Stösser-BMW – Der Erste seiner Art

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Ein über 80 Jahre alter Stösser-BMW erschüttert dieser Tage die Klassiker-Welt. Ist der fälschlicherweise als BMW 303 angebotene Rennwagen wirklich der erste seiner Art? Unser Fachmann versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

Sensationsfund oder Ente? Echte Rarität oder unglücklicher Umbau? Nicht ohne Grund fragt man sich, ob der BMW-Kompressor-Rennwagen, der seit ein paar Wochen durch die Medien geistert, die Aufmerksamkeit verdient, die er bekommt. Denn die Entdeckung wäre eine Sensation – insofern sich Spekulationen um seine Bedeutung erfüllen. Blicken wir also mit kritischen Augen auf einen Wagen, der das Zeug zum Fund des Jahres hat…

Kein leichtes Erbe

Kaum eine Marke steht neben elitären Herstellern wie Porsche oder Ferrari so für Sportlichkeit wie BMW. Die Freude am Fahren kommt schließlich nicht von Ungefähr. Tourenwagen, Langstrecke, Formel 1 – kaum eine Disziplin, in der sich das Werk nicht engagierte. Doch anders als beispielsweise Mercedes-Benz oder Auto Union verfügt BMW über keine gut dokumentierte Renngeschichte vor dem zweiten Weltkrieg. Ganz im Gegenteil. Erst Anfang der 30er und parallel zur politischen Förderung des deutschen Motorsports begann man überhaupt mit echten Eigenentwicklungen.

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Stösser-BMW – Urahn der heissen Sechszylinder

Erst ab dem 315/1 (1934 bis 1936), welcher letztlich auch den Weg des legendären 328 ebnete (1936 bis 1942), vermochte das Image echter Sportlichkeit auf die Marke abzustrahlen. Doch durch die politischen Wirren des zweiten Weltkriegs, die zwangsweise Einstellung des Motorsports in Europa und den damit zerstörten Hoffnungen endete die Ära dieser frühen BMW-Sportwagen viel zu zeitig.

Umso interessanter ist der auf diesen Seiten abgebildete, wie aus dem Nichts aufgetauchte Rennwagen mit Fahrgestell und Motor aus dem BMW-Werk Eisenach. Wie sich in den letzten Monaten herausstellte, ist das rote Unikat von 1934 wohl das erste Fahrzeug von BMW, das überhaupt für den Motorsport gebaut wurde. Zwar hat man den Wagen – wie damals durchaus üblich – ohne Karosserie ausgeliefert und bei der Konstruktion auch auf Serienteile zurückgegriffen. Denn ambitionierten Motorsport mit Werks-Engagement gab es erst ab 1937. Doch, das belegen Dokumente hausinterner BMW-Experten, wurde das Auto mit dem BMW-typischen Rundrohr-Rahmen in der Tat vom wohlhabenden Piloten Eugen Stösser als expliziter Rennwagen in Auftrag gegeben.

AVUS, Nürburgring & Co.

Stösser – Rennfahrer und Investor in Personalunion – ließ im Sinne einer sich anbahnenden Partnerschaft mit der Firma Zoller (die auch Kompressoren für BMW-Rennmotorräder lieferte) einen Verdichter an seinem Front-Mittelmotor installieren. Das war außergewöhnlich, denn bis heute gibt es kein vergleichbares Setup aus dem Hause BMW. Den kleinen, nur 1098 ccm messenden Sechszylinder brachte er so auf gesunde 75 PS. Eine langgezogene Nase mit großem Kühlergrill, die Platz für das Zusatz-Aggregat schaffte, war somit zwei Jahre lang das Erkennungsmerkmal dieses seltenen Vehikels. Stösser kämpfte bis Ende 1935, teilweise an der Seite der weltberühmten Silberpfeile, um Ruhm und Ehre. Zehn Veranstaltungen in Berlin, der Eifel oder in Österreich sind mit der Vita des Wagens verknüpft, der zweimal Gesamtsieger wurde, dann aber über Nacht verschwand.

Stösser verkaufte den BMW schon Ende 1935, als der Rennmotor wohl bereits entnommen war. Mit seinem neuen Besitzer Georg Stiller begann eine Odyssee, die das Auto für Jahrzehnte zum Sonderling machen sollte: Stiller veränderte die Karosserie maßgeblich, baute einen 1500 ccm-Motor ein und fuhr den Wagen im Alltag. So erhielt der frühere Stösser-BMW Schutzbleche, eine neue Front und Scheinwerfer hinter dem nun markant geteilten Kühlergrill.

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Fern der Heimat

Über allerlei Umwege wurde der BMW, so die durchaus nachvollziehbare Überlieferung der Vorbesitzer, in die USA exportiert und dort im öffentlichen Straßenverkehr genutzt. Als er 2008 für eine Revidierung nach Deutschland zurückkam und schließlich zum Kauf angeboten wurde, wusste niemand mehr vom Erbe dieses Fahrzeugs. Zu sehr verklärte die ungewöhnliche Silhouette des umgebauten Vorkriegs-Fahrzeugs die Vergangenheit.

Der neue Eigentümer erwarb den früheren Stösser-BMW schließlich als umgebauten „BMW 303 mit Stiller-Rennkarosserie“. Doch BMW-Experten wurde hellhörig. Ein Wagen mit so weit nach hinten versetztem Motor? Mit einer ungewöhnlichen Aufnahme am Rahmen, die sich später als Druckleitung des Kompressors entpuppte? Mit Dokumenten, die den Wagen als früheren Besitz Stössers identifizierten? Der Abgleich mit historischer Literatur brachte schließlich Sicherheit: Die Rahmennummer 46534 muss einst von einem Zoller-Kompressor mit Vollgas über staubige Pisten gepeitscht worden sein.

Was bin ich?

Über die Geschichte des Fahrzeugs herrscht mittlerweile Einigkeit. Experten, das Werk und frühere Eigentümer sind überzeugt: Dies ist der 84 Jahre alte Rennwagen von Eugen Stösser. Jedoch mag die Einordnung dieser Wiederentdeckung zu unterschiedlichen Schlüssen führen: Auf der einen Seite ein Fahrzeug mit Renngeschichte, nachweislichen Erfolgen und einer für die Marke BMW ganz und gar einzigartigen Konstruktion. Ein Kompressor mit sechs Zylindern – eine sportliche Ikone. Auf der anderen Seite ein Unikat, das privat motiviert und nur für kurze Zeit eingesetzt wurde, um dann für lange Zeit als Alltagsklassiker von der Bildfläche zu verschwinden. Dieser ganz besondere Lebenslauf macht die Bewertung seines historischen Werts nicht eben einfacher. Zumal ein authentischer Kompressor erst gefunden oder nach originalen Plänen neu gebaut werden muss. Offenbar ist die aufregende Geschichte des ersten Rennwagens von BMW noch lange nicht vorbei.

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Text Henry Ortmann Fotos Sven Wedemeyer

Autor: Classic Trader

Die Classic Trader Redaktion besteht aus Oldtimer-Enthusiasten, die Euch mit spannenden Geschichten versorgen. Kaufberatungen, unsere Traum Klassiker, Händlerportraits und Erfahrungsberichte von Messen, Rallyes und Events. #drivenbydesire

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