Kolumne Zeitsprünge | Artega GT – Warum nicht etwas Neues wagen?

2012 Artega GT (5)

Klein, agil und leicht – der Artega GT wandelt auf den Spuren klassischer Sportwagen. Der Preis für den Fahrspaß: 74.983 Euro. Ein Fahrbericht aus dem Jahr 2008.

Natürlich kann man sich in diesen Tagen fragen, ob die Welt wirklich einen weiteren Sportwagen braucht – andererseits ist die Verlockung, sich doch einmal an einem eigenen Gefährt zu versuchen, zu groß. Das sagte sich auch Klaus Dieter Frers, der 1988 im Bahnhof von Delbrück eine kleine Elektronikfirma gründete und heute mit seinem Paragon-Konzern zu den wichtigsten Zulieferanten der Autoindustrie gehört.

Dann kam 2002 der Moment, an dem Frers – zusammen mit einem kleinen Edel-Autohersteller – eine Kombination aus einem Paragon-Interieur und einem akzeptierten Label in einer kleinen Serie zum Laufen bringen wollte. Dass der Partner Pleite ging, war nicht zu erwarten gewesen – also suchte man sich einen renommierten Designer und eine bewährte Technik, um das Aushängeschild des Konzerns zur Serienreife zu bringen. Das Ergebnis ist der Artega GT: Von dem Ex-BMW– und –Aston Martin-Designer Henrik Fisker gestaltet, mit einem 3,6-Liter-V6 von VW und 300 PS beflügelt und mit nur 1100 Kilogramm Gewicht ist der Artega für heutige Zeiten mehr als ausreichend motorisiert.

Eigenständige Form und Großserientechnik

Und man muss dem Dänen Fisker konstatieren, dass er den Wunsch von Klaus Dieter Frers, dem kleinen, handlichen und agilen Sportwagen eine eigenständige Form zu verpassen, gut gelöst hat: Der nur 401 Zentimeter lange, dafür aber 188 Zentimeter breite und 118 Zentimeter hohe Mittelmotorwagen kauert flach auf der Straße und bietet – trotz einiger Designanklänge an Ferrari und Lamborghini – einen eigenen Anblick, der auf den Straßen für einen hohen Aufmerksamkeitswert sorgt.

Und damit sich der Artega GT auf den Straßen nicht als Blender herausstellt, wurde der Wagen konsequent mit viel Aluminium, hochfesten Stählen und einer Karosserie aus kohlefaserverstärkten Verbundwerkstoffen auf Leichtbau getrimmt. Mit ganzen 1.100 Kilogramm Leergewicht vermittelt der Zweisitzer so für eine neue Leichtigkeit – eine Leichtigkeit, die von dem 300 PS starken 3,6-Liter-V6 mit Benzindirekteinspritzung aus dem Hause VW und einem Sechsgang-Direktgetriebe nachdrücklich unterstützt wird.

Für den Spurt auf Tempo 100 gibt man in Delbrück einen Wert von unter 5 Sekunden an, während sich die Höchstgeschwindigkeit jenseits der 270 km/h-Marke einpendelt. Aber es sind nicht nur die schieren Werte, die nach den ersten Kilometern in einem der handgefertigten Prototypen überzeugen – es ist noch mehr die Agilität des handlichen Gefährts, die überzeugt. Dank seiner Kürze fühlt sich der Artega GT auf Landstraßen in einer Art und Weise zu Hause, die verblüfft. Mit satter Leistung, präziser Lenkung, nie überforderten Bremsen und sonorem Sound bietet der Artega Fahrspaß pur. Und auf der Autobahn läuft er stoisch und beruhigend geradeaus – während sich vor ihm der Verkehr rasch und problemlos auf die rechte Spur verzieht, denn das flache Gefährt wirkt auch im Rückspiegel beeindruckend.

Das klassisch-puristische Interieur ist von zurückhaltender Eleganz geprägt und in viel Leder gehüllt, und dank der Wagenbreite fühlt man sich auf den bequemen Schalen sitzen auch nie eingezwängt – Klaustrophobie sollte diesem Sportwagen fremd sein. Nur das Armaturenbrett ist hypermodern – hier will Paragon natürlich zeigen, welche Tricks man beherrscht. Aber ehrlich gesagt scheint der eine oder andere Gag der Techniker etwas überzogen: Wer möchte schon als Tankanzeiger ein grünes Rad, das sich – bei abnehmendem Tankinhalt – in ein rotes Rad verwandelt? Und das in der Sichtachse gelegene Kombiinstrument mit dem oben gelegenen Drehzahlmesser und dem unten montierten Tacho scheint auch gewöhnungsbedürftig – das Auge sucht die aktuell gefahrene Geschwindigkeit länger als nötig.

Ob der Artega GT eine Chance hat?

Für Rüdiger Czakert, den Chef des Hauses Auto-König schon: „Denn er ist attraktiv und bietet von den Fahrleistungen und der Fahrfreude das, was die attraktive Hülle verspricht. Motor und Technik sind serienerprobt – und für die Qualität spricht ein völlig neues Werk auf neuestem Stand. Und der Preis ist auch in Ordnung: Für 63.010,93 Euro (netto) bekommt man hier einen wunderbaren, leichten und agilen Sportwagen, für dessen Fahrleistungen bei anderen Häusern deutlich mehr Geld angelegt werden muss“.

Und das ist auch der Grund, warum das Haus Auto-König – zu seiner bereits beeindruckenden Palette außergewöhnlicher Sport- und Luxusfahrzeuge nun auch den Vertrieb für die Produkte aus dem Haus Artega übernommen hat. Zu besichtigen ist das neueste deutsche Automodell von 2009 an – bestellt werden kann er bereits jetzt. Aber Achtung: Jährlich sollen nur rund 500 Fahrzeuge gebaut werden – und die Warteliste ist jetzt schon ziemlich lang.


Dieser Text ist erstmals in der NZZ am Sonntag vom 30. November 2008 erschienen.


Kurzes Nachwort: Als der Artega GT auf dem Genfer Autosalon 2007 Premiere feierte, waren wir alle begeistert – der von Henrik Fisker gezeichnete Sportwagen mit dem bewährten VW-Motor sah gut aus, erreichte mehr als 270 km/h und der Preis lag unter der 90.000 Euro-Grenze. 2008 konnte ich Artega GT ein paar Tage lang fahren und er fuhr sich prima – und die Aufmerksamkeit die man in ihm erfuhr, war phänomenal. Leider klappte das Finanzmodell dann doch nicht so gut und aus den jährlich geplanten 500 Fahrzeugen wurden letztlich 153 Exemplare, die zwischen 2007 und dem 30. September 2012 entstanden. Es war eine große vertane Chance.


Fotos C.O.G. Classics

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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