Planung und Bau der AVUS

AVUS100 1934 Hans Stuck Auto Union Typ A Bau der AVUS

Der 100-jährige Geburtstag der AVUS wird zwar im Jahr 2021 gefeiert werden, die Anfänge der legendären Rennstrecke gehen aber zurück bis ins Jahr 1909, weit vor dem eigentlichen Bau der AVUS. Das Automobil setzte gerade dazu an, sich als Verkehrsmittel zu etablieren.

Zum Fortbewegungsmittel der Massen war es noch ein weiter Weg. Zunächst waren es natürlich diejenigen, die über die nötigen Mittel verfügten, sich die neue Technik leisten zu können. Nicht unkritisch beäugt von den anderen Verkehrsteilnehmern, die die lärmenden und stinkenden Gerätschaften und selbstverständlich auch die Hautevolee am Steuer nicht selten mit Argwohn betrachteten.

Was die feinen oder adeligen Herrschaften aber nicht abhielt, mit Freude die ersten Autos zu bewegen, gerne auch im Wettkampf. Die öffentlichen Straßen, oder besser staubigen Pisten, eigneten sich kaum dafür, also musste eine reine Automobil-Straße her. Mit dem aktuellen Stand des Straßenbaus und ohne lästige Pferdefuhrwerke und deren Spuren.

Viel wichtiger als die Vorliebe der ersten motorisierten Personen war die maßgebliche Unterstützung des Kaisers. Zähneknirschend sah er die deutschen Fabrikate bei Vergleichsfahrten weniger gut abschneiden als die ausländische Konkurrenz. Um der jungen deutschen Automobilindustrie auf die Sprünge zu helfen, war er sehr daran interessiert, eine Versuchs- und Übungsstraße zu initiieren. Auf dass die Hersteller die Straße zum testen, experimentieren und für neue Rekorde nutzen, nicht nur um das Renommee zu fördern, sondern wirtschaftlichen Erfolg mit sich zu bringen.

Zur Überlegung standen neben Berlin konkret noch zwei weitere Standorte: die Lüneburger Heide und die Eifel. Letztere sollte später noch in anderem Zusammenhang zum Zuge kommen und als Nürburgring kleine und große Geschichten und Dramen schreiben. Schlussendlich fiel die Wahl auf den Grunwald. Als Hauptstadt ging von Berlin eine ganz andere Repräsentationswirkung aus, daher wurde die Strecke vor den Toren Berlins – in der der Kaiserzeit waren Charlottenburg und der Grunewald noch nicht eingemeindet – ausgewählt. Auch mit dieser Unterstützung beschloss der Kaiserliche Automobil-Club am 23. Januar 1909 die Gründung der Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße GmbH.

Wo es auf der einen Seite Unterstützung für ein Projekt gibt, gibt es stets auch mindestens eine andere Meinung. Für einen nicht unerheblichen Anteil der Bevölkerung aus Berlin und den angrenzenden Orten war der Grunewald grüne Lunge und Naherholungsgebiet gleichermaßen. Verständlich also, dass sich die Begeisterung, eine Schneise in den Wald zu schlagen – zumal für eine Automobilstraße – bei der Bevölkerung in Grenzen hielt. Auch Anfang des 20. Jahrhunderts treffen bei solch einem Projekt genauso die Meinungen aufeinander, wie es heute wohl auch wäre.

1913 startet der eigentliche Bau der AVUS

Was Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls auch nicht anders war als heute: sorgfältige Planung braucht ihre Zeit. 1913 begann der tatsächliche Bau der AVUS. Der Standort wurde in den Grunewald gelegt, zwischen der einige Jahre zuvor eröffneten Bahnstrecke und dem heutigen Kronprinzessinenweg. Nahezu gerade – auch wenn man im südlichen Teil eine deutliche Biegung erkennt – wurde eine Schneise durch den Wald geschlagen. Eigentlich ging es auch recht zügig voran, Brücken wurden errichtet, Kabel- und Entwässerungsleitungen im Mittelstreifen verlegt; aber die Geschichte machte dem Fortschritt ein Strich durch die Rechnung. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs kamen auch die Arbeiten zum Erliegen.

