Mercedes-Benz W 110 Kaufberatung

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1961 stattete Mercedes-Benz seine neue Mittelklasse mit der modernen Peilsteg-Karosserie aus. Besonders die robusten, beliebten Dieselmodelle des Mercedes-Benz W 110 wurden als Langläufer zur Legende.

Im Rückspiegel sieht alles anders aus. Der heute so verbreitete Diesel-Pkw galt vor fünfeinhalb Jahrzehnten noch als Exot. Allein in der Mercedes-Benz Mittelklasse spielte er eine tragende Rolle. Vor allem Taxiunternehmer und Bauern schätzten die Vorteile des günstigen Treibstoffs und der soliden Mechanik. Seinen schweren Start nach kalten Nächten, das dann harte, laute Nageln und ein eher gemütliches Temperament nahmen sie dafür in Kauf.

Diese unerschütterliche Solidität sichert den „Kleinen Flossen“, wie sie die Szene gerne nennt, bis heute große Beliebtheit. Leistung und Tempo spielen beim Einsatz als Klassiker sowieso eine nachgeordnete Rolle. Wichtiger ist, dass die Heckflossen-Karosserie „Komfort und Sicherheit“ bietet, wie es einst der Prospekt versprach, und zudem mit ihren „Peilstegen“ den typischen Schick der 1960er-Jahre zeigt. Dass außerdem einerseits die Teileversorgung exzellent ist, andererseits die Betriebskosten auf niedrigem Niveau liegen, macht diesen Stoiker unter den Klassikern für Sammler und Liebhaber zusätzlich interessant. Auch die Erreichbarkeit spielt eine Rolle: Preislich liegen die Mercedes-Benz Flossen-Modelle der Mittelklasse auf einem für viele Interessenten erschwinglichen Niveau. Das gilt nicht nur für die Diesel, sondern ebenso für die von Benzinmotoren angetriebenen Varianten.

Mercedes-Benz setzte beim W 110 seine neue Strategie fort, die mit der Vorgängerbaureihe, den Ponton- Modellen, bereits begonnen hatte. Die Blechteile der Limousinen glichen sich ab der Windschutzscheibe bis zum Heckabschluss. Nach dem großen Thema Sicherheit, das Daimler-Benz mit der Erfindung der Knautschzone in den Nachkriegsjahren besetzte, schlug der Hersteller nun mit der Fokussierung auf die „Einheitskarosserie“ ein neues grundlegendes Kapitel auf. Eine Gefahr, die noblen Oberklasse-Fahrzeuge – wie einen Mercedes-Benz 220 SE – mit dem 190 D der Mittelklasse zu verwechseln, gab es dennoch nie. Schließlich zeigen ihre Fronten zwar das typische Markengesicht mit der breiten, hohen und vom Stern gekrönten Kühlermaske, doch die Längen der Vorbauten unterschieden sich, ebenso die Scheinwerfer: Die Mittelklassemodelle des Mercedes-Benz W 110 tragen runde Gläser, darunter sitzen (allerdings nicht bei allen Ausführungen) trapezförmige Zusatzleuchten für Nebelscheinwerfer und Blinker.

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Mercedes-Benz w 110 – Modellhistorie

Die „Kleine Flosse“ schrieb nicht nur als Diesel Geschichte. Kurz nacheinander waren im Sommer 1961 der 190 c und der 190 Dc gestartet: Beide trieb ein Vierzylinder an, wobei der Benziner mit 1897 cm³ Hubraum etwas kleiner als der Selbstzünder ausfiel, dem 1988 cm³ zur Verfügung standen. Mit 80 PS und einer Spitze von 150 km/h toppte der 190 c das Dieselderivat deutlich, das 55 PS und 130 km/h bot. Der ursprünglich nur intern verwendete Buchstabe „c“ hilft Fans heute bei der Unterscheidung der Heckflossen (W 110) von den Vorgängermodellen der „Ponton“-Baureihe (W 121).

Ab Spätsommer 1962 war auf Wunsch das Mercedes-Benz-Automatikgetriebe lieferbar, ein Jahr später folgte die Umstellung des Bremssystems: Vorne gab es nun Scheiben, zudem bot eine Zweikreishydraulik mehr Sicherheit. Im Herbst 1965 folgte eine Modellpflege mit optischen Retuschen und neuen Modellen: Der Typ 200 hatte einen auf zwei Liter vergrößerten, nun 95 PS starken Motor. Die Dieselvariante 200 D arbeitete mit nun fünf Kurbelwellenlagern spürbar laufruhiger. Topmodell wurde der Typ 230 mit einer zunächst leicht gedrosselten Variante des 2,3-Liter-Sechszylinders aus dem 230 S. Diese diskrete wie leistungsstarke Option verkaufte sich bis zum Produktionsstopp im Februar 1968 immerhin über 40 000 Mal. Die populären Dieselversionen spielten dagegen in einer anderen Liga: 190 D und 200 D fanden über 387 000 Käufer, für die Benzinermodelle 190 und 200 entschieden sich gut 200 000 Kunden.

