Carrera Panamericana – Heckflosse im Vollgasrausch

Carrera Panamericana

Verrückt oder nicht. Darüber kann man sich streiten. Auf jeden Fall ist die Carrera Panamericana in Mexiko eines der letzten ungebremsten Bleifuß-Abenteuer für Typen, die sich was trauen. Gigantisch, herausfordernd, unvorhersehbar – das ultimative Rennen für Oldtimer. OCTANE Reisespezialist Egon Tauscher war im Oktober dabei. Hier sind seine Reisenotizen

Die Carrera Panamericana

Egon Tauscher ist einer, der noch Träume hat. Aber auch einer, der seine Träume leben will. Seit Jahren schon spukt ihm die Carrera Panamericana im Kopf herum. Targa Florio zweimal gefahren, Mille Miglia sechsmal. Als ihm dann in Frankreich die 1962er Mercedes Heckflosse zwischen die Finger kommt, ist klar, da steht ein Mercedes mit dem Zeug zum Carrera Panamericana Helden. Das Blech war super und alles andere mehr oder weniger Schrauberfleiß. Für Egon Tauscher hat die Teilnahme auch eine persönlich sehr herausfordernde Komponente: seit einem Motorradunfall vor achtzehn Jahren ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Alles kein Grund, sich den Schneid abkaufen zu lassen, findet er. Nein, ganz im Gegenteil!
Vom Restaurierungsobjekt aus Frankreich zum Panamericana-Mercedes. Egon Tauscher hat seine Heckflosse komplett auseinandergenommen und für das Mexiko-Vorhaben von Grund auf neu aufgebaut. Neben dem für Tauscher erforderlichen Handicap- Umbau hat er in anderthalb Jahren viel selbst geschraubt, aber auch den einen oder anderen Spezialisten beauftragt: Neue Fahrwerkgeometrie und der komplette Umbau auf ein Sportfahrwerk mit Austausch der Luftfederung und Nachrüstung von innenbelüfteten Scheibenbremsen. Überarbeitung und Umbau der Bremsanlage auf ein Zweikreissystem mit Bremskraftverstärker. Motor- und Getriebe-Revision. Einbau eines Überrollkäfigs und Innenausbau mit Sportsitzen und 6-Punkt-Sicherheitsgurten. 120-Liter-FIA-Sicherheitsrenntank im Kofferraum. Dazu die gesamte Löschtechnik, die von innen und gleichzeitig von außen mit einem Hebel vorne auf dem Kotflügel zu bedienen ist. Die Sicherheitsvorschriften für die Carrera Panamericana sind ausgesprochen hoch und das ist richtig so, denn Unfälle sind praktisch an der Tagesordnung.

Das Abenteuer beginnt im Hafen von Veracruz. Aus dem Container wird die Heckflosse entladen. Dazu Werkzeugkisten und unzählige große und kleine Ersatzteile, von denen man natürlich hofft, sie möglichst nicht zu brauchen. Nach dem unvermeidlichen Papierkrieg und der Abnahme des Wagens geht es dann erst mal 400 Kilometer quer durch Mexiko nach Tuxtla. Dort, in der Hauptstadt des Bundesstaates Chiapas beginnt die Tour. Und genau dort, mitten im Getümmel der Teilnehmer, Serviceteams und Schaulustigen macht sich zum ersten Mal dieses ganz besondere Gefühl breit – das Carrera- Feeling. Angesteckt von der Volksfeststimmung der Fans und einer Melange aus Vorfreude, Nervosität, Neugier und einer gehörigen Portion Mores wird jetzt dem nächsten Tag entgegengefiebert – sozusagen dem Tag null, an dem es aber schon richtig zur Sache geht.
Erste Sonderprüfung. Eingerahmt von seinen vier Mechanikern sowie weiteren Begleitpersonen in einem vorausfahrenden und einem hinterherfahrenden Servicefahrzeug, vollgestopft mit allem, was unterwegs kaputtgehen könnte, startet Egon Tauscher am ersten Renntag zum Qualifying für die Startreihenfolge. Auf mehr als 500 Kilometern mit gewundenen Bergstraßen, die durch eine grüne Hölle hinauf bis ins Hochland mit etwa 3000 m ü. d. M. führen, erringt er eine sehr achtbare Startposition. Platz 35 bei etwa 100 gestarteten Teams. Manch einer der anderen Wettbewerber hat unter dem alten Blech aber auch hoch moderne Technik mit bis zu 700 PS. Für die Panamericana gilt eine ganz einfache Regel: der Schnellste gewinnt. Tauscher meint aber »Das war nie mein Ziel, aber im guten Mittelfeld möchte ich schon mitfahren«.
In diesen Tagen ist Mexiko praktisch im Ausnahmezustand Zu jeder Tages- und Nachtzeit wird die Carrera Panamericana gefeiert, auch wenn der Start – wie meist – bereits im Morgengrauen stattfindet.


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Text Gabi Binder-Schulz // Fotos Gina Albrecht


 

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