Einsatz in Manhattan

NEW YORK IST JEDEM VERTRAUT, SELBST WENN MAN NIE DA WAR. DA BEWEGEN WIR UNS WIE IM FILM – MIT KINO-KLASSIKERN. STILVOLL WIE HOLLYWOOD. GANZ GROSSES KINO, ACTION & SPANNUNG. WEN STÖRT ES DA, DASS DIE KLASSIKER SO SIND WIE DIE KULISSEN IM FILM? AUSSEN HUI, UNTENDRUNTER ... ÄH, WIDER ERWARTEN

Porsche 550 Shelby Cobra New York

Fahrradkurier in Manhattan zu sein, stelle ich mir nicht leicht vor. Nun schiebt sich wieder so ein furchtloser Reiter millimetergenau an meinem 66er Ford Mustang Cabrio vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Aber an dem Dodge Charger vor mir kommt er nicht vorbei. Meinem grünen Stang fehlen zum korrekten Bullitt-Mobil zwei Jahre und ein Hardtop, doch Mike fährt mit dem pechschwarzen 68er Dodge Coupé ein ziemlich perfektes Abbild des Leinwand-Bösewichts aus dem Steve McQueen-Klassiker. Beide – der Mustang und der Charger – wirken hier in SoHo, im südlichen Teil Manhattans, wie übriggebliebene Requisiten aus einem alten Film. Der Ford und der Dodge gehören zum vierzig Fahrzeuge zählenden Stall des Manhattan Classic Car Club, der (reichen) New Yorkern das Vergnügen am Wochenendausflug mit einem Oldtimer oder einem Exoten zu ermöglichen – ohne die damit verbundenen Nachteile.

Dodge Charger RT New YorkPorsche 550 Shelby Cobra New York 1

Größtes Problem für einen New Yorker Autofahrer ist der Parkplatz, eine Herausforderung auch für den Club-Chef Zac Moseley und sein Team an der Hudson Street. Direkt am Eingang zum Holland Tunnel zwängt sich eine nicht enden wollende Karawane von Honda Accords und Toyota Corollas am Showroom des MCCC vorbei. Eine Ford GT40 Replica in legendärer Gulf-Livrée grüßt aus dem mit Exoten vollgestopften Showroom wie ein Relikt aus einer gar nicht mal so fernen Vergangenheit. Eine Replica? Wer leiht sich gegen teures Geld einen Oldtimer fürs Wochenende, wenn der dann noch nicht einmal echt ist? »Da unsere Kunden die Autos nicht besitzen«, sagt darauf Moseley, »kommt es ihnen nicht auf die Echtheit oder die Historie an, sondern allein auf den Fahrspaß. Wir sorgen dafür, dass alle Fahrzeuge immer perfekt gewartet und jederzeit einsatzbereit sind. Der Kunde muss nur den Schlüssel und das Auto holen, und am Ende wieder tanken, das ist alles.«

Dodge Charger in Manhattan

Aus dem Angebot haben wir uns einen 66er Ford Mustang ausgesucht und den schwarzen 68er Dodge Charger. Die Kenntnis der Jahreszahlen ist hier ungeheuer wichtig, denn über die Tatsache hinaus, dass ein Modell in den 60er-Jahren jedes Jahr anders aussah, gehört die Ansage des Modelljahrs auch zu den häufigsten Gesprächs-anbahnern beim Ausflug mit einem Oldtimer. »What year? 65?« Kaum jemand bleibt von unseren Oldtimer unberührt, jeder will wissen, was für ein Modell es ist, und meint, das Jahr zu kennen. Da ist es wichtig, die richtigen Antworten geben zu können. »66 Mustang«, lässig dahingesagt, den Arm auf der Türkante, zeichnet einen als informierten Insider aus. Mit Schulterzucken – »Don’t know, it’s a Ford« – outet man sich als Loser. Dabei ist auch unser Alt-Forderer nicht in allen Teilen original. Unter der Haube werkelt zwar ein Mustang-V8, aber ein Fünfliter-Aggregat aus einem »Fox«, also einem Mustang aus den späten 80er-Jahren. »Zuverlässigkeit«, nennt Moseley als Grund, außerdem »Haltbarkeit, Leistung, Fahrspaß«.

Shelby Cobra Manhattan

Der Dodge und der Ford zeichnen sich dabei auch wirklich als ausgesprochen zuverlässige, alltagstaugliche und vergnügliche Untersätze aus. Ein überzeugendes Erlebnis. Eine silberne Backdraft Cobra mit 5-Liter-V8 und 350 PS rollt für uns auf die Hudson Street, der Fotograf wünscht sich als Gegenstück den silbernen Porsche 550 Spyder, der – geneigte Leser ahnen es – dem sündteuren Original bis auf die Schrauben nachempfunden ist, aber eben kein Original. Im »dreieckigen« Stadtteil Tribeca sind die Cafés und Menschen hübsch, er ist also der ideale Prüfstand – um zu messen, wie New Yorker auf unsere silbernen Ikonen reagieren. Die Cobra holpert ungebührlich über den Asphalt, die Hinterachse (aus einem BMW) klappert, das Getriebe hakt. Ich gebe mir Mühe, gelassen zu wirken. Vor dem Serafina in der 9. Avenue parken wir beide Fahrzeuge und lassen der Begeisterung der New Yorker freien Lauf. Handykameras werden gezückt, und wir verstehen auf einmal, welchen Nutzen eine solche Mitgliedschaft für den ein oder anderen Wall Street Banker haben kann.

Ford Mustang Cabrio Manhattan Ford Mustang Cabrio New York

Auf dem Rückweg passiert es dann. Ausgerechnet die Cobra ist inkontinent, verliert Kühlwasser. Die Temperatur ist bei glühend heißen 280 Grad Fahrenheit angekommen. Unser Mann Mike vom MCCC ruft sofort beim Technikteam in der Hudson Street an, es dauert nur zehn Minuten, bis ein Mechaniker anrauscht. Im Audi RS4 – in was denn auch sonst? Der Fehler ist schnell gefunden: Der Kühlerventilator war nicht angeschlossen, hatte den ganzen Nachmittag nicht gekühlt. Doch nun startet die Cobra trotzdem nicht. Vielleicht doch eine Kopfdichtung? »Nein«, sagt Mechaniker GJ gelassen, »das ist ein Eisenmotor mit einer Eisendichtung, da geht nix kaputt.« In unserer Not über die Hitzewallung unserer Giftschlange hatten wir die Benzinzufuhr abgeschaltet. Mit einem Klick ist alles wieder da. GJ steigt aus, setzt sich in seinen RS4 und rauscht davon. Mir bleibt die Rückfahrt in der Cobra und das Wissen, dass sämtliche (echten und befürchteten) Pannen mir heute keine grauen Haare verursacht haben. Das ist wahrscheinlich das überzeugendste Verkaufsargument für den Manhattan Classic Car Club.

Muscle Cars in New York


Text Axel E.Catton // Fotos Joe DeSalvo/Davidis Film


 

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