Spezial, allenthalben

WOHLHABEND WIE WENIGE, MEHRMALS AUF DER FLUCHT, IN DER NEUEN WELT EIN NEUANFANG, TRAGIK UND TOD, AUCH DANACH NOCH GERANGEL. DIE GESCHICHTE DER PREUSSISCHEN FREIFRAU IST SO AUFREGEND WIE IHR 540K SPEZIAL-ROADSTER

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr

Eins der Dinge, die David Gooding nicht vergessen wird, ist ein Telefongespräch von 1992. Er war für das Auktionshaus Christie’s tätig, als ihn an einem verschlafenen Freitagnachmittag jemand anrief. »Ein Anwalt aus Connecticut. In einer Erbsache. Es ginge um einen Mercedes. Der sei Teil des Nachlasses. Und? Was noch? Schwarz, furchtbar verdreckt und alt. Ich nahm an, es handle sich um eine Limousine aus den Siebzigern, bis der Anwalt meinte: ‚Vorne sind an der Seite so Auspuffrohre, und hinten ist er sehr lang, hinter dem Kofferraumdeckel ist da noch ein Ersatzreifen montiert.‘« »Ich bat ihn, mir ein Foto zu faxen – damals hochmodern –, und erkannte kurz darauf, dass es um einen Spezial-Roadster ging. Ich antwortete, übermorgen hätte ich in der Gegend eh einen Termin, da könnte ich mir das ja mal anschauen. Das Auto war in einem besseren Zustand als der 500K der Familie Butcher, der für einen Rekordpreis verkauft worden war – und es war ein Mercedes 540K mit einer noch imposanteren Geschichte.

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 11936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 2

Nach einer langen und verworrenen Auseinandersetzung bekam Gooding, der sich mittlerweile als Gooding & Co. selbstständig gemacht hatte, das Auto im Jahr 2012 endlich unter den Hammer. Im Reigen der Mercedes-Schöpfungen mit aufgeladenem Motor rangiert keiner so hoch wie der Spezial-Roadster, der als »die Krönung des Automarkts der dreißiger Jahre« beschrieben wird. Von den 435 Mercedes 540K, die in Sindelfingen entstanden sind, waren nur 29 Roadsters, und selbst darunter nicht alle mit dem Etikett »Spezial« versehen. Der Standard-Roadster kostete seinerzeit 22.000 Reichsmark, der Spezial 28.000. Der Unterschied lag laut Design-Chef Hermann Ahrens darin, dass der Kunde eines Spezial mehr oder weniger den kompletten Aufbau selbst bestimmen konnte; anscheinend bis hin zum Radio. Es begann im April 1936, als die preußische Aristokratin Freifrau Ines Josephine Classen Wilfert von Krieger in die Mercedes-Vertretung von Rudi Caracciola auf dem Kurfürstendamm rauschte, um für ihren 19-jährigen Sohn Henning ein standesgemäßes Fahrzeug zu ordern. Die Baronin residierte mit Sohn und Tochter in Paris. Bestätigt wurde der Verkauf mit einem Schreiben aus der Daimler-Benz-Firmenzentrale an die »verehrte gnädige Dame«.

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 4

Zur selben Zeit kaufte sich die Tochter der Baronin, die 23-jährige Baronesse Gisela Josephine, in Brüssel ein Mercedes 540K-Coupé. Gisela war eine zu jedem Anlass gern gesehene Dame, deren Look mit Marlene Dietrich oder Greta Garbo verglichen wurde. Ihre zahlreichen Verehrer überschütteten sie mit Juwelen. 1939 erhielten die Baronin und ihre Tochter die Genehmigung, sich im neutralen Fürstentum Monaco niederzulassen. Die Damen fanden im Hotel de Paris von Monte Carlo ein Dach über dem Kopf, während es Bruder Henning heim ins Reich zog, wo er sich der Luftwaffe anschloss. 1941 wurden die Damen im Exil von den deutschen Behörden aufgefordert, ins Vaterland zurückzukehren. Doch sie flüchteten in die Schweiz – mit Giselas 540er Coupé – und ließen sich im Hotel Baur au Lac in Zürich nieder. Dort verkauften sie den Mercedes. Ihr Bruder Henning hatte unterdessen einen Unfall mit dem Spezial-Roadster gebaut und ihn zurück an den Hersteller geschickt, wo die rechte Seite neu aufgebaut wurde. Er kaufte sich ein 328er BMW-Cabrio und wies Mercedes-Benz an, den reparierten Wagen in der Schweiz unterstellen zu lassen.

