Gucci Jaguar – Innenfutter für eine Katze

Der Lynx Eventer ist nicht nur einfach ein Luxus-Jaguar XJ-S. Sondern ein Kombi mit V12-Motor und einer Innenausstattung von - Paolo Gucci

Gucci Jaguar

Ist Ihnen jemals ein Gucci Jaguar XJ-S mit Schaltflächen aus Horn und einer Lenkradplakette nebst passendem Schaltknüppelgriff aus Lapislazuli begegnet? Riskieren Sie ruhig einen zweiten und dann noch einen dritten Blick. Ganz richtig, alles was hier noch fehlt, sind goldene Sanitärarmaturen!Soviel Luxus kommt Ihnen kitschig vor? Oder finden Sie den Eventer schlicht beeindruckend, in all seiner barocken Herrlichkeit und Grandezza? Wie immer Ihr Urteil ausfallen mag, eines ist der Lynx Eventer Disegno di Paolo Gucci sicher nicht – durchschnittlich.
Eigentlich sollte das Gucci Jaguar Exemplar, das Sie hier sehen, das erste in einer Serie von 20 Stück sein. Interne familiäre Grabenkämpfe um die Verwendung des Markennamens machten diesem Plan jedoch vorzeitig den Garaus. Auf der Automobilmesse in Genf 1990 spielte sich der letzte Akt eines Dramas um Macht und Geld ab. Da pirschten sich die Anwälte der anderen Seite des Gucci-Mode-Imperiums zu dem Eventer-Stand, um die unverzügliche Entfernung der Luxuskarosse aus dem Ausstellungsbereich anzuordnen.
Als man sich ihrer Weisung widersetzte, machten sie sich mit Schraubenziehern daran, sämtliche silbernen Paolo Gucci-Plaketten gewaltsam von dem Exponat abzumeißeln. Tusch, Vorhang, Klappe, großes Kino – wie so oft bei der Familie Gucci. Ihre Fehden würden wahrlich genug Stoff für eine ganze Netflix-Serie liefern. Man erzählt sich übrigens, dass, nachdem die Anwälte abgerauscht waren, ein farblich abgestimmter Koffer aus der Ausstellungsvitrine fehlte.



Das Streitobjekt ist ein Eventer von Paolo Gucci, und wie auf den Bildern unschwer zu erkennen ist, überwältigend blau gehalten. Im Innenraum lodert es hier und da orange auf, vor einer diskret hellgrau gehaltenen Kulisse. Für diesen Gucci Jaguar musste übrigens keine Echse ihr Leben lassen; man entschied sich für Kalbsleder mit einer Prägung in Kroko-Optik. Während in der ersten Zeit »nach Genf« beim Gucci-Clan weiterhin ein Rechtsstreit den nächsten jagte, fristete der Lynx Eventer ein ruhiges Dasein in Berkshire. In der Garage. Als Paolo Guccis zweite Ehefrau die Affäre ihres Mannes mit einer Pferdepflegerin seiner Stutenzucht in Rusper, Sussex entdeckte und, wie in jedem guten Film, Rache und Rosenkrieg schwor, verkaufte Paolo den Wagen, um ihn – ob der zu erwartenden Scheidungsschlacht – außer Reichweite seiner künftigen Ex und eventueller finanzieller Ansprüche zu bringen. Als er das Auto später zurückkaufen wollte, war dieser Versuch allerdings nicht vom erwarteten Erfolg gekrönt. Eventer-Käufer David Andrew Richards wollte den Wagen behalten.
Aber wie kam es überhaupt zu dem Eventer als Basis für das Gucci Jaguar Modell? Das in Sussex ansässige Unternehmen Lynx-Engineering hatte mit seinen ausgezeichneten Nachbauten von C-type und D-type Jaguar-Modellen bereits vor diesem Projekt von sich reden gemacht. 1982 hatten sie das Konzept für eine Shooting-Brake Version des Jaguar XJ-S Coupés entwickelt. Um die Kombi-Idee umzusetzen, wurde das Dach verlängert, eine stählerne Heckklappe konstruiert und die hintere Karosseriestruktur modifiziert. Außerdem wurde ein neuer Benzintank unter dem Kofferraumboden platziert. Das Ergebnis sah gut aus. Zwischen 1982 und 2002 wurden 67 XJ-S Coupés verwandelt; 15 davon gehörten zu den gesichtsgelifteten, ihres Bindestrichs ledigen XJS.

Ursprünglich kostete der Umbau £12.000 oder rund 14.200 Euro. Doch Paolo Gucci wollte mehr und sah im Lynx Eventer einen idealen Exponenten seiner Markenpolitik. Unter dem Gucci-Modell stellte er sich ein kostbares Ausstellungsobjekt vor, das seine Vormachtstellung im Bereich der Luxusausstattung zementieren sollte. Im Handumdrehen war man bei £100,000 oder 118.470 Euro.
Phil Gould, damals Chef der Innenausstattungsabteilung von Lynx und der wichtigste kreative Kopf im Bereich Design, erinnert sich. »Paolo Gucci kam eines Tages hereingeschneit und sagte, er hätte gern eine Gucci-Innenausstattung für den Eventer. Es sollte eine komplette Serie mit verschiedenen Farbstellungen werden. Wir vermuteten erst, er wolle die Wagen in Italien herstellen. Überraschenderweise wählte er aber das Vereinigte Königreich als Produktionsort. Chris Keith-Lucas, damals Leiter von Lynx- Engineering, wollte Bill Towns mit der Optik des Innenbereichs betrauen. Denn Towns zeichnete unter anderem verantwortlich für den Entwurf des Aston Martin DBS, den ,Keil‘-Lagonda, Jensen-Healey, Hillman Hunter. Dann erinnerte er sich jedoch daran, dass der Auftrag genau in meinen Kompetenzbereich fiel. Ein derart interessantes Angebot konnte ich natürlich nicht ablehnen!«



Text John Simister // Fotos Matthew Howell

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