Sir Stirling Moss – Mehr als eine Motorsport-Legende

Sir Stirling Moss Portrait

Im Motorsport geht es oft um reine Zahlen und Ergebnisse. Das Vermächtnis eines Rennfahrers misst sich aber nicht nur an Titeln und Siegen. Sir Stirling Moss, in vielerlei Hinsicht einer der der größten Rennfahrer der Geschichte, verstarb am Ostersonntag im Alter von 90 Jahren. 

Wo soll man anfangen, wenn man auf ein solch langes und erfülltes Leben zurückblickt? Zahlreiche große Siege, schwere Schicksalsschläge; enge Bindungen, kurze Begegnungen und Anekdoten verbindet man mit diesem großen Namen des Rennsports. Vielleicht beginnt man mit einer Zahl, die Sir Stirling Moss mit einem Rekord für die Ewigkeit verbindet: 722. Mit dieser Startnummer gingen er und sein Copilot und Navigator, der britische Journalist Denis Jenkinson mit einem Mercedes-Benz 300 SLR um 7.22 Uhr am 1. Mai 1955 an den Start der Mille Miglia in Brescia. Dank Moss‘ fahrerischer Klasse, Jenkinsons guter Vorbereitung und Streckenkenntnis in ein Roadbook gepresst sowie der technischen Überlegenheit des Autos kam die Startnummer 722 nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden wieder in Brescia. Nie wieder sollte ein Team in dieser Zeit mit einem Stundenmittel von 157,65 km/h die 1000 Meilen bewältigen, ein Rekord für die Ewigkeit.

Auch für Stirling Moss selbst war dieser Gewinn der größte Erfolg seiner Karriere. Nicht allein nur wegen des reinen Rekords, sondern auch wegen der Charakteristik dieses Rennens auf öffentlicher Straße. Es gehörte einfach nochmal eine gehörige Portion mehr an Wagemut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Fahrzeug dazu, um die im Detail unbekannte Strecke auf öffentlicher Straße mit dicht gedrängten Zuschauern in diesem Tempo zu bewältigen. Umso wichtiger war in diesem Kontext die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Moss und seinem Navigator Jenkinson, der ich sicher durch Norditalien lotste.

Sir Stirling Moss – Die stete Suche nach der Herausforderung

Neben dieser Sternstunde gab es aber für Sir Stirling Moss noch zahlreiche andere Gelegenheiten auf der Strecke zu jubeln. In reinen Zahlen ausgedrückt hat er an 495 offiziellen Motorsportveranstaltungen teilgenommen, bei 366 Rennen erreichte er das Ziel und gewann davon 222. Beeindruckende Zahlen, die noch mehr Wert erhalten, wenn man bedenkt, dass Moss nie den einfachen Weg ging und mit den Topautos vorneweg fuhr. Insgesamt fuhr er dabei 84 verschiedene Autotypen. Mercedes-Benz und Maserati waren darunter, aber auch HWM, Cooper, Vanwall und Lotus.

Sir Stirling Moss war einfach ein Mann mit Prinzipien. Er hatte große Freude am Wettkampf, gerade wenn er mit einem unterlegenen Fahrzeug das besser gestellte Auto auf der Strecke hinter sich lassen konnte. Außerdem wollte er gerne mit einem britischen Fabrikat Rennen und Titel gewinnen. Der große Wurf mit dem Weltmeistertitel sollte ihm nie gelingen. Vier Vizeweltmeisterschaften bei 16 Grand Prix-Einzelsiegen machen ihn zu einem der erfolgreichsten Rennfahrer, die nie Weltmeister werden konnten.

Dieses Bild vom ewigen Zweiten, der nie den ganz großen Erfolg erreichen konnte, aber der die Sympathien des Publikums erhielt, greifen zu kurz. Er war kein Raymond Poulidor, der über Jahre vergeblich versuchte, die Tour de France zu gewinnen und dem man die körperlichen Anstrengungen ansehen konnte. Sir Stirling Moss wollte Rennen fahren und er hatte diebische Freude daran, wenn er in einem unterlegenen britischen Auto mal die Konkurrenten hinter sich ließ. Außerdem hat er auch in damit gehadert, sich nicht Weltmeister nennen zu können. Es ging ihm nie ums Titelsammeln, sondern um den Motorrennsport. Im Grund schien er sogar fast ein bisschen stolz darauf, diese Exklusivität mit sich zu tragen.