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 5

Die Familie emigrierte 1949 für einen Neuanfang in die USA. An Bord der Queen Mary, im Gepäck den 540K, erreichten sie New York am 23. März. Der Spezial-Roadster wurde in der alteingesessenen Werkstatt Zumbach auf der West Side von Manhattan durchgecheckt, jenem »wundervollen Autohaus für ausländische Edelkarossen der Vorkriegszeit«, wie irgendwann ein Chronist für die Nachwelt festhielt. Nominell war Henning der Besitzer des Mercedes 540K, doch er wurde von Gisela übernommen. Ihr Bruder bevorzugte einen 1951er Lincoln. Als bei ihm 1958 Hautkrebs auftrat, zogen die beiden zur Behandlung erneut in die Schweiz und ließen den Spezial-Roadster diesmal einlagern. Im Lagerhaus der Firma Homestead Inn in Greenwich. Henning starb Anfang 1959. Gisela blieb in der Schweiz, erneuerte aber weiterhin die Versicherung des Spezial-Roadster Jahr für Jahr. Gisela von Krieger beglich auch weiterhin die monatlichen Lagerkosten für den Mercedes. 1989, als die Preise für klassische Automobile in den Himmel stiegen, unternahm der Sohn des Verwalters von Homestead Inn einen Versuch, ihr den Mercedes abzukaufen.

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 61936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 7

Er reiste nach La Tour-de-Peilz, aber seine Anrufe in Giselas Wohnung wurden nicht erwidert. Letztlich überzeugte er den Vermieter, die Tür aufbrechen zu lassen. Sie fanden die in einem Regieklappstuhl zusammengesunkene Leiche der Baronin inmitten einer Szenerie völliger Verwahrlosung. Sie war etwa einen Monat zuvor gestorben. Das Hin und Her bezüglich der Eigentumsverhältnisse des Mercedes zog sich bis 1994 durch die Gerichte, bis der Nachlassverwalter endgültig den Zuschlag erhielt. Der Wagen landete bei einem deutschen Sammler, der sich jedoch mit seinem Restaurateur verkrachte. Schon zwei Jahre später war der Mercedes 540K wieder zu haben. Er ging er an einen prominenten amerikanischen Sammler. In der langen Lagerzeit des Spezial-Roadster hatte sich der konservierte Zustand verschlechtert. Chris Carlton von Classic Car Services im US-Bundesstaat Maine gelang es während der Totalrestaurierung, praktisch das komplette Blechkleid zu retten. Nach der Restaurierung gewann der Spezial-Roadster seine Klasse beim Pebble Beach Concours d’Elegance 2004.

Der Mercedes erzielte einen Erlös von 11,77 Millionen Dollar. Damit war er in dem Jahr einer der teuersten Mercedes überhaupt und der teuerste Vorkriegswagen bei einer Auktion.

1936 Mercedes-Benz 540K Special Rdstr 8

MERCEDES 540K SPEZIAL-ROADSTER

BAUJAHR 1936 MOTOR 5401 ccm Reihenachtzylinder mit zuschaltbarem Roots-Kompressor, OHV, Mercedes-Benz Steigstrom-Doppelvergaser MOTORLEISTUNG 115 PS, mit Kompressor 180 PS bei 3400 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG 4-Gang-Schaltgetriebe (2. bis 4. Gang synchronisiert), Hinterradantrieb LENKUNG Schraubenspindel FAHRWERK Vorne Doppelquerlenker, Schraubenfedern; hinten Pendelachse mit untenliegenden Ausgleichfedern, Doppel-Schraubenfedern BREMSEN Trommeln, mit Bosch-Dewandre-Saugluftunterstützung LEERGEWICHT 2622 kg HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT 170 km/h. 0–100 km/h in 16,4 Sekunden


Text David Burgess-Wise// Fotos Mathieu Heurtault


 

Copyright © Octane, Dennis Holdings Limited

Weitere Artikel

Pininfarina Designkonzepte 1

Pininfarina Designkonzepte – wegweisende Sportskanonen

Kennen Sie den Sigma oder den H2 Speed, wussten Sie, dass es sich um Pininfarina Designkonzepte handelt? 1968 und 2016 machte Pininfarina jeweils mit einem exklusiven Motorsportler auf der Messe von sich reden. weiterlesen Pininfarina Designkonzepte – wegweisende Sportskanonen

De Tomaso Produktion 1

De Tomaso Produktion – Überreste einer Traumfabrik

Alejandro de Tomaso wollte mit seiner De Tomaso Produktion in die Riege der Supercar-Hersteller rund um Modena aufsteigen. Heute ist nur noch ein verfallenes Lagerhaus übrig. weiterlesen De Tomaso Produktion – Überreste einer Traumfabrik

Lancia Aurelia B20 GT Totale

Lancia Aurelia B20 GT „Outlaw“ – getunter Klassiker

Wie weit darf man gehen, um einen Klassiker stilgerecht zu modifizieren? Ein gewagtes Experiment mit einem Lancia Aurelia B20 GT Coupé. Breitere Kotflügel, tiefer gesetztes Dach und gecleante Außenhaut – voilá, fertig war die Kombination aus Hot Rod, Custom und Monte Carlo Rallyeauto. weiterlesen Lancia Aurelia B20 GT „Outlaw“ – getunter Klassiker