Ganz schön mächtig

MANCHE GELEGENHEITEN ERHÄLT MAN NUR EINMAL IM LEBEN. WENN MAN SIE KRIEGT, NIMMT MAN SIE WAHR. OCTANE DURFTE IN EINEM WAGEN PLATZ NEHMEN, DER ÜBER JAHRZEHNTE SUPER-STARS UND DIKTATOREN BEWEGT HAT. KEIN ANDERES FAHRZEUG WURDE VON DEN 1960ERN BIS IN DIE 1980ER VON DEN GROSSEN, DEN GUTEN UND DEN BÖSEWICHTEN SO SEHR GESCHÄTZT WIE DER MERCEDES-BENZ 600 PULLMAN.

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Werfen wir einen Blick auf die Liste einiger Besitzer: Coco Chanel, Gunter Sachs, Hugh Hefner, Udo Jürgens, Elizabeth Taylor, John Lennon, Herbert von Karajan und Elvis Presley. Alle aus dem Show-Geschäft und mächtig berühmt. In den Fuhrparks vieler Nationen, in den Einfahrtschneisen zu Jahresvollversammlungen war er dreißig Jahre lang omnipräsent. Ein 600 Pullmann, der nicht einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gehört, ist so leicht zu finden wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. 2677 wurden bis 1981 gebaut. Zwei davon befinden sich in Kuwait. Selbstverständlich hat »unserer« eine Vorgeschichte, eine Historie an Vorbesitzern, bei der einem der Mund austrocknet. Ahmad J Al-Quathiby ist der aktuelle Halter, er hat eine Schwäche für klassische europäische Limousinen.

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Als der Mercedes-Benz 600 Pullmann im September 1963 auf der IAA enthüllt wurde, war der »Große Mercedes« – in Benz-Sprache W100 – ein imposantes Statement aus Untertürkheim: Der seit Langem erwartete Nachfolger des gewaltigen Vorkriegs-Flaggschiffs 540K sollte schlicht und einfach das beste Auto der Welt sein. Die Planung hatte bereits 1955 begonnen. Der aufregendste Aspekt des 600 Pullmann war sein Motor mit der Bezeichnung M-100. Der erste V-Achtzylinder der Firmengeschichte, ein Kraftwerk mit 6,3 Litern Hubraum, strotzte vor neuer Technik: mit Natrium gefüllte Ventile, gehärtete Auslassventilschäfte und Zylinderköpfe aus einer speziellen Aluminium-Legierung. Die Maschine entwickelte 250 PS bei einem Drehmoment von 500 Nanometern. Das reichte aus, um die 2,64 Tonnen schwere Limousine auf über 200 km/h zu beschleunigen. Das neue Flaggschiff war die schnellste Serien-Limousine der Welt, angetrieben vom größten Pkw-Motor Europas.

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Letztlich waren es die hochkarätige Ausstattung und seine maßgeschneiderte Bauweise, die den 600 zu etwas Außergewöhnlichem machte. Beispielsweise die allgegenwärtige »Komfort-Hydraulik«, die mit Öl oder Luft praktisch alles bewegte – inklusive der Federung, die per Knopfdruck verstellbaren Sitze, sämtliche Scheiben, auch die Glastrennwand, das Schiebedach, Türen und Kofferraumdeckel, die zentral-verriegelten Türschlösser und vieles mehr. Angeboten wurde der 600 mit Standard-Radstand und vier Türen, aber auch verlängert als vier- oder sechstüriger Pullmann mit drei Sitzreihen sowie als Landaulet-Cabriolet. Von unserer Variante – viertüriger Pullmann – wurden 428 Exemplare gebaut. Dieser hier ist viel herumgekommen. Erst 1986 wurde der Wagen aus der Versenkung geholt, sozusagen rehabilitiert – für Prinz Sihanouk, Staatsoberhaupt von Kambodscha. Kurz darauf ging er erneut auf Reisen, diesmal in die USA. Der Vorstandsvorsitzende des Ölkonzerns Occidental Petroleum, Armand Hammer, kaufte den 600 und ließ ihn auf Vordermann bringen – so sehr, dass er 1989 den Sonderpreis der Jury des Amelia Island Concours einheimste.

