Kommentar | IAA 2019 – Das letzte Aufgebot?

IAA 2019 Lamborghini Sian (12)

Wenn man einen Eindruck erhalten möchte, wie es um eine Branche steht, lohnt ein Blick auf eine Fachmesse. Bei der IAA 2019 tritt deutlich zu Tage, was man durchaus schon vorab vermuten konnte: Die Automobilbranche taumelt irgendwo zwischen Unsicherheit, Umbruch und Absturz.

Schon vor Beginn der 68. Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main verging kaum ein Tag, an dem nicht Absagen renommierter Automobilhersteller eintrudelten. Aber nach einem Rundgang über die wenigen und zudem sehr dünn ausgestatteten Messehallen stellt sich noch viel mehr die Frage, ob die IAA in dieser Form eine Zukunft hat.

Die Themen sind nicht neu, das übergeordnete Motto „Driving tomorrow“ sollte schon seit Jahren Hersteller und Konsumenten gleichermaßen beschäftigen. So zeigen die Exponate und die Diskussionsrunden am Rande, dass man sich durchaus den Fragen stellt, wie man sich in dicht besiedelten Großstädten und im weitläufigen ländlichen Raum in Zukunft fortbewegen möchte, aber es hat nach wie vor den Anschein von Stückwerk, deren Ergebnisse man in ähnlicher Form schon in den vergangenen Ausgaben betrachten konnte.

Gewiss, einfache, schnelle Lösungen, die zudem den Unternehmen unmittelbaren wirtschaftlichen Erfolg bringen, sind nicht leicht zu finden. Nur sind die Fragen immer drängender. Nicht nur, weil Schülerinnen und Schüler freitags auf die Straße gehen, sondern weil auch die Endkunden immer seltener die aktuell angebotenen Produkte kaufen.

IAA 2019 – Fragen über Fragen

In gewisser Weise erlauben es die Strukturen der Unternehmen nicht wirklich, voranzupreschen und ein Risiko einzugehen. Aber wie riskant der heutige Weg einiger Hersteller ist, und wie wenig Überzeugung darin liegt, kann man an den Auftritten ablesen. Weshalb hat Mercedes-Benz die prächtige, weitläufige Festhalle mit wenigen Leuchtturmprojekten bestückt und stellt das aktuelle Portfolio beinahe verschämt am Hallenausgang ab? Hat BMW keine anderen Sorgen, als das schwärzeste Schwarz, Vantablack, auf dem BMW X6 VBx2 zu präsentieren? Ist „weiter so“ wirklich das Ziel von Audi? Soll der neue Land Rover Defender tatsächlich an Offroad-Nutzer verkauft werden oder doch eher Kunden, die innerorts damit die 400 Meter zum Bio-Bäcker fahren?

Insgesamt hinterlässt die IAA 2019 mehr Fragen, als sie Antworten gibt. Man ist geneigt, den abwesenden Herstellern zu gratulieren, sich dem Treiben entzogen zu haben. Allein, es hilft weder der Szene noch der Messe. Für IAA-Veteranen, die auch schon andere, prunkvollere und premierenlastigere Ausgaben miterlebt haben, mag die diesjährige Erscheinungsform Sorgenfalten hervorrufen. Mit der Kooperation mit der Motorworld hat man immerhin von Seiten des VDA erstmals IAA Heritage by Motorworld ins Leben gerufen und präsentiert Klassiker in Halle 4. Ob das Konzept angenommen wird, wird sich weisen. Weitere neue Impulse sind dringend nötig.

Ob die Messe in dieser Form eine große Zukunft hat, wird sich aber genauso weisen müssen. Die diesjährige Ausgabe gibt jedenfalls Anlass, daran zu zweifeln.


Fotos Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA)

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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