Jaguar E-Type Roadster – London Calling

Schon bei seinem Debüt war der Jaguar E-Type Roadster eine Sensation und avancierte schnell zum Darling der Swinging Sixties in der Carnaby Street. Kann es einen besseren Platz als London für eine Ausfahrt geben?

Jaguar E-Type Roadster

Der Jaguar E-Type Roadster. Das großartigste Auto aller Zeiten. Die klassischste aller Ikonen. Sensationell. Einzigartig. Seiner Zeit voraus. Suchen Sie sich etwas aus: Jede dieser Bezeichnungen ist stimmig. Der Jaguar E-Type Roadster wird gepriesen – selbst Jahrzehnte nach seiner Enthüllung auf dem Genfer Parc des Eaux Vives am 15. März 1961. Seinerzeit verblüffte er die Welt mit futuristisch-kurvenreichem Design, fortschrittlicher Ausstattung und überaus irdischer Preisgestaltung von 2.256 Pfund Sterling, nach heutigen Maßstäben etwa 43.000 Euro. Nicht viel für einen Ferrari- Jäger. Zu behaupten, die Automobilpresse wäre von seinem Anblick geschockt gewesen, ist stark untertrieben. Malcolm Sayers Karosseriekunst wies mit keinem existierenden Fahrzeug Ähnlichkeiten auf. Bis heute wirkt sie schmerzhaft schön und ist doch vollkommen funktional. Sayer war kein Stylist, sondern Aerodynamiker. Er entwarf das E-Type- Modell nach streng mathematischen Formeln mit Kalkül und Rechenschieber.

Seine Form unterwarf sich nur dem Zweck. Das Ergebnis ist so augenfällig, elegant und vollendet schön, dass nur wenige Objekte industrieller Schöpfung da heranreichen. Design, Technik und Kreation des Jaguar E-Type Roadster bedeuteten einen großen Schritt nach vorne in dem Jahrzehnt, an dessen Ende Neil Armstrong seinen Fuß auf den Mond setzte. Die Swinging Sixties waren revolutionäre Jahre der Befreiung und der Neuerung. Und der Jaguar kam sinnbildlich genau zur rechten Zeit. Neben ihm schaute der Aston Martin DB4 wie ein Möbelwagen aus, der Bentley S2 wie ein Muldenkipper – und die Ferraris jener Ära waren mit Starrachse, Blattfederung und Bremstrommeln regelrecht plump. Lamborghini? Ferruccio baute 1961 noch an seinen Traktoren … Sammler und Gutachter bemängeln seit jeher nur zwei Dinge: Erstens, dass mehr als 72.000 Stück von ihm gebaut worden sind – und zweitens der zu niedrige Preis. Wäre der Jaguar E so rar wie ein Ferrari 250GT SWB (Stückzahl: 167) oder ein Aston DB4 (1.113), würde sein Wert das Zehnfache dessen betragen, was ein gut erhaltenes Exemplar heute einbringt.

Ein Tupfer auf die kraftvollen Scheibenbremsen, und der Jaguar E-Type Roadster wirft sich in die Kurve

Aus Jaguars Sicht war der Verkaufserfolg seinerzeit allerdings eine Riesensache, und ganz Großbritannien profitierte von den vielen Exporten nach Nordamerika. Durch seine Verfügbarkeit und eine gewisse Hochnäsigkeit ihm gegenüber wurde der Jaguar E-Type Roadster lange unter Wert verkauft. Nur die Freunde klassischer Fahrzeuge hatten längst registriert, was für eine bemerkenswerte Konstruktion er ist. Das Fahren sollte eine Freude sein, keine lästige Pflicht«, lautete das Motto von Jaguar-Gründer Sir William Lyons. Nun, das wollten wir herzlich gern überprüfen. An einem Sonntag um halb sechs im Herzen Londons, in der Morgenröte eines Tages, der einer der heißesten des Jahres werden sollte. Aber auch einer der coolsten. Du gehst um die tiefe, geschmeidige Form des Jaguar E herum, der in der Parkbucht einer Londoner Garage auf dich wartet, und lässt die anmutig und klein wirkende Tür aufschwingen. Der Einstieg verlangt nach ein wenig schlängeliger Gymnastik, aber hast du es dir drinnen erst mal gemütlich gemacht, entpuppt sich der Fahrersitz als weich und bequem. Der Fußraum ist geräumig, wenn auch ein wenig schmal. Der Zündschlüssel gleitet ins Schloss, man zieht den Choke eine Idee heraus, dreht den Schlüssel, gestattet der Benzinpumpe das Ansaugen der Dreifach-SUVergaser und drückt den schwarzen Startknopf.

Die Sechszylindermaschine zündet leise und schnurrt im Leerlauf. Während du durch die menschenleeren Straßen kurvst, fühlst du die leichte und unmittelbar ansprechende Steuerung über das hölzerne Lenkrad, übrigens das einzige Holz-Element im Cockpit. Die Kupplung ist sanft und leicht, die Schaltung des noch kalten Getriebes problemlos. Der rote E auf diesen Seiten ist weder der Erste noch der Seltenste seiner Art. Sondern schlicht einer der Besten. Bei diesem Jaguar E-Type Roadster handelt es sich um einen 4.2 Roadster Series 1, Baujahr 1966, der dank allerlei Verbesserungen der Jaguar-Evolution das bestmögliche Fahrgefühl mit einem E ermöglicht. Die frühen 3.8 Roadster der Serie 1 werden für ihre Reinheit und Rarität geschätzt, aber der 1964 vorgestellte 4.2 lässt sich besser fahren dank der Einführung einer glatt durch alle Gänge flutschenden Synchronisation unter Wegfall des knarzenden Moss-Getriebes. Die Bremsanlage ist deutlich besser, die Kühlung optimiert und die Sitze sind komfortabler.


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Text David Lillywhite // Fotos Stuart Collins


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