Kolumne Zeitsprünge | Porsche 911 SC/RS – Eine Rarität ersten Ranges

1984 Porsche 911 SC/RS (8)

Im Mai 1984 kam von der Presseabteilung von Porsche die Frage, ich nicht einmal ein Wochenende lang einen Porsche 911 SC/RS fahren wollte – eine Anfrage, die man natürlich nur mit JA beantworten konnte, denn der SC/RS war damals mit nur 20 gebauten Exemplaren nicht nur das seltenste Modell im Elfer-Programm, sondern auch mit einem Preis von 188.000 Mark das mit Abstand teuerste Modell des Hauses. Natürlich war klar, dass der verkappte Rennwagen über meine fahrerischen Qualitäten nur lächeln konnte, aber dennoch geriet das Wochenende zu einem der Beeindruckenderen meiner bald 45 Jahre als Motor-Journalist.

Am 13. Juni 1984 erschien dann in der Süddeutschen Zeitung ein größerer Beitrag, der sich unter dem Titel Thema mit drei Variationen Fahrberichte über den 911 Carrera, den 911 SC/RS und den 911 Allrad, mit dem René Metge in diesem Jahr die Paris-Dakar-Rallye gewonnen hatte, vereinte.

Die Einleitung des Beitrags lautete:

Im Herbst 1963 präsentierte der Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche den 901, der kurz darauf – auf den Protest von Peugeot hin – in 911 umgetauft wurde. Vergleichsweise harmlose 130 PS aus zwei Liter Hubraum leistete der Nachfolger des legendären 356ers. Mittlerweile ist der Hubraum des Basismodells auf 3,2 Liter angewachsen und die Leistung liegt bei 231 PS.

Im Laufe der vergangenen 21 Jahre ist der 911er aber nicht nur stärker und schneller (und dabei sparsamer) geworden – er entpuppte sich in seinen zahlreichen Rennvarianten auch als äußerst erfolgreicher Rennwagen. Die SZ hatte eine der seltenen Möglichkeiten, das Basis-Modell mit zwei Sport-Varianten, dem 911 SC/RS und der Allrad-Version zu fahren.

Nach einem längeren Fahrbericht vom 911 Carrera mit dem Titel „Besser denn je“ kamen dann die Zeilen zum 911 SC/RS mit dem Titel „Für die Rallye gebaut“.

1984 Porsche 911 SC/RS (1)

Porsche 911 SC/RS – Für die Rallye gebaut

Porsche vorzuwerfen, man hätte keinen Draht zum Motorsport wäre ein Witz. Andererseits hat man nur ein herz für einige Arten des Motorsports. Für diese These spricht die Tatsache, dass man den 911 – zwar recht erfolgreich –, aber nur vereinzelt im Rallye-Sport eingesetzt hat. Vielleicht haben Porsche ja die diversen Siege bei der Rallye Monte Carlo genügt.

Dieses Manko hat man in Zuffenhausen mit dem Bau von 20 Exemplaren des Porsche 911 SC/RS auszugleichen versucht. In dieser Homologations-Version hat der Sechszylinder noch einen Hubraum von 3,0 Litern und 255 PS Leistung, die dem nur noch 960 Kilogramm schweren verkappten Rennwagen zu noch besseren Beschleunigungswerten verhelfen. Die 100 km/h werden nach rund fünf Sekunden erreicht, und nach 17 Sekunden ist der SC/RS bereits 200 km/h schnell. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei einem Rallye-Wettbewerbswagen eher nebensächlich – kein Wunder, dass Porsche den 20 Käufern mehrere Getriebe- und Hinterachsübersetzungen anbietet, die – je nach geplantem Einsatz – zwischen 200 und 240 km/h zulassen.

