DeLorean DMC-12 – Belfasts’s Silberkugel

Einst war er das Sinnbild für Zukunft. John Simister kurvt mit dem legendären DeLorean DMC-12 über die originale Teststrecke in Nordirland.

DeLorean DMC-12

Im Jahr 1980 stand sie bereit: Eine brandneue Piste, piekfein und scharf geschnitten, für den Straßentest der DeLorean DMC-12-Modelle aus der neuen Fabrik der DeLorean Motor Company in Dunmurry, südwestlich von Belfast. Ihre Freiflächen waren spärlich bepflanzt mit schlanken Bäumchen und kleinen Sträuchern, umgeben von üppigen Wiesen. Eine Testpiste, bestehend aus einer schnellen Gerade plus Steilwandkurve, ein paar S-Kurven und einer Haarnadelkehre. Außerdem wartete auf die Neuwagen grobes Pflaster, ein welliger Stoßdämpfer-Härtetest, ein Rillenabschnitt und sogar ein bewässerter Streckenabschnitt.

2016 sind wir zurück in Dunmurry. Die Pflege der Bepflanzung wurde 1983 jäh unterbrochen, als DeLorean das Gebäude aufgab. Seitdem ist das einst offene Gelände von einem Wald besetzt worden. Die verlassene Straße windet sich zwischen Bäumen hin- durch; Moos, Algen, welke Blätter und Äste bedecken den Beton oder haben sich hineingefressen. Der Maschendrahtzaun, der böse Jungs daran hindern sollte, die funkelnden Wagen auf ihren Runden mit Steinen zu bewerfen, ist verzogen und zerrissen.

Von der industriellen Hoffnung zu einem Archäologiepark innerhalb eines Dritteljahrhunderts – während Nordirland selbst zu einem lebenswerten Flecken wurde, dessen Einwohner die Vergangenheit mehrheitlich hinter sich gelassen haben. Selbst die alten DeLorean-Gebäude brummen wieder vor Geschäftigkeit, seit sie vom Aluminiumgussfabrikanten Montupet übernommen worden sind. Heute werden hier Tausende von Zylinderköpfen und sonstige Bauteile gefertigt. Sogar das »Räder-Gebäude« gibt es noch, wo einst die Jet-Turbinen nachempfundenen Felgen des DMC-12 entstanden sind – und die von Montupet bis heute. Aber die neue Firma braucht keine Teststrecke.


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DELOREAN DMC-12 – »Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht.«

Ausnahmsweise funkelt heute wieder rostfreier Stahl durch die Bäume. Ein DeLorean von 1981 wirbelt Blätter auf, während er vorsichtig Fahrt aufnimmt und eine Schneise durch das Laub fräst. Sein Baujahr war ein maßgeblicher Punkt in der Geschichte des DMC-12. Damals schien alles wie am Schnürchen zu laufen, als Arbeitsminister James Prior zum Produktionsstart vor Ort John Zachary DeLorean traf, um die neuen Werkstätten einzuweihen und sich der eindrucksvollen Gründerleistung zu erfreuen.

Bereits einen Monat später zeigten sich erste Risse in der Neugründung, die DeLoreans Traum zerstören sollten. Innerhalb von zwei Jahren avancierte das futuristische GT-Coupé, dessen Zielgruppe in der Klientel »rattenscharfe Uni-Absolventen« verortet wurde, zu einem Symbol für Korruption und Misswirtschaft. Der DMC-12 erlebte einen turbulenten Niedergang. Seinen Ruf vermochte selbst ein Hollywood-Blockbuster nicht zu kitten, da war bereits alles zu spät. Die Kritiker überschütteten den Möchtegern- Sportwagen mit Spott wegen seines Übergewichts, seiner Untermotorisierung, seines unglücklich platzierten Antriebs und seiner Flügeltüren, die sich leider ein bisschen zu oft entweder gar nicht schließen oder nicht öffnen ließen.

Mike Loasby, ehemaliger Aston-Martin-Ingenieur und Verbindungsmann in der technischen Liaison von DeLorean und Lotus, erinnerte sich daran, wie das Ganze aus dem Ruder lief: »Wir bastelten gerade an einer Vierrad-Variante. Dann gerieten wir unter Konkursverwaltung, und der Wagen verschwand auf mysteriöse Weise von der Bildfläche.«

Dieser spezielle DMC-12 gehört Brian Hamilton, der nahe Dunburry wohnt und das gesamte Drama miterlebt hat. Es handelt sich um ein Exemplar mit US-Spezifikationen, heimgeholt von einem Käufer in Liverpool. Der amerikanische Besitzer hatte es an seine Finanzierungsgesellschaft verloren, während DeLorean parallel in ähnlichen Verlegenheiten steckte. Es hat den originalen, eher hoch gesetzten Frontradstand und sogar noch seine Katalysatoren, obwohl diese nicht mehr allzu viel taugen dürften.

Der Tachometer reicht bis zum 85-Meilen-Strich (140 km/h), aber natürlich schafft der DeLorean DMC-12 höhere Geschwindigkeiten. Obwohl die V6-Maschine mit 2,8 Litern Hubraum, entstanden aus einer Kooperation mit Peugeot, Renault und Volvo (PRV), in der gedrosselten Volvo-262C-Variante lediglich knapp 130 PS entwickelt. In Brians Fahrzeug dürften es ein paar mehr sein, eingedenk der verringerten Katalysatorleistung. Aber vermutlich ein gutes Stück entfernt von den 165 PS der wenigen europäisch spezifizierten DeLoreans.

»Die Autos sind in Schüben entstanden«, sagt Brian. »Mit jeder Charge hat man dazugelernt, wie man sie am besten hinbekommt. Und dieses hier stammt aus einem der besten Zyklen. Nach dem Bankrott wurden sie in der Fabrik gerade soeben mit dem gebaut, was an Teilen noch da war.«

Er weist darauf hin, dass sein Wagen den letzten und einfachsten Entwurf der Kühlerhaube besitzt. Die erste war mit einer gläsernen Klappe vor dem Scheibenwischer der Fahrerseite für einen schnellen Wartungszugang ausgestattet, die zweite wurde mit einem Leistenpaar versehen, und die dritte schnörkellos ausgeführt.

Diese Schnörkellosigkeit steht stellvertretend für die Einfachheit der gesamten Form aus der Feder von Giorgetto Giugiaro. Seine Proportionen entsprechen einem Wagen mit Frontmotor, aber natürlich steckt das Aggregat im Heck wie der PRV V6 im zeitgenössischen Alpine A310. Colin Chapman hatte sich den DMC-12 in der Umsetzung von DeLoreans wankelmütigen Ideen mit Mittelmotor vorgestellt, ähnlich dem Lotus Esprit. Aber DeLorean bestand auf einem Heckmotor, um hinter den Sitzen Platz für einen Satz Golfschläger zu lassen.

Davon abgesehen sorgte die Lotus-Neukonstruktion des DMC-12, basierend auf einem Chassis mit stählernem Rückgrat statt einem Schalenrumpf, für einen Wagen mit ausgeprägtem Lotus-Charakter. Die Karosserie war ebenfalls nach Lotus-Art gestrickt – dank oberer und unterer Hälfte im Druckgussverfahren aus Fiberglas. Der rostfreie Stahl ist lediglich eine Verkleidung, die den 180-Kilo- Unterschied zum Esprit ausmacht.


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Text Octane // Fotos Amy Shore


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