Range Rover Classic – Spurensuche in Cornwall

Das Sammlerinteresse am Range Rover Classic ist ungebrochen. Mit einem frühen Zweitürer fuhren wir an den Originalschauplatz des Pressetermins zur Präsentation der ersten Serie von 1970.

Range Rover Classic Totale 1

Inmitten eines spektakulären Sonnenaufgangs an der Südküste Cornwalls zeichnet sich die klare Silhouette eines frühen Range Rover Classic ab. Dieses lässig auf dem Sand geparkte Exemplar ist eine Ikone. Denn der Range Rover hat Berge erklommen, Wüsten durchquert und den Automobilmarkt revolutioniert. Außerdem entwickelt er sich seit einigen Jahren zum heißbegehrten Sammlerobjekt. Wie groß das Interesse ist? Sucht man ein frühes Modell, sollte man mit sechsstelligen Preisen rechnen.

Abseits des Strandes steht ein neuer Range Rover und wirkt ein bisschen überflüssig. Dem Klassiker ist er zwar in jeder Hinsicht überlegen – besser im Gelände, schneller, leichtgängiger, sicherer, mondäner –, aber er ist eben einfach zu breit, um die Betonpoller zu passieren, die den Privatstrand von Bream Cove säumen. Das ist schade, weil dieser Ort Range Rover-Geschichte atmet!

Die Betonrampe wurde im Juni 1970 in höchster Eile eigens für die Pressevorstellung des Ur-Range Rover gebaut. Die zwanzig handverlesenen Journalisten sollten ihre Fotos schließlich aus nächster Nähe schießen können. Ein paar hundert Meter von hier im Meudon Hotel hatten sie sich damals alle eingefunden, um dem großen Ereignis beizuwohnen. Sie konnten noch nicht ahnen, dass dieses British Leyland-Modell sich so erfolgreich entwickeln würde. Dabei sind Range Rover nicht nur die begehrtesten und luxuriösesten Nutzfahrzeuge, sondern auch bei Weitem die vielseitigsten Wagen ihres Segments. Wir wollen heute die Spuren der Journalistenmeute zurückverfolgen und genau wie diese im Hotel Meudon einchecken. Das Meudon wird heute von Gaye Woods geführt. Sie zählt den Pressetermin zu ihren Kindheitserinnerungen.

Range Rover Classic Cockpit Range Rover Classic Front Range Rover Classic Motor

Range Rover Classic – Der Ur-Range

Mit unserem frühen Range Rover Classic wollen wir die original Teststrecke der Jungfernfahrt absolvieren. Wir wollen die Rugged Blue Hills-Mine an der Nordküste besuchen, die Off-Road Demonstrationen des Fahrverhaltens nachstellen und alle Schauplätze des Publicity-Fotoshootings besichtigen. Bis hin zum St Eval Airfield-Gelände, wo damals die Beschleunigungstests absolviert wurden. Ein ganz schönes Programm! Unser Ziel ist es, den Range Rover Classic genauso zu erleben, wie er vor 46 Jahren vorgestellt wurde. Am Ende dieser Tour werden wir genau wissen, worin seine Faszination besteht und was das Fahren mit ihm so besonders macht.

Keine Frage, wer uns dabei am besten hilfreich zur Seite stehen würde. Roger Crathorne, einer der drei Ingenieure des ursprünglichen Entwicklungsteams, war definitiv unsere erste Wahl. Richtig gelesen: drei Männer schafften es im Alleingang diese Ikone produktionsreif zu bekommen – sieht man einmal ab vom Stylingteam unter der Leitung von Gordon Bashford. Der arbeitete bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren immer noch für das Unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt war er allerdings sowieso schon »Mr. Land Rover«, DER Range Rover-Geschichtsschreiber und Off-Road-Guru, der seinem Titel nach wie vor alle Ehre macht.
Der einzige andere ernsthafte Anwärter auf den vergebenen Titel »Mr. Land Rover« ist zweifellos der Australier Michael Bishop, heute bei Land Rover Classic in Solihull. Zuvor hatte er fünf Jahre als Coach in der Land-Rover-Experience-Abteilung gearbeitet. Mehr als 25 Jahre Eigentümer-Erfahrung hat er bis heute vorzuweisen und einige Bücher zum Thema verfasst. Er ist der Autor des Standardbuchs über den ursprünglichen Land Rover-Entwicklungsingenieur Arthur Goddard »They Found Our Engineer« und außerdem ein Vorbesitzer des frühen Range Rovers, den wir hier fahren. Er ist freundlicherweise extra angereist, um dabei zu sein.