Sir Stirling Moss – In guter Familientradition

Sir Stirling Moss wurde am 17. September 1929 in London geboren, der Stadt, der er zeitlebens treu blieb. Er entstammt einer veritablen Motorsport-Familie. Sein Vater Alfred E. Moss, eigentlich Zahnarzt, fuhr als Hobby Rennen. Unter anderem beendete er die 500 Meilen von Indianapolis 1924 auf dem 16. Platz. Auch seine Mutter Aileen und seine Schwester Pat fuhren Trails, Rallyes und Sportwagenrennen.

Im Alter von 19 Jahren fuhr Stirling Moss 1948 sein erstes Rennen in einem Cooper-Formel 3 Rennwagen und belegte den vierten Platz. 1949 stellten sich die ersten Formel 3-Erfolge ein. Anfang der 1950er-Jahre bestritt Moss zahlreiche Rennen in unterschiedlichen Klassen und mit unterschiedlichen Fahrzeugen. Formel 2 und 3 sowie Sportwagen, stets aber patriotisch in britischen Autos. HWM, ERA, Connaught und Cooper waren die Fabrikate, in denen er von 1951 und 1953 Platz nahm. 1954 ließ er sich erstmals von der Insel locken und heuerte für die Formel 1-Saison 1954 bei Maserati an. Dabei sprang ein dritter Platz beim Großen Preis von Belgien und Siege in Aintree, Oulton Park und Goodwood – die aber allesamt nicht zur Weltmeisterschaft zählten – heraus. Die mangelnde Zuverlässigkeit des Maserati machten bessere Ergebnisse zunichte.

Sir Stirling Moss Maserati (1)

Die Sternstunden von Sir Stirling Moss auf und neben der Strecke

Das eine Jahr bei einer der großen Marken öffnete Sir Stirling Moss allerdings die Tür zu Mercedes-Benz. Der legendäre Rennleiter Alfred Neubauer hatte Moss schon lange auf dem Schirm, aber er wollte ihn einmal im direkten Zweikampf mit einem richtig wettbewerbstauglichen Auto sehen. Die Zeit bei Maserati war für Neubauer der letzte Beweis der Tauglichkeit Moss‘ für die Silberpfeile. So bildete Sir Stirling Moss mit dem großen Juan-Manuel Fangio das Mercedes-Dreamteam des Jahres 1955. Neben dem Rekordsieg bei der Mille Miglia gewann Moss auch die Targa Florio. In der Formel 1 reichte es mit einem Sieg und zwei zweiten Plätzen zur Vizeweltmeisterschaft hinter Fangio.

Den einzigen Sieg der Formel 1-Saison errang er ausgerechnet bei seinem Heim-Grand Prix in Großbritannien. Kurz vor Schluss des Rennens überholte er Fangio und sah als erster die schwarz-weiß karierte Flagge. Moss selbst hat auch noch Jahre später darüber gerätselt, ob ihm der argentinische Champion den Sieg „daheim“ überlassen und gegönnt hat oder er ihn sportlich überholt hatte. Auch auf direkte Nachfrage hat sich Fangio nie direkt dazu bekannt, seinem Teamkollegen den Sieg überlassen zu haben. Wie auch immer es sich tatsächlich zugetragen hat, diese Episode ist ein Beispiel des Sportmannsgeist von Moss und seinen sportlichen Konkurrenten. Hart im Wettkampf, aber stets mit größtem Respekt auf und neben der Strecke. Eine Eigenschaft, die Moss Zeit seines Lebens ausgezeichnet hat. Gleich ob es seine direkten Widersacher auf der Strecke waren oder spätere Rennfahrergenerationen, stets konnte er sie aufrichtige Anerkennung von Leistungen auf der neben der Strecke spüren lassen.

