Kolumne Zeitsprünge | Porsche 924 Turbo – Der Kleine schockt die Großen

Porsche 924 Turbo (1)

Understatement in einem Porsche? Bislang schlicht unmöglich. Schon der 911 SC-Pilot demonstriert, dass er bereit war, mehr als 40.000 DM für einen Zweisitzer hinzublättern. Wer etwa einen 930 Turbo oder einen 928 chauffiert, bewegt sich ohnehin „jenseits von gut und böse“. Und wer einen Porsche 924 sein eigen nennt, bei dem hat es eben nicht für einen „echten“ Porsche gereicht. 125 PS für gut 25.000 Mark, das gibt es an jeder Ecke.

Trotzdem wird es in Zukunft weit mehr 924-Fahrern geben, die an ihrem Auto einen Heidenspaß haben. Etwa, wenn sie einem 911 die Rücklichter zeigen, der gesamten BMW– und Mercedes-Flottille war vom Beschleunigung oder sich sogar mit dem Flaggschiff aus dem eigenen Hause anlegen, mit dem Achtzylinder-928.

Porsche 924 Turbo (14)

Die Geburt des Porsche 924 Turbo

Knapp drei Jahre nach der Geburt des „Baby-Porsche“ ermöglicht ein kleines Zusatzaggregat diese sprunghafte Entwicklung: ein Abgas-Turbolader. Die Motor-Abgase, die bislang ungenutzt verpufften, treiben jetzt auf ihrem Weg ins Freie eine kleine Turbine an. Diese wiederum beflügelt ihre „Schwester“ im Ansaugtrakt, die nun heftig Frischluft in die Brennräume schaufelt: der Motor muss sich sein Gemisch nicht mehr mühsam ansaugen, er wird mit Nahrung vollgestopft – und damit zu ungeahnten Leistungen fähig: Aus 125 werden 170 PS; aus einem Drehmoment von 16 werden 25 mkp. Daten, auf die mancher dicke Sechszylinder stolz wäre.

So muss sich der neue Porsche 924 Turbo auch im Fahrbetrieb vor keinem Hubraumriesen verstecken. Im Gegenteil: In weniger als 8 Sekunden sprintet er auf 100 km/h. Und beschleunigt spürbar und ohne Pause weiter, bis er endlich bei Tacho 240 nichts mehr zuzulegen hat. Besonders beeindruckend ist dabei die Kraft, die der kleine Motor auch noch bei hohen Geschwindigkeiten entwickelt und mit der er die steilsten Autobahnberge geradezu glattbügelt.

Porsche 924 Turbo Motor (22)

Lediglich bei geringerem Tempo erfordert Turbo-Fahren etwas Gewöhnung. Denn der Lader kann erst wirksam werden, wenn er durch einen genügend großen Abgasstrom angetrieben wird. Erst ab 2800/min fängt er spürbar an zu blasen. Das heißt für den Fahrer eifriges Schalten und immer etwas früher Gas geben als gewohnt, um Ladedruck aufzubauen. Dinge, auf die man sich sehr schnell einstellt, um sich dann dem reinen Fahrvergnügen hinzugeben.

Ein phantastisch leiser Motor, wenig Windgeräusche, ein funktionelles Cockpit und das gut abgestimmte Fahrwerk machen Schnellfahren fast zur Erholung. Wer im Stadtverkehr noch über die zu steife Lenkung murrt, lässt sich auf der Landstraße schnell bekehren: Zusammen mit den ausgezeichneten Sitzen und dem absolut neutralen Fahrverhalten erlaubt die Lenkung Kurvenfahrten mit traumwandlerischer Sicherheit.

Und wer nach der ersten Sturm-und-Drang-Periode dann etwas sanfter mit dem Gaspedal umgeht, wird bald feststellen, dass der Benzinverbrauch von rund 20 Litern fast die Hälfte sinkt. Den nur bei Lader-Einsatz wird der Motor vollgeschaufelt. Bei ruhiger Fahrweise trudeln die Lader-Turbinen nur mit: Der Porsche wird dann von einem genügsamen Vierzylinder-Motor angetrieben.

Porsche 924 Turbo (10)

Pro und Contra Porsche 924 Turbo

So spricht am Ende alles für den Porsche-Neuling: Wenn da nicht der Preis wäre. Der Porsche 924 Turbo wird rund 38.000 Mark kosten – 12.000 Mark mehr als sein normaler Serienbruder, der sich äußerlich kaum unterscheidet. Natürlich verlangt Porsche zwölf Riesen nicht für die bloße Montage eines Laders: Der Motor musste modifiziert werden. Er trägt einen neuen Zylinderkopf und wird durch einen Ölkühler vor zu starker thermischer Belastung, die immer auftritt, wenn der Lader voll arbeitet, geschützt. Das Fahrwerk wurde modifiziert: Vorn und hinten verzögern jetzt innenbelüftete Scheibenbremsen. Ein Heckspoiler verbessert den Cw-Wert.

Doch so viel man aufrechnet, es bleibt ein ungutes Gefühl. Schließlich hat Saab im vergangenen Jahr auch einen Turbo präsentiert und ganz ähnliche Maßnahmen ergriffen. Trotzdem beschränkt sich bei den Schweden der Aufpreis – je nach Modell – auf 1.500 bis 4.000 Mark.

Porsche 924 Turbo Interieur (35)

So liegt der Verdacht nahe, dass sich Porsche einfach das Turbo-Image bezahlen lässt, das neue Auto durch den Preis exklusiv macht und den Understatement-Effekt perfektioniert.

Denn wie sagte doch einer der führenden Techniker auf die Frage, warum Porsche nicht etwa den fünf Zylinder-Audi-Motor zur Leistungssteigerung des 924 herangezogen habe: „Die Turboaufladung bedeutet für uns die relativ geringste Investitionen für eine wirklich deutliche Leistungssteigerung“.


Dieser Text ist erstmals am 27. November 1978 in der Zeitschrift hobby Heft 25/1978 erschienen.


Fotos Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Automobile – dabei sind auch mittlerweile mehr als 100 Bücher erschienen. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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