Mercedes-Benz SL R 129 Kaufberatung

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Er ist der SL der 1990er-Jahre. Mit ihm fand die Idee des luxuriösen Roadsters Anschluss an die Zukunft. Heute steht der Mercedes-Benz SL R 129 an der Schwelle zum Klassiker.

Wenn es eine Klasse höchster Ansprüche gibt, dann diese: SL Modelle verkörpern seit ihrem ersten Auftritt 1954 die absolute Spitze des Automobilbaus ihrer Zeit. Erster war der legendäre Flügeltürer 300 SL, ein Garant für höchsten Fahrgenuss. Stark, luxuriös,  zuverlässig, sportlich und schnell traten seither alle SL auf. An diesem umfassenden  Versprechen hatte sich nichts geändert, als 1989 die fünfte SL Generation startete. Keine Frage: Ein neuer Mercedes-Benz SL war der automobilen Welt stets eine Messlatte – ein Sportwagen, so nahe an der Perfektion wie möglich. Keine leichte Aufgabe für Entwickler und Designer des R 129, insbesondere, weil sein Vorgänger diese Rolle erstaunliche 19 Jahre lang erfolgreich übernommen hatte.

Mit dem neuen Mercedes-Benz SL, Baureihe R 129, feierte auf dem Genfer Automobilsalon ein Fahrzeug Premiere, dessen Karriere bis ins neue Jahrtausend reichen sollte. Kein Modell stand damals so im Fokus wie er: Seine Linie wies in die Zukunft, vermied jede kurzatmig-modische Anwandlung. Der Mercedes-Benz SL R 129 verknüpfte Sportlichkeit so souverän und überzeugend mit Seriosität, dass – wie übrigens bei allen Baureihen zuvor – sogar das Altern reibungslos klappte: Vom begeisternden Neuwagen zum begehrten Klassiker war es auch bei ihm ein sehr kurzer Bogen. Mittlerweile ist er in der Sammlerszene angekommen und aufgenommen.

Die Begeisterung für den R 129 ist keine Überraschung. Seine unerschütterlich solide Konstruktion gilt als legendär, und selbst wer sich Leistung im Überfluss wünschte, sei es ein entspannt-mächtiger Auftritt oder eine sportlich-zugespitzte Charakteristik, wählte sich aus einer breiten Motorenpalette das passende Modell.

Der gelungene optische Auftritt ist nur eine der vielen Voraussetzungen für seinen langanhaltenden Erfolg in dieser Klasse. Andere finden sich in einem Paket  überzeugender Technik: So erfüllte der neue SL die hohen Ansprüche von Mercedes-Benz an das Thema Sicherheit nicht nur mit einem Anti-Blockiersystem (ABS), das jeder R 129 serienmäßig an Bord hatte – 1989 noch keineswegs selbstverständlich. Insbesondere mit Innovationen wie dem Integralsitz oder einem Überrollbügel, der bei einem Unfall herausschnellt, setzte er völlig neue Standards für offene Fahrzeuge.

Mercedes-Benz SL r 129 – DIe Karosserie

Eine gute Nachricht: Exzellenten Korrosionsschutz gab es ab Werk. Er garantiert bis heute die Langlebigkeit des Blechs. Eine Prüfung der Wagenheberaufnahmen ist dennoch  empfehlenswert, und zwar nach Abnahme der Schwellerverkleidung. Ungepflegte Exemplare, die es eben auch gibt, weisen Korrosion im Bereich der Antennenbohrung oder der  Batteriemulde auf. Zeigen sich Bläschen oder Farbdifferenzen im Lack, sind diese oft Folgen eines Unfalls. Schlecht reparierte Blechschäden sind leider öfter zu finden: Lacknebel an Fahrwerksteilen sind verräterisch, ebenso nicht überlackierte Schrauben oder auffällig anders aussehende Dichtraupen.

Als weiteres Indiz gelten ungleichmäßige Spaltmaße und Sicken. Das Prüfen der Fahrzeug-Identifizierungsnummer ist vor einem Kauf daher unbedingt notwendig. Europäische Fahrzeuge haben nach dem Herstellercode WDB oder WDC die Zahl 129.

Nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, ob ein SL seinem Auslieferungszustand entspricht. Dies ist für die Wertbestimmung ein zunehmend entscheidender Faktor und betrifft insbesondere Bereiche wie die Innenausstattung, das Verdeck oder die Lackierung: Einen bestens gepflegten, nur leichte Patina aufweisenden Werkslack ziehen Sammler jedem noch so perfekt aufgetragenen neuen Lack vor.

Fehlende Schlüssel sind mittlerweile über Niederlassungen wieder nachbestellbar. Idealerweise ist noch das komplette Bordwerkzeug erhalten.

Verdeck und Hardtop

Ein Kunstwerk für sich ist das elektrohydraulische Verdeck, das jeder Mercedes-Benz SL R 129 ab Werk besitzt. Vor einer Kaufentscheidung sollte seine Funktion getestet werden, es können die Verdeck-Schließzylinder oder das Steuergerät defekt sein. 1992 verbesserte Mercedes-Benz die  Dichtung auf dem Scheibenrahmen sowie die entsprechenden Partien der Dächer.

Beim Stoffdach kommt es auf den Zustand der Oberfläche und der Nähte an. Ein gepflegtes Dach ist imprägniert und lässt Wasser abperlen. An zerkratzten Kunststoffscheiben sind meist Waschstraßen Schuld, sie strapazieren auch das Textilmaterial. Ein Dach ließe sich prinzipiell auch in Teilen erneuern, das ist aber nicht sinnvoll: Der verbleibende Rest würde vor dem erneuerten Teil altern – am Ende drohen doppelte Kosten. Auch das einzelne Ersetzen gerissener Kunststoffscheiben ist nicht empfehlenswert, weil anschließend an den Nähten oft Wasser eindringt. Übrigens: Ist bereits ein erneuertes Verdeck montiert, sollte es handwerklich sowie von Material und Schnitt überzeugen. Billigofferten sind keine gute Lösung: Ihre Qualität ist weit unter dem Niveau eines SL. In aller Regel sollte ein R 129 zusammen mit Hardtop angeboten werden. Nur zwischen März 1991 und Januar 1993 konnten Neuwagenkunden es gegen eine Minderung des Kaufpreises abbestellen. Als exklusive Sonderausstattung gilt das Panorama-Glasdach, das ab Anfang 1996 verfügbar war.

Motor und Getriebe

Mercedes-Benz stattete die R 129 Modelle mit einer Vielzahl an Motoren aus. Das Angebot reichte vom Reihensechszylinder über V6-, V8- bis hin zu V12-Triebwerken. Die unterschiedlichen Konzepte und Leistungswelten unterscheiden sich erheblich, mit Effekt auf heutige Wartungs- oder Instandsetzungskosten. Bei allen jedoch gelten diese grundsätzlichen Hinweise: Sorgfältige Vorbesitzer haben Wartungsarbeiten nicht nur gemacht, sondern auch dokumentiert. Insbesondere den Tausch der Schmiermittel innerhalb der vorgeschriebenen Intervalle – dies ist deutlich wichtiger als ein nominal niedriger Kilometerstand, insbesondere, da die Motoren ihre Langlebigkeit oft bewiesen haben.

Sinnvoll ist es, den Zustand des Öls am Peilstab zu prüfen. Am Einfülldeckel darf kein Schaum sichtbar sein. Allerdings kann auch ein guter Zustand täuschen: Frisch eingefülltes Öl und ein gereinigter Deckel täuschen leicht über Mängel hinweg. Unbedingt empfehlenswert ist ein Blick unter Motor und Getriebe: Zeigen sich Ölspuren, weist das auf Leckagen hin. Ideal ist es, wenn zum Check die Unterbodenverkleidung demontiert werden kann.