Karosserie

Keine Frage: Eine Schwachstelle der Mercedes Benz W 110 ist, wie bei vielen Klassikern aus dieser Zeit, die Gefahr von Rostfraß. Erschwerend kommt hinzu, dass es oft im Vorleben des Wagens Versuche gab, die Karosserien zu reparieren – meist mit minimalen Mitteln, wenig Kenntnis und entsprechend schlechtem Ergebnis. Es braucht viel Erfahrung, um einen Blender zu identifizieren, bei dem glänzender Lack die Misere überdecken soll. Kenner kommen solchen Täuschungsmanövern auf die Spur, weil Linien nicht stimmen und Sicken nicht so präzise verlaufen, wie sie es ab Werk taten. Autos mit erstem Lack und wenig Rost gelten als echte Rarität auf dem Markt und werden oft mit einem deutlichen Preisaufschlag gehandelt.

Wenn der Rost in die Tiefe vorgedrungen ist, etwa im Bereich der Aufnahmen von Achsen oder Lenkgetriebe, lassen sich Restaurierungen kaum mehr wirtschaftlich durchführen. Ebenfalls kritisch sind die C-Säulen: Wenn hier die Wasserabläufe defekt sind, richtet Feuchtigkeit massive Schäden im Verborgenen an. Eine Prüfung gelingt am besten vom Kofferraum her, erfordert jedoch einiges an Erfahrung. Reparaturen in dieser Sektion sind sehr aufwendig.

Besser zugänglich sind anfällige Stellen im Bereich der Schweller samt Wagenheberaufnahmen, den Boden- und Fußraumwannen bis zu den vorderen Radläufen und den bogenförmigen Trägern im Radhaus. Verrostete Längsträger vor und über der Hinterachse können viel Arbeit machen. Einfacher festzustellen und zu beheben sind Schäden der vorderen Kotflügel, die nicht selten längs der Schraubkanten und rund um den Lampentopf rosten. Auch die Türen und die Motorhaube sollten genau geprüft werden. Leicht zu tauschen, dennoch als erheblicher Kostenfaktor einzukalkulieren, sind erneuerungsbedürftige Chromteile. Speziell gilt das für die Stoßstangen samt Hörnern.

Als begehrtes (und wertsteigerndes) Extra bei diesem Mercedes-Benz W 110 gilt das Stahlschiebedach. In jedem Fall sollte der im Dach sitzende Rahmen gesund sein, ebenso wichtig sind intakte Abläufe. Auch sie enden unterhalb der C-Säulen und können dort erheblichen Schaden anrichten, wenn das hierhin geleitete Wasser nicht wie gewünscht ins Freie fließt.

Räder und Achsen

Die Vorderachse zählt zu den wenigen mechanisch auffälligen Bauteilen des Mercedes-Benz W 110: Übermäßiges Spiel, feste Lager oder weggerissene Gummis weisen auf eine anstehende Sanierung hin, die zwar unkritisch, aber immer teuer ist. Feingefühl bei Instandsetzungen braucht die Bremsanlage der Modelle bis Sommer 1963, die noch vier Trommeln hatte. Problemloser zu warten ist die dann folgende Zweikreishydraulik samt der vorderen Scheibenbremsen. Ein spezielles Thema sind Räder und Reifen: Ab Werk hatte die „Kleine Flosse“ 13-Zoll-Bereifung. Diese Räder wurden oft – wie beim Fotofahrzeug – auf das gängigere 14-Zoll-Format der Nachfolgebaureihe umgerüstet.

Mercedes-Benz w 110 – Armaturen

Typisch für die Mercedes-Benz Heckflossen sind ihre charakteristischen Instrumente. Die Sammlung aufrechter Skalen ist eine Spezialität dieser Baureihen geblieben. Die Instrumente fallen durch keine außergewöhnlichen Schwächen auf, sollten dennoch im Detail geprüft werden. Ob ein Tacho mit Meilenangabe stört, ist eine individuelle Frage. Im Fotofahrzeug, einst in die USA ausgeliefert, ist er ab Werk original, während das Radio ein modernes Gerät im alten Look ist. Experten schätzen zeitgenössische Radios natürlich höher. Eine Besonderheit dieses späten Modells aus dem Jahr 1967 ist übrigens das Pralltopf-Lenkrad, das noch kurz vor Produktionsende eingeführt wurde.