Der Star unserer Unternehmung ist allerdings der Range Rover Classic im Farbton Bahama Gold. So thront er auf dem Strand, in Licht getaucht, das sich im Wasser bricht und auf den Verzierungen und den großformatigen Glasflächen funkelt. Er ist sich seiner Schönheit gar nicht bewusst. Die Range Rover-Ästhetik ist sachlich, mutet fast ein wenig industriell an und zugleich hinreißend originell.

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Diese Erfahrung beginnt schon beim Türgriff. Das sagt man gern so – hier ist die Bezeichnung hundertprozentig angebracht. Aufrecht, klobig, industriell und speziell, ohne Glamour. Dabei so zweckmäßig, wie er überhaupt nur sein kann. Und dann kommt der Aufstieg in den Fahrersitz und der Eindruck von Luftigkeit. Der Sitz ist nach heutigen Standards bemessen nicht besonders hoch, die Mitte des Wagens ist aber so niedrig, dass die Fensterunterkante an der oberen Hälfte meiner Oberschenkel ansetzt.

Eine nur minimale Polsterung der Türverkleidung (und überhaupt keine Polsterung des Armaturenbretts), die Abwesenheit von Kopfstützen und der breite Getriebetunnel zwischen den Vordersitzen verleihen dem Range Rover ein derart großzügiges Raumgefühl, dass kein moderner Wagen mithalten könnte. Die puristischen Armaturen wirken sich nicht zum Nachteil des Wagens aus. Im Gegenteil. Es ist clever, dass man die Instrumente in einer kleinen Verkleidung über der Frontplatte untergebracht hat, günstig zum Wechsel auf Linkssteuerung. Konsole und Armaturenbrett sind zweckmäßig und angenehm symmetrisch strukturiert.

Der Schaltknüppel ist im Kontrast zum kompakten Wählhebel geradezu grotesk lang. Neben diesem wirkt der Aschenbecher ein bisschen wie draufgepappt. Sieht aus wie ein Nachtrag … »Das stimmt auch!«, sagt Roger. »Wir waren eben alle Nichtraucher im Ingenieursteam.« Zu jedem Detail gibt es eine nette, bodenständige Anekdote. Dass das so ist, hat ebenfalls einen guten Grund, der eng mit dem Pressetermin in Cornwall zusammenhängt. »Eigentlich war das Event in Marokko geplant« sagt Roger. »Wir hatten alles ausgekundschaftet für den Markteinführungstermin im November 69. Die Marketingabteilung hatte uns sogar vorgegeben, eine Strecke in der Umgebung des La Mamounias zu finden. Des berühmten Hotels in Marrakesch, in dem Churchill einzukehren pflegte.« (Der Premier prägte den Satz ‚Der schönste Platz auf Erden, um einen Nachmittag zu verbringen, ist Marrakesch.‘)
»Als wir aus dem Weihnachtsurlaub zurückkamen, gab es ein kleines Team-Meeting, nur die Ingenieure Geoff Miller, Alan Wood und ich. Uns wurde verkündet, die Markteinführung sei drei Monate vorverlegt. Wir waren konsterniert ‚Das ist nicht euer Ernst …‘, ‚Wir sind noch gar nicht fertig!‘ ‚Das könnt ihr Lord Stokes persönlich erklären!‘

Also mussten wir einen Berg Arbeit in ganz kurzer Zeit erledigen, um die Entwicklung abzuschließen und die Wagen in die Fertigung zu bringen, damit sie beim Pressetermin fahrtüchtig und in präsentablem Zustand waren. Ach ja, und der Termin sei jetzt in Cornwall. Lord Stokes hatte der Regierung oder den Gesellschaftern gegenüber fallengelassen, wir brächten alle sechs Monate ein neues Modell auf den Markt. Im selben Jahr kam der Triumph, mit dem Range Rover war die Quote erfüllt. Das hat uns mehr als ein paar Nachtschichten extra eingebracht!«

Range Rover Classic Totale 2


Text David Lillywhite // Fotos Justin Leighton

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