1984 Porsche 911 SC/RS (6)

Überhaupt hat der Rallye-Einsatz absolute Priorität: Im Porsche 911 SC/RS fehlen Dämm-Matten und Teppiche; Türen, Motor- und Kofferraumdeckel sind aus Aluminium, die Verglasung ist aus Dünnglas und dass Zeit nicht nur Geld, sondern auch Gewicht sein kann, beweist die fehlende Zeituhr im Armaturenbrett.

Das Fahren eines solchen Wagens zeigt einmal mehr, wie verwöhnt der Normal-Fahrer mittlerweile ist: Die Pedalkräfte liegen deutlich über denen in Serienwagen, der Innenraumgeräuschpegel bewegt sich auf dem Niveau von Preßlufthämmern, und das Fahrwerk beweist nachdrücklich, dass Komfort nur Zeit kostet – es ist knallhart und demonstriert erst mit zunehmender Geschwindigkeit, was es in den Händen eines erfahrenen Piloten zu leisten vermag.

Einige wenige werden dies können – ob es ein Genuss ist, sei dahingestellt – andererseits zeigt die Fahrt in einem solchen Wagen, dass es harte Arbeit ist, etliche tausend Kilometer im Rallye-Tempo zurückzulegen. Der Porsche 911 SC/RS kann nur für Profis interessant sein, die nicht nur den Einstandspreis von 188.000 Mark zur Verfügung haben, sondern auch ausgezeichnet fahren können müssen – für den Normalverbraucher ist der Wagen aber bereits nahezu unfahrbar.

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Epilog zu den Porsche 911 SC/RS-Zeilen

Aus heutiger Sicht war das Wochenende mit dem 911 SC/RS ein in mancherlei Hinsicht merkwürdiges Wochenende – ich hatte bis dahin echte Rennwagen (914/6 GT / Carrera 2.7 / RS 2.8 und den 3-Liter-RSR) nur auf der Rennstrecke gefahren, wo die harte Kupplung, der kreischende Motor und das völlige Fehlen von Komfort dazu gehörten. Nun in einem gezähmten Rennwagen über die Autobahn und Landstraßen zu fahren, war ein völlig anders Erlebnis – und ich wundere mich noch heute, dass Porsche für diesen Wagen eine Straßenzulassung erhalten hatte. Die schmalen, dünnen Schalensitze hielten einen eisern fest und der Vierpunktgurt ermutigte einen auch, einmal die exzellenten Bremsen auszuprobieren.

Der schneeweiße, völlig harmlos aussehende Wagen – nur der große Heckflügel sorgte für etwas Aufsehen – wurde auch von Niemandem als große und teure Rarität erkannt. Wir fuhren am Samstag zu einem Porsche-Treffen am Chiemsee, wo nur sehr wenige Besucher den Wagen etwas näher unter die Lupe nahmen. Zwei oder drei Elfer-Fahrer erkannten die weiße Mauritius – die später mit dem belgischen Belga-Team etliche Europa-Meisterschaften gewinnen sollten – und fragten nach ein paar Details. Ein älterer Herr erklärte seiner Frau: „Das ist so etwas getuntes – sieh` Dir nur den falschen Auspuff an“.

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Wenn man sich heute überlegt, was die diese Fahrzeuge knapp 40 Jahre später wert sind, hätte man einen der 20 Wagen nach ein paar Jahren im Rallye-Einsatz erwerben und wegstellen sollen – das wäre die beste Lebensversicherung gewesen. Aber auf solche Gedanken kam man damals ja nicht – irgendwann war es halt ein alter Rennwagen.

Ich habe den Wagen auf jeden Fall am Montag wieder unbeschädigt zurückgegeben und es schien mir, dass der SC/RS etwas beleidigt war – er hätte mir wahrscheinlich gerne gezeigt, was er in den Händen eines Walter Röhrl gekonnt hätte.

In den nächsten Wochen werden noch die Zeilen zu dem „normalen“ 911 Carrera und den Impressionen mit dem 911 Allrad von René Metge erscheinen, mit dem der Franzose 1984 die Rallye Paris-Dakar gewonnen hatte.


Fotos Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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