Roadbook: Sind zwei schon einer zu viel?

SIND ZWEI SCHON EINER ZU VIEL?

Berthold-Doerrich

Bei unseren Brief freunden, Presenting Editor Gabriele Spangenberg und Chefredakteur Berthold Dörrich, werden Erinnerungen wach. Und zwar nicht gerade die schönsten. Lesen Sie selbst den Breif!


// Liebe Gabriele,Berthold-Doerrich

heute brauche ich Deine Hilfe bei der Beantwortung einer der großen philosophischen Fragen des Lebens: Wieviel Auto braucht der Mensch?
Oder in unserem Fall: Wie viele Klassiker sollte man in der Garage stehen haben?
Einen einzigen? Ein Objekt der Sehnsucht und Begierde, hinter
dem man jahrelang her war. Mit dessen Herkunft und Geschichte man sich intensiv beschäftigt hat. Einen Klassiker, den man in allen Einzelteilen, mit allen seinen Stärken und Schwächen kennt. Und den man trotzdem – oder gerade deshalb – vorbehaltlos liebt. Mit dem man sich von Zeit zu Zeit zu einem prickelnden Rendezvous verabredet. Ein paar intensive Stunden miteinander verbringt, um dann wieder voneinander abzulassen, bis die Sehnsucht wieder groß und es Zeit für das nächste Abenteuer ist. Manche tun das sogar ganz heimlich, weil sie glauben, Nachbarn und Freunde dürften nichts von ihrer Leidenschaft erfahren. Oder weil sie gerade diese Heimlichkeit genießen als Kontrapunkt ihres ansonsten langweiligen Lebens.

Oder liegt die ideale Zahl bei zwei? Aus ganz pragmatischen Gründen: Weil einer ja immer irgendwie kaputt ist? Ein Cabrio und ein Coupé? Ein Vorkriegs und ein Nachkriegsauto? Einen Alltagsklassiker und ein Sammlerobjekt? Eine Liebe und einen Flirt? Weil einer selten alles sein kann. Weil das Leben einen gelehrt hat, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Weil man den Umgang mit zwei so unterschiedlichen Charakteren prima im Griff haben kann, immer genau weiß, welcher von beiden gerade der Richtige ist. Oder ganz pragmatisch deshalb, weil man zwei Klassiker mit normalem Zeit- und Geldbudget gerade noch so beherrschen kann?

Oder müssten es drei sein? Für den Fall, dass man sich zwischen seinen zwei Lieblingen mal nicht entscheiden kann? Sind drei Klassiker in der Garage schon der Beginn einer Sammlung, bei der nicht mehr das Einzelstück im Mittelpunkt steht, sondern die Idee einer Kollektion? Sind drei der Punkt, wo sich Sehnsucht und Begierde entpersonalisieren und einer eher platonischen, größeren Sicht der Dinge Platz machen? Ist das schon der Punkt, wo man beginnt eher geschäftsmäßig auf unser Hobby zu schauen, wo Menschen in Auktionen gefühlsfrei Bieterkarten heben und am selbst gesetzten Limit eiskalt aussteigen? Next lot, next chance? Oder fängt das erst bei noch mehr an?

Neulich hat mir ein Bekannter von einer beinahe unglaublichen Kollektion von Klassikern erzählt, die ein einzelner Mensch im Laufe seines Lebens zusammengetragen hat. Eine schlüssig aneinander gereihte Sammlung, die einer stringenten Idee folgt. Bei der die Autos aufgereiht sind wie Brief marken in einem Album – und die Sehnsucht darin besteht, offensichtliche Lücken zu füllen – auch wenn das Jahre, oder ein Leben lang dauern kann.

Wie hältst Du das in Deiner Garage? //


 

// Lieber Berthold,Spangenberg_sw

Du machst wohl Witze? Du fragst MICH wie viele Klassiker der Mensch braucht? Das ist so, als würdest du Carrie Bradshaw von »Sex and the City« fragen, wie viele Paar Schuhe eine Frau braucht! Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Deine Frage nur rhetorisch gemeint ist.

Als rational, rein platonisch denkender Mensch, würde ich hier zuerst den Bedarf eines Menschen ermitteln. Langweiler zum Beispiel müssen dringend Felgen putzen. Ich sehne mich stets nach der Rennstrecke und Dir treibt der Gedanke an kurvenreiche Strecken zu einem guten Gasthaus Freudentränen in die Augen. Manfred, mein Nachbar, hätte an meiner neiderblassten Miene großes Vergnügen, wenn er in einem OttoVu mit Zagato Karosserie vorfahren würde. An jedem schönen Tag im Sommer fällt mir ein, wie schön es wäre, offen zu fahren. In einer Autobianchi Bianchina zum Beispiel, einem Honda 600, oder einem Fiat Dino. Ich habe aber kein offenes Auto, zumindest nicht für die Straße. Das muss ich wirklich dringend ändern! Bis vor zwei Jahren konnte ich immer nur einzelne ausgewachsene Personen mitnehmen. Hinten, falls überhaupt möglich, nur faltwütige Winzlinge. Die Anschaffung eines Viersitzers musste nicht weiter erklärt werden.

