1979 | Honda CB 900 F Bol d'Or
- Status:
- Vorschau
- Schätzwert:
- € 3.500 - € 4.500
- Endet um:
- 01.11.2026, 19:45:00 MEZ
Ende der 1970er-Jahre war die Motorradwelt noch wunderbar übersichtlich. Die Italiener bauten Motorräder mit Leidenschaft, die Briten solche mit Tradition und gelegentlichem Ölverlust – und dann kamen die Japaner und beschlossen, dass ein Motorrad einfach jeden Morgen anspringen, verdammt schnell sein und trotzdem nicht alle 300 Kilometer nach einer Werkstatt verlangen sollte.
Die Honda CB 900 F Bol d’Or war eines jener Motorräder, mit denen diese neue Weltordnung endgültig besiegelt wurde. Vier Zylinder, 901 cm³, 95 PS und ein Name, der nach französischem Langstreckenrennen klang. 1979 waren 95 PS auf zwei Rädern keine nette technische Angabe. Es war eine ziemlich ernst gemeinte Ansage.
Und genau aus diesem Jahr stammt dieses Exemplar.
Honda hatte bereits 1969 mit der CB 750 gezeigt, wohin die Reise gehen würde. Zehn Jahre später war aus der Revolution ein Wettrüsten geworden. Mehr Hubraum, mehr Leistung, bessere Fahrwerke – und Motorräder, die plötzlich Geschwindigkeiten erreichten, bei denen man sich über Dinge wie Rahmensteifigkeit und Bremsleistung durchaus Gedanken machen sollte.
Die CB 900 F war Hondas Antwort darauf. Der luftgekühlte Reihenvierzylinder mit 901 cm³ und 95 PS machte die große Honda zu einem der begehrtesten Sportmotorräder ihrer Zeit. Der Name Bol d’Or stellte dabei ganz bewusst die Verbindung zum legendären französischen Langstreckenrennen her.
Das Ergebnis war kein filigranes Spielzeug. Die CB 900 F ist groß, mechanisch und herrlich analog. Man sitzt nicht auf ihr wie auf einem modernen Supersportler. Man sitzt hinter einem großen Vierzylinder, hält sich am Lenker fest und weiß ziemlich genau, dass unter einem gerade eine ganze Menge Maschine arbeitet.
Und damit kommen wir zu dieser Honda. Sie hat 83.075 Kilometer hinter sich. Das ist wichtig, denn diese Bol d’Or versucht gar nicht erst, so zu tun, als hätte sie die vergangenen 47 Jahre unter einer Samtdecke in einem klimatisierten Wohnzimmer verbracht.
Sie wurde gefahren.
Und offenbar wollte man sie auch weiterhin fahren.
Nach Angaben des Verkäufers wurde der Motor bei ungefähr 40.000 Kilometern revidiert und bei rund 80.000 Kilometern ein weiteres Mal überarbeitet. Auch Fahrwerk, Schwinge und Elektronik wurden im Laufe der Jahre modernisiert.
Das macht sie nicht zum unangetasteten Museumsstück. Aber genau das ist möglicherweise der interessanteste Punkt an diesem Motorrad.
Im Zentrum sitzt natürlich der große luftgekühlte 901-cm³-Reihenvierzylinder. 95 PS klingen heute, in einer Welt von 200-PS-Superbikes mit Wheelie-Control, Traktionskontrolle und Elektronik, die vermutlich mehr Rechenleistung besitzt als die erste Mondlandung, beinahe vernünftig.
1979 waren sie das nicht.
Hier gibt es keine elektronische Armee, die zwischen rechter Hand und Hinterrad vermittelt. Gasgriff, Vergaser, Motor. Fertig.
Bei diesem Exemplar atmet der Vierzylinder außerdem nicht mehr durch den serienmäßigen Luftfilterkasten. Stattdessen sind offene K&N-Luftfilter montiert. Laut Verkäufer ist diese Änderung eingetragen; der originale Luftfilterkasten ist nicht mehr vorhanden.
Auch die Giuliari-Sitzbank gehört zu den Veränderungen. Die ursprüngliche Sitzbank ist ebenfalls nicht mehr vorhanden. Zusammen mit den technischen Modifikationen ergibt sich dadurch ein Motorrad, das nicht versucht, auf Teufel komm raus den Auslieferungszustand von 1979 zu konservieren.
Es ist vielmehr eine Bol d’Or, die im Laufe ihres Lebens an die Vorstellungen ihrer Besitzer angepasst wurde.
Eine große japanische Vierzylinder-Honda dieser Epoche fährt man heute nicht, weil sie objektiv besser wäre als ein modernes Motorrad. Natürlich ist sie das nicht.
Man fährt sie gerade deshalb.
Der Motor lebt, die Mechanik ist präsent und zwischen Fahrer und Straße gibt es erfreulich wenig digitale Diplomatie. Man hört, was passiert. Man spürt, was passiert. Und wenn man am Gasgriff dreht, passiert tatsächlich etwas.
Das Motorrad wird als fahrbereit und zugelassen angeboten. Die Hauptuntersuchung ist bis Juli 2027 angegeben.
Was mir an dieser Honda gefällt, ist ausgerechnet das, was ein kompromissloser Originalitätsfan möglicherweise kritisieren würde.
Sie hat gelebt.
Vier Vorbesitzer, mehr als 83.000 Kilometer, Motorrevisionen und Veränderungen an Fahrwerk und Technik: Irgendjemand hat dieses Motorrad offenbar immer wieder für wichtig genug gehalten, um weiter in seine Technik zu investieren.
Das ist etwas anderes als eine Maschine, die nach zehn Jahren abgestellt und vier Jahrzehnte später wieder unter einer Plane hervorgezogen wurde. Diese Honda erzählt die Geschichte eines Motorrads, das benutzt, verändert und am Leben gehalten wurde.
Die Giuliari-Sitzbank, die offenen K&N-Filter und die technischen Modernisierungen sind deshalb keine zufälligen Fußnoten. Sie sind Teil dieser Geschichte.
Wer eine CB 900 F sucht, die exakt so dasteht, wie sie 1979 das Honda-Werk verlassen hat, wird bei diesem Motorrad einige Veränderungen finden, über die er diskutieren kann.
Wer dagegen verstehen möchte, warum die Honda CB 900 F Bol d’Or zu den großen japanischen Motorrädern ihrer Epoche gehört, sollte sich diese Maschine genauer ansehen.
Denn hier stehen 901 cm³, vier luftgekühlte Zylinder und 95 PS nicht in einem Museum, sondern in einem Motorrad, das offensichtlich einen beträchtlichen Teil seines Lebens genau das getan hat, wofür Honda es gebaut hat:
fahren.
Und wenn einem bei einem japanischen Vierzylinder von 1979 offene Vergaser, eine Giuliari-Sitzbank und 83.075 Kilometer Angst machen, gibt es schließlich immer noch moderne Motorräder mit Fahrmodi, Smartphone-App und beheiztem Display.
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