Es sollte bis 1921 dauern, ehe die Arbeiten am Bau der AVUS fortgeführt werden sollten. Der Industrielle Hugo Stinnes hatte sich unter anderem dafür stark gemacht. Eigentlich fehlte nur noch der Straßenbelag, aber sechs Jahre Stillstand auf der Baustelle hatten Spuren hinterlassen. Zum einen hatte sich die Natur ihr Revier zurückerobert und Pflanzen wuchsen wieder über gerodete oder bebaute Flächen. Zum anderen wurden Teil der Bahn nach dem Ersten Weltkrieg sprichwörtlich aus der Not von den Berlinern verheizt. Aber nachdem der Bewuchs wieder entfernt und schadhafte Stellen wiederhergestellt wurden, konnte die Straße nach der Makadam-Bauweise errichtet werden. Dabei werden drei Lagen mit jeweils unterschiedlich großen, gebrochenen und gut verdichteten Gesteinskörnungen übereinander geschichtet. Diese Technik existierte bereits im 19. Jahrhundert, um den Belastungen der motorisierten Fahrzeuge Stand zu halten und vor allem die Staubentwicklung zu unterbinden, ging man bei der AVUS dazu über, den Belag mit Teer zu binden.

Ursprünglich war die AVUS als Versuchsstraße geplant, gegen eine gesalzene Maut-Gebühr. Recht früh setzte aber schon der Realismus ein, dass die Kosten so kaum wieder hereingeholt werden können. Um die Strecke auch nachhaltig finanzierbar zu halten, dachte man also schon vor der Fertigstellung der Strecke darüber nach, Rennen auf der AVUS auszutragen, um so Geld in Kassen zu spülen.

Erfahren Sie mehr zu den ersten Jahren als Rennstrecke in der nächsten Folge der AVUS-Serie.

AVUS100 1935 Mercedes-Benz W 25 Bau der AVUS
Internationales Avus-Rennen, 26 Mai 1935. Mercedes-Benz W 25 Formel-Rennwagen beim Training auf der Rennstrecke.

Am 24. September 2021 wird die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße, kurz AVUS, 100 Jahre alt. AVUS100 möchte das kulturelle Erbe der legendären Rennstrecke noch einmal würdigen – umfänglich, kritisch und unterhaltsam. Denn zwischen Funkturm und Dreilinden gibt es tausende Geschichten zu erzählen.

Mehr unter
www.avus100.de


Fotos Audi AG, Daimler AG

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

Weitere Artikel

Citroën DS 21 (8)

Citroën DS Kaufberatung – Schweben wie Gott in Frankreich

Bei der Vorstellung 1955 begeisterte die Citroën DS die Massen. Heute ist der Reiz – ob aus ästhetischen oder technischen Gründen – ungebrochen. weiterlesen Citroën DS Kaufberatung – Schweben wie Gott in Frankreich

Ferrari 312 P Gianni Agnesa

Buchtipp | Ferrari 312 P: Der schönste Rennwagen aller Zeiten?

Natürlich kann man über die Schönheit eines Autos diskutieren – und ob es den schönsten Rennwagen überhaupt gibt? Gianni Agnesa hat seinem beeindruckenden Werk über den Ferrari 312 P deshalb auch die Unterzeile „Forse la più bella Ferrari da corsa“ weiterlesen Buchtipp | Ferrari 312 P: Der schönste Rennwagen aller Zeiten?

Motorräder bis 1949 (26)

Als das Motorrad laufen lernte – Motorräder bis 1949

Auch Zweiräder sind Zeitzeugen der Massenmobilisierung. Was am Anfang kaum mehr als ein Fahrrad mit Hilfsantrieb war wurde später zum pragmatischen Nutz-, und dann zum geliebten Freizeitfahrzeug. weiterlesen Als das Motorrad laufen lernte – Motorräder bis 1949