großbritannien eingesetzt, bevor es Ende des Jahres nach Australien verschifft wurde.

Über die Ankunft des »hellgelben« Wagens berichtete sogar der »Adelaide Observer« am 18. Dezember 1909. Der zweite Rolls-Royce 40/50 von Charles Angas, das Chassis 1126, kam kurz darauf an. Diesmal mit einer Zweisitzerkarosserie von Brainsby. 1912 kaufte Angas bei einem weiteren Besuch seinen dritten Rolls-Royce, einen Silver Ghost von 1911 mit der Fahrgestellnummer 1524. Der war vorher als »Royalty Loan Vehicle« eingesetzt, also leihweise der königlichen Familie überlassen worden. Da das Werk die dazugehörige Limousinenkarosserie von Hooper behielt, ließ Angas bei der Grosvenor Carriage Company eine auffällige Coupé de Ville- Karosserie im Brougham-Stil aufbauen.

Die Chassis Cards verzeichnen für Mitte 1910 eine Rückkehr von 922 nach England: Damals wurden neue Achsnaben für die Verwendung von Rudge-Whitworth Speichenrädern montiert. Der Einsatz im Barossatal muss einen hohen Preis gefordert haben: Im Juni 1911 und noch einmal im Januar 1914 wurden neue Vorderachsfedern und ein neuer Vorderrahmen notwendig.

Bereits vor der letzten Instandsetzung war der Rolls-Royce Silver Ghost im August 1912 zur Generalüberholung und eine Kühlerreparatur ins englische Werk nach Derby zurückgeschickt worden. Dort wurden die Zylinder aufgebohrt und neue geschmiedete Kolben eingesetzt.

Ebenso erhielt 922 ein neues Getriebe und eine von 2,4:1 auf 2,9:1 reduzierte Hinterachsübersetzung. Obwohl Charles Angas nicht nur auf Rolls-Royce fixiert war – so erwarb er im Mai 1914 einen neuen 30hp Sechszylinder Sheffield Simplex – behielt er den Silver Dawn zehn Jahre bis 1919, bevor er ihn an einen N Duval in Sydney weiterverkaufte.


 


Text Glen Waddington // Fotos James Lipman

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