Kolumne Zeitsprünge | Viel Sonnenschein im Mercedes-Benz 380 SL R 107

Mercedes-Benz 380 SL R 107 (3)

Mercedes-Benz 380 SL R 107: Perfekt und ausgereift, schnell und sparsam zu Preisen von 60.000 Mark an aufwärts.

Es gibt Fahrzeuge, die lassen bereits am Tage ihrer Vorstellung den Wunsch aufkommen, man möge rasch den Nachfolger bereitstellen – und es gibt Automobile, die über Jahre hinweg wie frisch gestylt erscheinen. Die Stuttgarter Daimler-Benz AG gehört zu den Produzenten, die stets die zweite Kategorie treffen: Man kann die Autos auch noch nach Jahren betrachten, ohne dass der Geschmacksnerv leidet.

Besondere Glücksgriffe hatten die Schwaben immer mit ihren Sportwagen und Cabrios: Das begann in den dreißiger Jahren mit den SS-, SSK-Modellen und erreichten kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit dem 500 K einen weiteren Höhepunkt. Der Traumwagen schlechthin war dann der 300 SL, der in beiden Varianten – als Flügeltürer-Coupé und als Roadster – zu den gesuchtesten Raritäten auf dem Oldtimer-Markt zählt. Dann kam der „Pagodendach“-SL, den es in drei Hubraum-Varianten, als 2,3-, 2,5- und als 2,8-Liter gab. Ihm folgte schließlich der 350 SL, der im April 1971 den beliebten 280 SL ablöste.

Dieser Wagen, dem im Frühjahr 1971 die 450 SL-Variante folgte und der im Juni 1974 schließlich noch mit dem 2,8-Liter-Sechszylinder ausgestattet wurde, hatte einen schweren Start: Wie alle Daimler-Sportwagen wurde er an seinem Vorgänger gemessen und die neue Form war gewöhnungsbedürftig. Mit einer Keilform, die vor zehn Jahren das Auge noch befremdete – und mit Riffelungen an den Seitenblechen um die – wie Chefstylist Bruno Sacco mittlerweile eingesteht – „heute in dieser Form nicht mehr drankämen“.

Mercedes-Benz 380 SL R 107 (1)

Jetzt, als der SL bereits zum Klassiker reifte, hat man sich an diese Form gewöhnt – und sie wird immer schöner. Hinzu kommt, dass der SL neben seiner Optik ein ungewöhnlich praktisches und ausgereiftes Fahrzeug ist. Die Insassen haben reichlich Platz und was der recht flache Kofferraum nicht fasst, kann auf der großen Ablagefläche hinter den Sitzen verstaut werden. Die Instrumente und Bedienungshebel liegen genau dort, wo man sie erwartet, alles wirkt aufgeräumt und ist überlegt angeordnet.

Die Entwicklungsabteilung von Daimler-Benz hat ja stets die Meinung vertreten, dass man den Fahrer nur bedingt mit den Instrumenten belasten soll, die er unbedingt zur Information braucht. Italienische oder britische Großzügigkeit mit acht Rundinstrumenten ist hier undenkbar. So beherrscht ein großer Tachometer das Armaturenbrett, eingefasst von einem Drehzahlmesser (rechts) und einer Uhr (links). Dazu eine kleine Tankuhr, ein Ökonometer und ein Wasserthermometer – das muss den Fahrer genügen. Dieses karge Armaturenbrett erfüllt jedoch tatsächlich den Sinn seiner Schöpfer, den Fahrer so wenig wie möglich von der Straße abzulenken, ihm nur die wichtigsten Informationen zukommen zu lassen.

Unter der Motorhaube wurde im Frühjahr 1980 aufgeräumt: Die mittlerweile etwas antiquierten Achtzylinder wurden durch überarbeitete, weniger durstige Exemplare ersetzt. Die neuen Modelle bekamen die Bezeichnung Mercedes-Benz 380 SL R 107 und 500 SL, die den Eingeweihten sofort den Hubraum der immerhin 59.539,70 und 68.105,10 Mark teuren Sportwagen verraten: 3,8 bzw. 5,0 Liter.

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Mercedes-Benz 380 SL R 107 – Genügsamer Gleiter

Diese neue Generation von Leichtmetallmotoren, die gleich noch mit einem neuen Viergang-Automatikgetriebe versehen wurden, zählt nicht nur zu den kräftigsten und bewährtesten Motoren, ihnen wurde zugleich auch eine bemerkenswerte Sparsamkeit anerzogen. Der 380 SL, der der SZ für einige Tage zur Verfügung stand, benötigte – je nach Fahrweise – zwischen zwölf und 18 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Das ist für die gebotenen Fahrleistungen erstaunlich wenig, erreichte der Mercedes-Benz 380 SL R 107 doch knapp 220 km/h, die der leicht vorauseilende Tachometer als 240 km/h ausgab. Die Beschleunigungszeit aus dem Stand zu der auf Landstraßen zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h lag bei neun Sekunden.

Diese Werte lassen zwar die Kraft ahnen, mit der die 204 PS (150 kW) den 1540 Kilogramm schweren Roadster beschleunigen, können jedoch nicht die Leichtigkeit vermitteln, mit der Überholwege auf kürzeste Distanzen zusammenschrumpfen, mit der hohe Reisedurchschnitte erreicht werden. Und dank der hervorragenden Sitze steigt man selbst nach 500, 600 Kilometern, die mit Hilfe des großen 90-Liter-Tanks ohne Tankstops gefahren werden können, ohne Muskelkrämpfe und Ermüdungserscheinungen aus.

Mercedes-Benz 380 SL R 107 Front (6)

Das Beste am Mercedes-Benz 380 SL R 107 (und das gilt natürlich auch für seine Typen-Brüder) ist jedoch das fehlende Dach: Frühere Generationen von Automobilbauern haben schon gewusst, warum das Cabriolet so gepflegt wurde, warum es stets in größeren Stückzahlen als die muffige und enge Limousine gebaut wurde. Offen fährt man langsamer, genießt den Ausblick, erlebt die Frischluft, riecht die Umgebung, spürt die Sonnenstrahlen… – und gesünder ist es auch: Ärzte haben bei Cabriolet-Fahrern einen deutlich niedrigeren Anteil an Erkältungskrankheiten festgestellt.

Die Lust am Offenfahren nimmt beim Mercedes-Benz 380 SL R 107 mit jedem Tag zu, immer schneller beherrscht man die wenigen Griffe, die zum Herunterklappen nötig sind, immer öfter nutzt man auch kurze Augenblicke zu einer Fahrt im Freien. Zwar neigt das Stoffverdeck bei hohen Geschwindigkeiten zum Flattern, doch das tun alle Verdecke diese Art – und man ist schnell bereit, diese Schwäche zu akzeptieren. Zumal es mit die einzige Schwäche des SL zu sein scheint, wenn man einmal von dem Mindesteinkommen absieht, dass zum Kauf und Unterhalt von Nöten ist.

Facharbeiter und Redakteure werden nur selten in den Genuss dieser Modellreihe kommen, Ärzte und Immobilienmakler schon öfter – da bleibt nur der Trost, dass es auch billigere Cabriolets auf dem Markt gibt, von VW, Talbot, Fiat und Triumph. Aber ob sie ein Ersatz für einen SL sein können?


Dieser Text ist erstmals an Ostern 1982 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.


Mercedes-Benz 380 SL R 107 Heck

Fotos Daimler AG

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Automobile – dabei sind auch mittlerweile mehr als 100 Bücher erschienen. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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