Der Brexit und die Auswirkungen auf den Klassikermarkt

Brexit Removal Flag Brussels

Jahrelang schwebte das Damoklesschwert des Brexit über allem. Es betrifft politische und gesellschaftliche Fragen, vor allem aber die Märkte. Auch der Markt für Classic Cars ist davon betroffen. Wie wirkt sich der Austritt von Großbritannien nun über den Kauf und Verkauf aus und in das Vereinigte Königreich nach der Trennung aus?

Nun ist es also geschehen, nach quälend langen Verhandlungen mit allerlei Ressentiments und Begleiterscheinungen haben sich die EU und Großbritannien auf ein Austrittsabkommen einigen können. Das Szenario des „harten Brexit“, eines Austritts ohne jegliche Vereinbarung zu Grenz- und Zollfragen, konnte zwar abgewendet werden, aber die Freiheiten und Freizügigkeiten, die ein vereintes Europa versprach, waren aber dennoch erstmal Geschichte.

Beispiele von europäischen Ländern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur EU-Gemeinschaft gehören wollten, gibt es genug. Vor allem ist das die Schweiz zu nennen, die sich stets ihre Eigenständigkeit bewahren wollte, aber dennoch in vielen Punkten vertraglich vereinbarte Geschäfte mit EU-Staaten macht. Der Austritt eines Mitglieds des Staatenbundes ist jedoch ein Novum, in der Praxis können Käufer, Verkäufer und Logistikunternehmen aber durchaus von den Erfahrungen mit der Schweiz profitieren.

Wie mit dem Brexit planen?

Die Ungewissheit über den Ausgang der Verhandlungen war gewiss eine der großen Falltüren beim Brexit. Sollte man mit dem No-Deal-Brexit planen oder keine großen Vorkehrungen treffen und auf eine geregelte Übergangszeit mit nahezu ähnlichen Bedingungen wie bisher spekulieren? Letzteres wäre recht fahrlässig gewesen, aber auch die Vorbereitung auf einen No-Deal-Brexit musste nicht zwangsläufig sinnvoll sein, erhielt man die Ergebnisse und Bedingungen doch erst kurz vor knapp mitgeteilt.

Eines der Ziele der Johnsons und Farages war die Vermeidung von Auflagen und Bürokratie. Und was haben sie dafür bekommen? Genau, noch mehr Auflagen und Bürokratie. Fragen Sie mal Export- und Import-Unternehmen diesseits und jenseits des Ärmelkanals, wie viel Zeit sie nun mit Unterlagen verbringen müssen.

Wenn man ein Auto auf einen Anhänger oder in einen Lastwagen lädt, wird es zur Ware. Und für diese Ware braucht es einerseits eine „grüne Karte“ der Versicherung, andererseits auch einen Carnet ATA. „Ein Carnet ATA dient in erster Linie der vorübergehenden abgabenfreien Einfuhr von Waren im internationalen Handel und in internationaler kultureller Tätigkeit. Es ist ein Zollpassierscheinheft speziell für die vorübergehende Verwendung von Waren (z.B. Messe- und Ausstellungsgüter oder Waren zu wissenschaftlichen und kulturellen Zwecken)“, wie der deutsche Zoll mitteilt.

Mehr Bürokratie durch den Brexit

Dieses Dokument ist also wie ein Reisepass für Waren, eine Bürgschaft, die garantiert, dass die Gegenstände – also in diesem Fall die Autos – nicht verschwinden, nachdem sie ins Land gekommen sind. Es gibt festgelegte Gebühr der jeweiligen Handelskammern für jedes Carnet – aktuell in etwa ein paar hundert Euro oder Pfund -, aber es gibt auch eine rückzahlbare Kautionszahlung, die vorgelegt werden muss. Kaution klingt erstmal nicht so schlecht, man bekommt sie üblicherweise ja zurück. In UK beträgt diese 40 Prozent des Warenwerts, bei einem niedrigpreisigen Mini wäre das keine Riesensumme. Aber was ist, wenn man einen mehrere Millionen teuren Aston Martin oder Ferrari einführen möchte?

Schon haben sich spezialisierte Finanzierungsgesellschaften in Stellung gebracht, das Geld für Sie zu einem festen Zinssatz anzulegen. Aber genau bei den teuren Autos – zumal, wenn es nicht um den Handel, sondern um die Teilnahme an einer Veranstaltung handelt – ein mögliches Ausschlusskriterium.

Der Vollständigkeit halber muss man aber im Hinblick auf den Handel zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa konstatieren, dass die Märkte in sich schon seit jeher etwas geschlossener waren als in EU-Ländern untereinander. Allein schon durch die rechtsgelenkten Fahrzeuge waren ebendiese in Europa weniger gefragt, während die linksgelenkten in UK weniger begehrt waren. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich der Handel – auch durch Online-Marktplätze – aber deutlich internationalisiert und den Handel zwischen den Ländern gefördert. Die aktuelle Unsicherheit, bürokratische Hürden und höhere Kosten haben diesen Trend ein jähes Ende gesetzt.

Eine zögerlichere Haltung von Käufern auf Insel und Festland ist aber auch mehr als verständlich. Die Unklarheit, wie hoch die Mehrkosten und der Mehraufwand durch Einfuhrbeschränkungen und -zölle sind, können durchaus dazu führen, den Kauf zu vertagen oder doch lieber im heimischen Markt einzukaufen. Gerade bei jüngeren Sammlerautos, die jünger als 30 Jahre sind, besteht in Großbritannien das Problem einer zusätzlichen 20-prozentigen Mehrwertsteuer (VAT) auf den Import von Gebrauchtwagen aus Europa. Das macht den ohnehin schon teuren AMG oder M5 nochmals teurer für einen britischen Sammler.

Auch Auktionshäuser, die europäische Auto bei lokalen Auktionen in UK angeboten hatten, müssen sich nun auf neue Vorschriften einstellen, wenn sie die Autos in das Land importieren nur zum Zweck der Präsentation auf der Auktion. Ein nicht unerheblicher Mehraufwand, zumal der Ausgang der Auktion ja nicht abzusehen ist.

Die aktuellen und zukünftigen Auswirkungen des Brexit auf den Klassikermarkt sind aber zu diesem Zeitpunkt nicht zu genau zu prognostizieren. Nach wie vor ist vieles um Unklaren, zudem hat die COVID-19 Pandemie das Geschehen ohnehin überlagert. Den aktuellen Abschwung im Handel kann man nicht genau zuordnen. Wieviel Anteil trägt der Brexit, wieviel davon die Pandemie? Vermutlich kann man das wahre Ausmaß der EU-Austrittsfolgen erst sehen, wenn den Grenzverkehr wieder geregelter vonstattengehen kann. Es bleibt zu hoffen, dass auf beiden Seiten des Ärmelkanals an den richtigen Lösungen gearbeitet wird, um für den Klassikermarkt den Brexit so erträglich wie möglich zu machen. Wohlwissend, dass die Vorteile des freien EU-Marktes der letzten Jahre wohl nicht mehr erreicht werden können.


Foto Dario Pignatelli / European Union

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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