Mercedes-Benz SL (R 230) – Der SL des neuen Jahrtausends

Mercedes-Benz SL (R 230) (2)

Der neue Mercedes-Benz SL (R 230) wurde im Sommer 2001 in Hamburg der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Auffällig war nicht nur sein Design im damals aktuellen Vier-Augen-Look – auch technisch hatte sich einiges gegenüber dem inzwischen seit 12 Jahren gebauten Vorgänger R 129 getan. So war der R 230 der erste SL mit einem voll versenkbaren Variodach anstatt des sonst bei Roadstern üblichen Stoff-Faltverdecks und einigen, elektronischen Leckerbissen wie zum Beispiel ABC (Active Body Control). Kurzum: Der neue SL setzte wie auch seine Vorgänger einen neuen Maßstab im Automobilbau!

„Wenn schon, denn schon“, dachte man sich in der damals noch in Stuttgart-Möhringen beheimateten Konzernzentrale, weshalb zur Markteinführung nicht die Einstiegsmotorisierung, sondern der SL 500 mit 306 PS das erste Modell war, das bestellt werden konnte. Im Herbst desselben Jahres konnte der Kunde noch einen Löffel Butter extra bestellen: Der Kompressor-aufgeladene SL 55 AMG mit sage und schreibe 476 PS stand in den Showrooms und durfte geordert werden!

Um das Programm abzurunden gesellte sich der SL 350 mit V6-Motor als Einstiegsvariante hinzu. Heute undenkbar – damals selbstverständlich: Einen SL muss es auch mit V12 geben. Anfang Januar 2002 war es dann auch so weit: Der 500 PS-starke SL 600 mit Biturbo und dem Drehmoment eines Leopard II stand in den Startlöchern. Viel mehr ging dann wirklich nicht mehr!

Mercedes-Benz SL (R 230) (1)

Mercedes-Benz SL (R 230) – Komfort in Serie

Dass man keine manuell verstellbaren Stoffsitze mehr ohne Memoryfunktion bestellen konnte, störte eigentlich niemanden so wirklich. Serienmäßiges Leder war eh en vogue und außerdem für einen Roadster passend. Neu waren auch die elektrischen Helferlein, die in typischer Mercedes-Manier eigene, geschützte Namen erhielten. Die Kunden mussten sich also erstmal in den – damals noch als Hardcover gebundenen – Prospekt einlesen, um sich mit DISTRONIC, TELEAID, und COMMAND vertraut zu machen.

Auch ein Multifunktionslenkrad, das zudem elektrisch verstellbar war, gehörte ebenso zum Serienumfang, wie die im elektronischen Schlüssel gespeicherten Memorydaten der Sitzverstellung. Die Klimaautomatik war beim Mercedes-Benz SL (R 230) natürlich serienmäßig. Damit wich Daimler von einer langen Tradition ab, dass jedes Auto in Basisausstattung bestellt und durch Extras mit gewünschtem Komfort versehen werden konnte.

Mercedes-Benz SL (R 230) (21)

Neue Designwege beim Mercedes-Benz SL (R 230)

Das Design ging völlig neue Wege. Während der Vorgänger noch mit einem Geo-Dreieck entworfen zu sein schien – Bruno Sacco mochte klare zeitlose Linien – war der neue Mercedes-Benz SL (R 230) ein Kind seiner Zeit. Geschwungene, windschlüpfrige Linienführung, das bereits erwähnte Vier-Augen-Gesicht und hier und da ein Zitat aus alten Zeiten (Lüftungsgitter in den vorderen Kotflügeln á la Flügeltürer) lassen den R 230 modern und vor allem sportlich wirken. Gott sei Dank sparte man sich die Formel 1 Nase mit integriertem Stern. …aber das ist natürlich Geschmackssache.

Eine weitere, technische Neuerung hielt im R 230 Einzug, die bis heute viel diskutiert wird: Die SBC genannte Sensotronic Brake Control. Dabei gibt es zwischen Bremspedal und Hauptbremszylinder keine mechanische, sondern eine elektronische Verbindung. In Verbindung mit dem ebenfalls voll elektronischen ESP – vielen noch bekannt vom Elchtest der ersten A Klasse Generation – sowie dem Stabilitätsprogramm ABC (Active Body Control) war dieser Roadster nicht nur in der Neuzeit angekommen: Er definierte vielmehr im Bezug auf Fahrdynamik und –sicherheit die Höhe der Messlatte!

Mercedes-Benz wurde mit den im SL der Baureihe R 230 vorgestellten Systemen abermals zum Vorreiter einer neuen Technologie, die alle anderen Hersteller nach und nach adaptierten und die bis heute längst nicht selbstverständlich in jedem Fahrzeug sind.