Uns Männer und Frauen vereint das Verlangen, bewundert zu werden, elegant zu erscheinen, mächtig, potent, reich, schön. Für diesen wichtigen Zweck fallen mir sofort ein Dutzend Autos ein. Es gibt auch Menschen, die möchten cool, witzig, originell, schlau, humorvoll wirken. Hey, mindestens ein Dutzend Autos auch hier! Es gibt Ästheten, die mögen einfach gutes Design. Das muss sich noch nicht mal gut fahren lassen. Und es gibt Typen, denen ist es egal wie der Koffer aussieht, Hauptsache er fährt sich gut. Vergessen wir bitte nicht die Menschen, die es einfach glücklich macht, ein altes Auto zu besitzen.

Egal ob es sich schrecklich fährt, furchtbar aussieht, gar nicht heizt oder am lebendigen Leibe rostet. Welches nicht nach köstlichem Motorenöl, sondern nach alten Kartoffeln riecht, ständig kaputt geht, massenhaft gebaut wurde. Kurz, Menschen die nicht wissen, was sie tun, weder Geschmack noch Gefühl, oder sonst einen Grund haben, eine alte Kiste zu fahren. Oder gleich zwei oder drei. Zum Glück, denn mit ihrem strahlenden Gesichtsausdruck und entspanntem Fahren beruhigen sie den Verkehrsstress. (Oder hast Du schon mal einen aggressiven Oldtimerfahrer gesehen?)

Es braucht also null Grund, um einen Klassiker zu besitzen! Mathematisch betrachtet bräuchte man also auch keinen Grund, um zwei zu haben, oder drei oder 10 oder 43. Denn null x irgendwas ist immer null. Damit ist bewiesen, dass es keine Obergrenze für die Anzahl alter Autos gibt, die man sein Eigen nennen darf. Die Frage nach der Untergrenze, lieber Berthold ist für mich die existenziellere. Da müssen wir unsere Leser aber wohl bis zur nächsten Ausgabe vertrösten. //


Roadbook: Die unterhaltsame Brief freundschaft zwischen Gabriele Spangenberg (Presenting Editor) und Berthold Dörrich (Chefredakteur), an der die beiden Klassiker-Liebhaber uns in jeder OCTANE-Ausgabe teilhaben lassen, lässt häufig tiefer blicken. Vor allem aber gibt der Brief austausch jedes Mal aufs Neue Grund zum Schmunzeln. Einblicke in einen Alltag, welcher unsere beiden Brief freunde regelmäßig vor neue (Klassiker-)Fragen stellt.


Text Gabriele Spangenber, Berthold Dörrich


 

Copyright © Octane, Dennis Holdings Limited

Weitere Artikel

Pininfarina Designkonzepte 1

Pininfarina Designkonzepte – wegweisende Sportskanonen

Kennen Sie den Sigma oder den H2 Speed, wussten Sie, dass es sich um Pininfarina Designkonzepte handelt? 1968 und 2016 machte Pininfarina jeweils mit einem exklusiven Motorsportler auf der Messe von sich reden. weiterlesen Pininfarina Designkonzepte – wegweisende Sportskanonen

De Tomaso Produktion 1

De Tomaso Produktion – Überreste einer Traumfabrik

Alejandro de Tomaso wollte mit seiner De Tomaso Produktion in die Riege der Supercar-Hersteller rund um Modena aufsteigen. Heute ist nur noch ein verfallenes Lagerhaus übrig. weiterlesen De Tomaso Produktion – Überreste einer Traumfabrik

Lancia Aurelia B20 GT Totale

Lancia Aurelia B20 GT „Outlaw“ – getunter Klassiker

Wie weit darf man gehen, um einen Klassiker stilgerecht zu modifizieren? Ein gewagtes Experiment mit einem Lancia Aurelia B20 GT Coupé. Breitere Kotflügel, tiefer gesetztes Dach und gecleante Außenhaut – voilá, fertig war die Kombination aus Hot Rod, Custom und Monte Carlo Rallyeauto. weiterlesen Lancia Aurelia B20 GT „Outlaw“ – getunter Klassiker