Die sportliche Fairness lebte er 1958 in besonderem Maße aus. Nach dem Rückzug von Mercedes-Benz aus dem Rennsport fuhr Sir Stirling Moss zunächst wieder für Maserati, ab 1957 für Vanwall. 1958 gewann er vier Rennen, sein Rivale Mike Hawthorn im Ferrari nur eines, aber er punktete konstanter und wurde Formel 1-Weltmeister. Es hätten aber auch weniger Punkte für Hawthorn sein können, beim Großen Preis von Portugal wollte ihn die Rennleitung eigentlich disqualifizieren. Sir Stirling Moss setzte sich aber für seinen Konkurrenten ein und verhinderte durch seine Aussage die Disqualifizierung. Das kostete ihn den möglichen Titel, manifestierte aber seinen Ruf als untadeliger, fairer Gentleman, der lieber auf einen Sieg am grünen Tisch verzichtet, wenn er nicht sauber und sportlich auf der Strecke errungen wird.

1959 fuhr Sir Stirling Moss wieder für Cooper, in den beiden Folgejahren für das Lotus-Privatteam von Rob Walker. Der Wagen war den Ferraris technisch unterlegen, dennoch konnte Moss auf „Fahrerstrecken“ wie Monaco oder dem Nürburgring Siege erringen. Am 23. April 1962 endete die Karriere von Sir Stirling Moss bei der Glover Trophy in Goodwood. An vierter Stelle liegend kam er von der Strecke ab und prallte gegen einen Erdwall. Er wurde schwer verletzt, lag lange im Koma und war halbseitig gelähmt. Es dauerte fast ein Jahr bis er wieder genesen war. An den Unfall hatte er keine Erinnerung mehr und auch die Untersuchung brachte keine eindeutige Klarheit über die Unfallursache.

Sir Stirling Moss – Ein Vermächtnis weit über den Motorsport hinaus

Im Mai 1963 kehrte er zu Testfahrten nach Goodwood zurück. Auch wenn die Zeiten konkurrenzfähig waren, entschied er für sich, dass seine Reaktionen und die Sehfähigkeit nicht mehr den Ansprüchen genügten, um Rennen zu fahren. Später sagte er, dass er vielleicht zu früh wieder ins Auto gestiegen war und er sich vielleicht anders entschieden hätte, wenn er die Tests erst später durchgeführt hätte. Aber der Entschluss war einer mit Weitblick, der ihn von weiterem Schaden bewahrt und viele erfüllte Jahrzehnte beschert hatte. Die Rennsportzeit der 50er und 60er-Jahre verzieh keine Fehler, jeder Prozentpunkt weniger an Aufmerksamkeit oder Reaktionsschnelligkeit konnte mit dem Tod bezahlt werden.

So konnte Stirling Moss nach seiner aktiven Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann reüssieren und nahm an zahlreichen historischen Rennen teil, unter anderem in seinem SLR bei der Mille Miglia. 1999 wurde er von Queen Elisabeth II. in den Adelsstand erhoben, nachdem er bereits vorher zum OBE, Officer of the Order of the British Empire ernannt worden war.

Am Ostersonntag 2020 verstarb Sir Stirling Moss OBE friedlich in seinem Haus in London. Sein Vermächtnis wird bleiben. Nicht nur als einer der erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten. Sondern auch als fairer und sympathischer Sportsmann und Gentleman. Bei jeder seiner Stationen hat er prägende Spuren hinterlassen. Für Mercedes-Benz war er nicht nur als Markenbotschafter unterwegs, 2009 trug die auf 75 Stück limitiert Version SLR Stirling Moss seinen Namen. Auch die 722 Edition des Sportwagens trug bereits seine Startnummer der Mille Miglia 722.

Als Rennfahrer der 50er-Jahre hat er sich mutig und fahrerisch brillant auf den Rennstrecken bewiesen. Darüber hinaus hat er auch aber gezeigt, dass sich die Größe eine Karriere nicht allein in Titeln messen lässt. Sportlicher Respekt, Prinzipientreue und eine offene, humorvolle und empathische Art waren Eigenschaften, die er in allen Etappen seines Lebens vorlebte. Das machte ihn nicht nur zum Vorbild für nachfolgende Rennfahrergenerationen, sondern auch zu einem Geschenk für alle jene, die ihn ein Stück des Weges begleiteten.


Fotos Daimler AG, Maserati S.p.A.

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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