Während Béla Barényi sich in den 50er und 60er-Jahren noch den Kopf (sehr erfolgreich) über die Sicherheitsfahrgastzelle, Karosserieversteifungen und die Einführung der passiven Sicherheit im Automobilbau zerbrach, konnte der Mercedes-Benz SL (R 230) auf Wunsch bereits selbstständig per TELEAID Polizei und Krankenwagen alarmieren, sollte es zu einem schweren Unfall gekommen sein. Herr Barényi wäre wahrscheinlich sehr stolz auf seine Nachfolger in der Daimler-Entwicklung gewesen.

Der Mercedes-Benz SL (R 230) nach der Modellpflege

Keine Baureihe ohne MoPf! (Daimler-Deutsch für Modellpflege): Da sich die Produktlebenszyklen aufgrund optimierter Produktionsprozesse und nicht zuletzt auch auf Wunsch der Kunden weiter verkürzten, stand der Mercedes-Benz SL (R 230) ab 2008 in neuem Look und technischer Überarbeitung bei den Händlern und Mercedes-Benz Niederlassungen. Das Vier-Augengesicht verschwand und erstrahlte nun – der neuen Designsprache entsprechend – mit integrierten Einzelscheinwerfern. Die Karosserielinie blieb unangetastet und wurde durch Detailänderungen, neue Farben und Stilmerkmale im Innenraum modernisiert. Eine der gravierendsten Neuerungen war das nun erhältliche 7G-Tronic Getriebe, das die Kraft turbinenartig ohne nennenswertes Schaltrucken bei geringerem Benzinverbrauch an die Hinterachse weitergab.

Eine Sensation lieferte Mercedes aber noch nach: War bisher der SL 600 zusammen mit dem SL 55 AMG die Krone der Schöpfung im Roadster-Segment, wurde 2006 der SL 65 AMG mit V12 Biturbo, sagenhaften 612 PS und 1000 Nm Leistung präsentiert. Der Drang dieses Extremsportlers nach vorne und der Schub bei der Beschleunigung kamen sehr nah an die Apollo Mission der NASA – ohne dabei unkomfortabel wie zum Beispiel Supersportler italienischer Herkunft zu sein. Auch die Zuverlässigkeit war selbstverständlich eines Fahrzeugs würdig, das einen Stern im Kühler tragen darf. 2011 lief die Baureihe R 230 aus und wurde durch den stilistisch sehr ähnlichen, aber komplett neu entwickelten R 231 abgelöst.

Da der Mercedes-Benz SL (R 230) heute nicht mehr über das Junge Sterne Programm von Mercedes-Benz angeboten wird und er es auch nicht verdient hat, zwischen Flatterfähnchen auf dem Kiesplatz nass geregnet zu werden, darf man ihn ruhig beim ClassicPartner seines Vertrauens kaufen, um ihn dann als „Emerging Classic“ oder auch „Neo Classic“ (…es gibt momentan noch verschiedene Namen für die Gattung) in einer beheizten Garage zu bemuttern und zu pflegen. Verdient hat er es – und bis jetzt wurde jeder SL zur Legende.

Fotos Daimler AG

Autor: Christian Nikolai

Christian ist bei Mercedes-Benz Herbrand in Krefeld verantwortlich für den Handel mit klassischen Mercedes-Benz. Seine berufliche Laufbahn begann im PKW Marketing bei Daimler in Stuttgart; seitdem ist der „dem Stern“ treu geblieben, in den letzten Jahren im Rahmen des Mercedes-Benz ClassicPartner Programms bei Lueg in Essen und Ostendorf Classic. Traumklassiker: 280 SE 3.5 Coupé. Um am Wochenende auch mal abzuschalten, fährt er eine Vespa PX 125; Bj. 1981

Weitere Artikel

BMW Garmisch Villa d'Este (1)

BMW Garmisch – Wiederauferstehung des bayerischen Bertone

Der Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019 war wieder gespickt mit zahlreichen außergewöhnlichen und beeindrucken Automobilen. Aber ein Fahrzeug war so etwas wie der heimliche Star: Der BMW Garmisch. weiterlesen BMW Garmisch – Wiederauferstehung des bayerischen Bertone

Classic Trader Hothouse Media

Classic Trader und Hothouse Media bündeln Kräfte in Großbritannien

Classic Trader, Europas führender Marktplatz für klassische Fahrzeuge, wird mit sofortiger Wirkung mit dem britischen Unternehmen Hothouse Media kooperieren, um die Position auf dem Klassikermarkt im Vereinigten Königreich zu festigen. weiterlesen Classic Trader und Hothouse Media bündeln Kräfte in Großbritannien

Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019 Alfa Romeo 8C (3)

Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019 – Klangvolles am Comer See

Manche Dinge muss man als Automobilist einmal erlebt haben: Die Mille Miglia (bestenfalls am Steuer), die IAA in Frankfurt, ein Formel 1-Rennen. Und natürlich den Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019. weiterlesen Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019 – Klangvolles am Comer See