Bei einer Probefahrt kann es aufschlussreich sein, wenn zunächst der Verkäufer am Steuer sitzt: Man sollte den Wagen schonend warmfahren. Tut er es nicht, dann vermutlich nie. Bei Betriebstemperatur sollte die Leerlaufdrehzahl stabil sein, das Automatikgetriebe, sofern vorhanden, sanft und dennoch zügig schalten.

Beleuchtung

Bis September 1995 waren alle Mercedes-Benz SL R 129 mit Halogenscheinwerfern ausgerüstet. Mit der ersten Modellpflege kam die Option auf Xenon-Scheinwerfer, eine Entwicklung, die eine um 50 Prozent bessere Ausleuchtung der Fahrbahn sicherte. Dazu gehörte eine dynamische Leuchtweitenregulierung – sie sollte auf Funktion geprüft werden.

1995 änderte Mercedes-Benz die Deckgläser der vorderen Blinkleuchten. Statt orange waren sie nun weiß. Ebenso wurden die Rückleuchten mit jeder Modellpflege modifiziert. Bei viel gefahrenen R 129 können Steinschläge die Nebelscheinwerfer beschädigt haben.

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MErcedes-Benz SL R 129 – Modellhistorie

Formal machte der R 129 über seine lange Bauzeit keine großen Veränderungen mit, dennoch war sein Charakter wandlungsfähig. Besonders beeindruckend die Motorenvielfalt, die aus dem Luxus-Roadster sehr unterschiedliche Automobile zauberte: Die Palette reichte vom drehfreudigen, seidenweichen Reihensechszylinder im SL 280, den 1997 ein V6 ablöste, bis hin zum 525 PS starken V12-Triebwerk im SL 73 AMG, der die Spitze der Baureihe markierte. Als typischste und bis heute auch besonders beliebte Variante gilt der 500 SL mit seinem Fünf-Liter-V8, den Mercedes-Benz ab Juni 1993 als SL 500 bezeichnete – die neue Nomenklatur stellte die bis dahin nachgeordneten Buchstaben vor die dreistellige Zahl, die den Hubraum kennzeichnete.

Somit ist die Wahl des passenden Motors die erste Frage bei der Suche nach einem Mercedes-Benz SL R 129. Das Baujahr spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: Nach seiner Vorstellung 1989 folgten im September 1995 und im April 1998 zwei Modellpflegemaßnahmen, die sich in vielen Details zeigten – so kam 1995 ein neuer Kühlergrill mit sechs statt bisher sieben Lamellen, und deutlich mehr Anbauteile waren in Wagenfarbe lackiert. Auch ein neues Lenkrad erhielt die Baureihe sowie neue Fünfgang-Automatikgetriebe. Sie punkteten beim Fahren mit noch mehr Schaltkomfort.

Zunehmend erweiterte Mercedes-Benz das Optionsprogramm. So kamen beispielsweise das Elektronische Stabilitäts- Programm (ESP) und Sidebags dazu, ebenso Multikontursitze. Neben einer Vielzahl an Farben und Oberflächen, die im designo-Programm bestellbar waren, bot Mercedes-Benz über die Bauzeit auch 17 Sondermodelle an. Manche von ihnen gab es in einer Auflage von nur zehn Exemplaren, zum Beispiel die Mille Miglia VIP-Editionen von 1994 und 1998. Interessenten dafür suchen lang und müssen damit rechnen, dass spezifische Ausstattungsteile kaum noch zu beschaffen sind. Ein Novum in der SL Geschichte stellte übrigens die Herkunft des R 129 dar: Er war der erste SL, der nicht mehr in Sindelfingen,sondern in Bremen vom Band lief. Wie gewohnt ging ein Großteil der Produktion in den Export – besonders in die USA und nach Japan.

Räder, Achsen und Fahrwerk

Nachträglich montierte Räder, meist breitere Exemplare, mindern in der Regel den Wert. Zudem belasten sie die Achsteile mehr als Serienräder. Bei Originalrädern sollte der Bereich der Felgenhörner kontrolliert werden, Schäden lassen sich meist nicht reparieren. Selbst  optische Mängel sind ärgerlich, weil sie nur mit viel Aufwand zu beheben sind. Ab Werk gab es ein Dutzend verschiedener Räder für den R 129, die nicht beliebig austauschbar sind.