Motor und Getriebe

Die Langlebigkeit der Motoren ist legendär, und insbesondere gilt diese Aussage für die Diesel-Varianten des Mercedes-Benz W 110. Ob die korrekte Version montiert ist, zeigt die Motornummer links hinten am Block – oft wurden Motoren der Nachfolgebaureihe montiert. Wichtig: Auch bei soliden Triebwerken ist ein regelmäßiger Olwechsel Voraussetzung für ein langes Leben. Etwas Öldunst im Motorraum gilt als normal, Tropfen sollten sich nicht bilden – besonders nicht zwischen Motor und Getriebe, weil sonst der hintere Simmerring ausgetauscht werden muss. Als einfacher Check dient das Abziehen des Entlüftungsschlauches am Kurbelgehäuse: Qualmt es massiv aus dem Stutzen, ist der innere Verschleiß weit fortgeschritten. Nur selten bereiten die Getriebe Sorgen. Bei einer Automatik sollte die übliche Prüfung auf Brandgeruch am Messstab jedoch nicht ausbleiben. Auch ein kleiner Antrieb in der Peripherie kann für Ärger sorgen: Ist die Scheibenwischermechanik defekt, wird eine Reparatur erst nach Ausbau des Instrumententrägers möglich. Selbst Experten veranschlagen dafür mehrere Tage.

Innenraum

Nicht nur bei den großen Modellen, auch bei der „Kleinen Flosse“, bot Daimler-Benz den Käufern eine  bemerkenswert große Ausstattungsauswahl: Polster waren wahlweise in Stoff oder Kunstleder bezogen, das damals den hauseigenen Namen MB-Tex trug, in vielen Farben lieferbar war und bis heute als bewundernswert robust und dauerhaft gilt – ein gutes Beispiel gibt unser Fotoauto. Im Sommer allerdings kann MB-Tex sich stark aufheizen.

Gut erhaltene Innenausstattungen aus Stoff, die selbst am Fahrersitz keine Abnutzungen oder reparierte Stellen aufweisen, sind dagegen so selten wie eine ungeschweißte, rostfreie Karosserie. Ähnlich rar sind originale Lederpolsterungen. Unter Originalitätsgesichtspunkten ist es problematisch, dass Vorbesitzer oftmals Ausstattungsteile aus verschiedenen Fahrzeugen zusammengesucht und eingebaut haben. Dann mischen sich falsche Polster mit unpassenden Türverkleidungen und gelegentlich auch Ausstattungsteilen aus den S-Modellen. Dieses nachträglich wieder in Richtung Originalzustand zu korrigieren, bedeutet einen immensen Aufwand.

Als besonders reizvolles Extra gelten die selten georderten Nackenrollen, die Vorläufer späterer Kopfstützen. Häufiger finden sich Fahrzeuge, in denen der Kopfstützentyp der Nachfolgebaureihe „Strich-Acht“ nachgerüstet wurde. Gesuchte Extras sind auch vordere Armlehnen sowie das originale Sitzkissen. Als typische Schwachstelle bekannt ist die obere Abdeckung der Armaturentafeln. Insbesondere blaue Bauteile neigten schon früh zu Rissen, speziell bei intensiver UV-Strahlung.

Mercedes-benz W 110 – Spezialitäten

Besonders spannend wird die Jagd nach raren Extras, wenn es um Fahrzeuge der Einsteiger-Klasse geht. Ob Echtleder, Schiebedach, Automatik oder ein Radio – all diese Sonderausstattungen sind selten. Anhand der Datenkarte lässt sich exakt nachvollziehen, was der erste Käufer des Wagens einst an Extras ab Werk geordert hatte. Nachträglich eingebautes Zubehör wird deutlich weniger geschätzt.

Manches Luxusdetail ist zudem ländertypisch. Das betrifft zum Beispiel die Option „wärmedämmendes Glas“, die Käufer aus den trockenen, heißen Staaten der USA oft bestellten. Gleiches gilt für die Klimaanlage: Sie findet sich hauptsächlich bei US-Reimporten und stammt oft aus einer Nachrüstung. Beim Fotofahrzeug hatte ein Vorbesitzer eine Anlage der Firma Kühlmeister nachrüsten lassen, inklusive der passenden Ausströmer unterhalb der Armaturentafel. Sehr begehrt sind diese Extras speziell beim Diesel jedoch nicht: Mit ihrem Leistungshunger bremsen sie die 55 PS des Motors weiter ein. In unseren Breiten sind sie kaum erforderlich, denn eine permanente, weitgehend zugfreie Belüftung gelingt über die kleinen Dreieckfenster der vorderen Türen zuverlässig und hocheffektiv.

Ein Beitrag in Kooperation mit dem Mercedes-Benz Classic Magazin.

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Autor: Classic Trader

Die Classic Trader Redaktion besteht aus Oldtimer-Enthusiasten, die Euch mit spannenden Geschichten versorgen. Kaufberatungen, unsere Traum Klassiker, Händlerportraits und Erfahrungsberichte von Messen, Rallyes und Events. #drivenbydesire

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