Porsche 356 A Speedster – Ein Leben in Bewegung

Porsche 356 A Speedster Totale Titel

„Bewegung hält jung“, selten war dieses Motto für ein Auto passender als bei diesem Porsche 356 A Speedster von 1957. Gewiss, die 60 Jahre sieht man dem Fahrzeug an. Die Zeichen der Zeit haben sich in den Lack und die Sitze gegraben. Aber was die „Automotive Archeologists“ von ChromeCars 2015 in den USA aufgetrieben und geborgen haben, ist nicht mehr und nicht weniger als ein veritabler automobiler Schatz. Der Speedster glänzt nicht in überrestauriertem frischen Lack, sondern strahlt durch seine gelebte Geschichte und seine unverfälschte Originalität.

Dieser Porsche 356 A 1600 Speedster steht zum Verkauf

Der Porsche 356 A Speedster in Bewegung

Das erste Leben dieses Porsche 356 A Speedster beginnt 1957 in Florida. 1962 kauft dann ein junger Mann aus Miami das Fahrzeug als Gebrauchtwagen. Er nutzt ihn als Daily Driver zur Arbeit, und in seiner Freizeit fährt er damit bei privaten und semi-legalen Gymkhana Rennen des Sports Club of Miami. Nicht selten narrte er mit seinem kleinen wendigen Speedster die Schwergewichte und amerikanischen Musclecars, die es mit ihm aufgenommen hatten beim Driften um den Pylonenparcours auf dem lokalen Parkplatz.

Der Speedster machte ihm aber nicht nur sichtlich Freude, er half ihm auch aus, als er für eine größere Investition Geld benötigte. So belieh er das Auto für 50.000 Dollar bei seiner Bank. Selbstverständlich löste er das Auto wieder aus, verkaufen war für den treuen Eigentümer keine Option. Und so vergingen 53 Jahre eines gemeinsamen Lebens, ehe sich der Besitzer eingestehen musste, dass der Porsche langsamer gealtert war als er selbst und ein neuer Käufer das Auto weiter mit derselben Sorgfalt weiterfahren sollte. Bis zum letzten Tag in seinem Besitz pflegte er den Porsche angemessen, ohne seinen Originalzustand anzutasten. Auch im hohen Alter stellte er das Auto nicht in einer musealen Garage ab, sondern folgte der Bestimmung des Speedsters und fuhr ihn regelmäßig. Leider touchierte er bei einer seiner letzten Ausfahrten mit dem rechten Kotflügel die Leitplanke. Die Aura dieses Speedsters lässt den Blechschaden aber fast wie eine Auszeichnung aussehen.

So wie andere automobile Schätze steht der Porsche 356 A Speedster nun in Jena und gesellt sich damit unter anderem zu zwei von nur 12 gebauten GM Futurlinern. Der tadellose Originalzustand des Porsche 356 A Speedster wurde kürzlich von Porsche Classic bestätigt. „Selbst die Gutachter von Porsche rieben sich teilweise verwundert die Augen. Nicht nur Chassis, Motor und Getriebe passen bei diesem Speedster, sondern auch die Felgen, Steckscheiben und Türen bis hin zu den Dichtungsgummis, alles ist absolut original“, schwärmt Michael Gross von ChromeCars. Bemerkenswert, dass ein erfülltes und forderndes Autoleben nach 60 Jahren eine solche Authentizität aufweist. Aber vielleicht haben unsere Großeltern einfach Recht, Bewegung hält tatsächlich jung.

Die Erfolgsgeschichte von Porsche in den USA

Porsche in Amerika war ohnehin vom Start weg eine große Erfolgsgeschichte, die bereits im Jahr 1950 begann. Auf dem Pariser Automobilsalon kam es zu einer entscheidenden Begegnung zwischen Ferdinand Porsche und dem US-amerikanischen Automobilimporteur Maximilian E. Hoffman. Als Importeur verschiedener europäischer Automobilmarken an der amerikanischen Ostküste verfügte dieser über ein eigenes Händlernetz und besaß ein untrügliches Gespür für die Wünsche der amerikanischen Oberschicht. Der erste Vertrag regelte noch die Lieferung von jährlich 15 Porsche-Fahrzeugen. Diese zugesicherten Autos waren noch ein geringer Wert, wie sich schnell herausstellen sollte. Auch dank des Marketinggeschicks von Maximilian Hoffman schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe. 1952 waren es bereits 283 exportierte Modelle, 1955 wurden mehr als 50 Prozent der Gesamtproduktion von 3.624 Autos über den großen Teich verschifft, im letzten Produktionsjahr 1965 des 356 fast 75 Prozent.

Wie sich herausstellte, war Hoffman als szenekundiger Verkäufer bestens dafür geeignet, den deutschen Sportwagen in den USA einen Ruf zu erarbeiten. So wurde einer der ersten 356 an den privaten Rennwagen Briggs Cunningham ausgeliefert, der mit seinen Erfolgen in der Motorsportszene das entsprechende Renommee für Porsche einfuhr. Nicht minder zielführend waren die zahlreichen Hollywood-Stars, die sich mit ihren neuen Porsches auf den Straßen blicken ließen, allen voran natürlich James Dean und Steve McQueen.

Hoffmans Geschick war aber nicht nur Effekthascherei für den Boulevard, er erkannte, dass länderspezifische Modelle benötigt werden, um auf dem umkämpften amerikanischen Automobilmarkt langfristig erfolgreich zu sein. Er regte aus diesem Grund eine besonders leichte und kostengünstige Version an, die ab 1954 als 356 Speedster auf den Markt kam und auf der 1952 entstandenen Kleinserie 356 America Roadster beruhte. Mit einem Grundpreis von 3.000 US-Dollar wurde der spartanisch ausgestattete Speedster vor allem im sonnigen Kalifornien zu einem großen Verkaufserfolg. Oder im gleichfalls sonnigen Florida, wie dieses besondere Exemplar von ChromeCars zeigt.

Porsche 356 A Speedster Heck 1


Fotos ChromeCars

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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