Der Blick unter das Fahrzeug ist immer wichtig: Sind an der Vorderradaufhängung rissige Gummis oder gar Rost zu sehen, steht eine aufwendige Instandsetzung an.

Spezialitäten

Mit einer ingeniösen Lösung hatten die Konstrukteure den Mercedes-Benz SL R 129 – obwohl ein Roadster – zu einem extrem sicheren Fahrzeug gemacht. Der Schlüssel dazu ist ein klappbarer  Überrollbügel. Im normalen Fahrbetrieb liegt der Bügel flach vor dem Verdeckkasten, vor einem drohenden Überschlag schnellt er automatisch in 0,3 Sekunden hoch. Er lässt sich auch manuell betätigen: Der Schalter hierfür befindet sich in der Mittelkonsole.

Über die Jahre seiner Karriere erhielt der SL immer neue technische Leckerbissen. So sorgte ab 1995 eine sogenannte Kurzhubsteuerung dafür, dass die Seitenscheiben stets ein Stück nach unten fahren, wenn eine Tür geöffnet wird. Als Sonderausstattung gab es bereits ab 1989 das technisch aufwendige Adaptive Dämpfungssystem (ADS).

Ein Teil seiner Funktion lässt sich im Stand testen – nach einmaliger Betätigung des Schalters muss das System die Karosserie um 35 Millimeter anheben. Macht sie dies nicht und sind zudem Undichtigkeiten im Bereich der Federbeine oder am Steuerventil zu erkennen, ist eine Reparatur kostspielig. Ebenso kritisch ist ein ungewöhnlich hart abrollendes Fahrwerk zu bewerten. Übrigens: 600 SL und SL 600 erhielten das ADS als Serienausstattung.

Interieur

Der Zustand von Holz und Leder lässt sich schnell überblicken. Tiefe Risse oder aufgeplatzte Nähte treten nur bei vernachlässigten oder viel gefahrenen Exemplaren auf. Instandsetzungen sind zwar möglich, doch sehr teuer und wirken sogar eher wertmindernd. Gleiches gilt für nachträgliche Einbauten. Wenig beliebt, jedoch für Sammler durchaus interessant, kann ein SL mit Stoffausstattung sein, weil sie nur selten gewählt wurde und ab 1998 nicht mehr lieferbar war. Zudem sind nicht alle Modelle mit einer Klimaanlage oder –automatik ausgestattet. Ihr Fehlen bedeutet meist einen Preisabschlag.

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Vor einer Kaufentscheidung sollten die vielen Funktionen eines Mercedes-Benz SL R 129 geprüft werden. Neben grundlegenden Dingen wie Blinker, Licht und Radio, das nach Möglichkeit ein Werkseinbau sein sollte, auch Optionen wie elektrische Sitzverstellung oder Sitzheizung.

Mercedes-Benz lieferte ab 1993 alle R 129 serienmäßig mit Windschott aus. Airbags standen ohne Mehrpreis ab September 1991 im Lenkrad, ab Oktober 1992 auf der Beifahrerseite in den Ausstattungslisten. Ab 1991 konnten Käufer ein kleineres, 390 Millimeter messendes Sportlenkrad ohne Aufpreis ordern. Eine Rücksitzbank, heute oft nachgefragt, bestellten nur sechs Prozent der R 129 Kunden als Sonderausstattung. Eine Nachrüstung ist kein Problem, wenn dort nicht das optionale Bose-Soundsystem verbaut ist.

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Ein Beitrag in Kooperation mit dem Mercedes-Benz Classic Magazin.

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Autor: Classic Trader

Die Classic Trader Redaktion besteht aus Oldtimer-Enthusiasten, die Euch mit spannenden Geschichten versorgen. Kaufberatungen, unsere Traum Klassiker, Händlerportraits und Erfahrungsberichte von Messen, Rallyes und Events. #drivenbydesire

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