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Seit Mitte der 1990er befindet sich unser Wagen in Kuwait. Mit gerade eben 32.000 Kilometern auf der Uhr ist er quasi gerade eingefahren und immer noch kerngesund – trotz der schwierigen Ersatzteillage. Aufgrund meiner Schuhgröße und meiner langen Beine entpuppt sich der Fahrerplatz vorne jedoch als eng, also viel zu ungemütlich; obwohl der Anblick unvergesslich ist, mit dem roten Leder und dem Armaturenbrett aus hinreißendem Palisanderholz… Aus meinen nicht adäquaten Körpermaßen mache ich das Beste und begebe mich zu unserem Gastgeber in den Fond. Obwohl die Sitze weit hinten platziert sind, schwingt man sich entspannt hinein und lässt sich buchstäblich in die weich gefederten Polster fallen. Hat man sich erst mal gesetzt, juckt es einen auch schon in den Fingern, das fast antiquierte TV-System samt VHS einzuschalten, während man gleichzeitig einen Blick in die Minibar wirft. Unser Fahrer lässt die acht Zylinder von der Kette. Nanu: Wir befinden uns ja schon in voller Fahrt. Ohne dass auch nur ein Zittern durch den Wagen ging, ist der Fahrer losgefahren, hat sich eingefädelt, und wir schwimmen im Verkehrsstrom wie ein Schiff. Hinter Seitenscheiben mit Gardinen ist das alles zwar gut sichtbar, aber nicht zu hören oder zu riechen. Sehr angenehm.

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Es ist nicht sonderlich überraschend, dass der lange 600 seine Passagiere mit leichtem Schwingen von der harten Realität urbaner Schlaglöcher besser abschirmt als jeder andere mir bekannte Wagen. Die Sitzpolster sind typische Mercedes-Wertarbeit jener Ära: bei Körperkontakt fest, und trotzdem nachgiebig und weich gefedert. An einer größeren Kreuzung kommen wir sanft zum Stehen. Das scheint mir ein guter Moment zu sein, um die subtileren Details und Funktionen des W100 auf ihre Straßentauglichkeit zu überprüfen. Die Klimaanlage läuft vorzüglich, sie hält uns die Hitze des kuwaitischen Abends vom Leib. Deshalb ist das nun ein guter Moment, die viel gepriesenen hydraulischen Fensterheber auszuprobieren. Wie von Nallinger gewünscht, gleiten sie ebenso mühe- wie lautlos, aber sehr rasch, auf und ab. Die Ampel wechselt zu Grün, und unser Fahrer drückt mal kurz auf die Tube. Für einen Wagen, der nicht mit Muskeln protzt, beschleunigt er erstaunlich schnell. Überraschenderweise werden wir auch nicht durch die Kabine gewirbelt, denn der Federweg ist durchaus moderat. Der Mercedes 600 Pullmann wurde von seinen Käufern geprägt, und deren Ansprüche hat er perfekt erfüllt. Uns wurde ein Einblick in das Leben der Reichen, Berühmten und Berüchtigten gewährt. Und ich kann mir nicht helfen, aber was ich gesehen habe, hat mir wahnsinnig gut gefallen.

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MERCEDES-BENZ 600 PULLMANN

BAUJAHR 1971 MOTOR 6329 ccm V8, SOHC, zwei Ventile pro Zylinder. Elektronische Mehrpunkt-Benzineinspritzanlage D- Jetronic von Bosch MOTORLEISTUNG 250 PS bei 4000 U/min DREHMOMENT 499 Nm bei 2800 U/min KRAFTÜBERTRAGUNG Automatik mit hydraulischer Kupplung und 4-Gang-Planetengetriebe, Differentialbremse LENKUNG Servo-Kugelkreislauflenkung FAHRWERK Rollbalg-Luftfederung mit Gummizusatzfedern, verstellbaren Teleskopdämpfern und Drehstabilisator. Hinten Eingelenk-Pendelachse BREMSEN Zweikreislauf-Vierrad-Scheibenbremse mit Druckluft-Servohilfe LEERGEWICHT 2640 kg, zugel. Gesamtgewicht 3340 kg HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT 205 km/h, 0-100 km/h in 9 Sek.


Text Keith Adams// Fotos Mark Dixon


 

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