Fiat 500 Jolly – Sonniges Kerlchen

Nenn es Jolly, nenn es Strandauto: wie auch immer Du ihn nennst, der niedliche Fiat 500 macht riesig viel Spaß.

Fiat 500 Jolly

Besser, du schließt dich jetzt ein«, warnt mich Emanuele, nachdem der winzige Fiat 500 Jolly den Hügel erklommen hat und es auf der anderen Seite talwärts geht. »Hier kommt der offizielle Geschwindigkeitstest.« Ich mache ein ernsthaftes Gesicht, befestige das als Beifahrertür dienende Seil(!), umklammere mit beiden Händen den Haltegriff und sage: »Leg los!«
Emanuele tritt das Gaspedal durch, und die Tachonadel arbeitet sich zögerlich auf 60, 70, 75 km/h hoch. Dann auf 78 und schließlich auf 80, bevor die flacher werdende Straße die Nadel gnadenlos zurückdrückt. 80 km/h – mit Gefälle. »Geschafft«, sagt Emanuele mit einem Grinsen. »Wharp-Faktor 3.« Ich halte ihm meinen hochgestreckten Daumen mit der Bemerkung entgegen: »Den Fahrradfahrer, der uns den Berg hoch überholt hat, haben wir aber nicht mehr eingeholt.« Den gemeinen Hinweis auf die profane Realität wischt Emanuele rasch beiseite. »O.K., der Jolly – vom englischen Wort für lustig/vergnügt – ist nicht besonders schnell, aber der Fahrradfahrer hat bestimmt nicht so viel Spaß gehabt wie wir. Schließlich geht es im Fiat 500 Jolly um den Spaß.« Dann zögert er kurz und fügt hinzu: »Allerdings hieß das Auto bei uns in Italien nicht Jolly, sondern Spiaggina.« Der seriöse Journalismus verlangt es, dass wir uns an dieser Stelle von den Freuden des Fahrens mit der rollenden Definition von ‚sorglos‘ am Comer See kurz entfernen und uns dem geschichtlichen Kontext zuwenden.

»Bei einem Strandauto geht es weniger ums Fahren, als ums Gesehenwerden – und da ist der Fiat 500 Jolly unschlagbar«

Auch als Nichtitaliener sind wir mit dem Fiat 500 Jolly halbwegs vertraut. Jener munteren Serien-Mikroauto-Kreuzung aus motorisiertem Einkaufswagen und Straßencafé-Markise, die über die Jahre so viele Strandhotelbetreiber und Grundstücksbesitzer an der Riviera begeistert hat – und so ziemlich jeden Filmemacher, der die Botschaft ‚Sonne. Sand. Meer. Schöne Menschen‘ transportieren wollte. Als reines Transportmittel war der Fiat 500 Jolly unnütz, als schicker Urlaubsuntersatz unschlagbar. Aber es wissen nur wenige, dass der Jolly, scusi Spiaggina, kein Initiator dieser Mode war. Die Nachfrage war groß genug, um auch andere Marktanbieter auf den Plan zu rufen. Viele namhafte Designfirmen, darunter Pininfarina und Vignale, bauten – wenn auch nur in geringer Auflage – Spiaggina- Versionen. Pininfarinas Eden ROC auf Multipla- Basis von 1956 war wohl die exklusivste, es soll insgesamt sogar nur zwei Exemplare gegeben haben. Eins wurde für Agnellis Villa am Mittelmeer gebaut, das zweite für das Familiendomizil des amerikanischen Transportwesen-Tycoons Errett Lobban Cord. Gerüchten zufolge soll noch ein drittes an Henry Ford II gegangen sein. Was Gerüchte so sagen. Eine Zeitlang schien es so, als würde jeder, der einen Hammer besaß, Strandwagen produzieren, manchmal mit sehr ungewöhnlichem Look. Giovanni Michelottis zügellose Verunstaltung des schönen Fiat 850 Spider war besonders beklagenswert, was auch Jackie Onassis konstatierte, als sie diese Scheußlichkeit trotzdem erwarb. Und auch von außerhalb Italiens kamen Kandidaten für den Umbau wie beispielsweise der Renault 4CV und der Mini. Aber kaum ein Auto war besser geeignet als Fiats ‚Mäuschen‘, der 500 Topolino. Viele davon erlebten durch den einen oder anderen Bastler eine Jolly-Verwandlung. Emanuele fand seine beim Liquidationsverkauf eines Topolino-Museums vor 15 Jahren. Als langjähriger Enthusiast, eifriger Sammler sowie Insider der Automobilindustrie und ehemaliges Mitglied des Organisationskomitees des Villa d’Este Concours war er sofort von dem kleinen Schätzchen angetan. »Es ist ein absolut fröhliches Auto«, sagt er. »Es sieht aus wie ein Eis.«


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Text Dale Drinnon // Fotos Martyn Goddard


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