Kolumne Zeitsprünge | Suzuki Vitara – Der heimliche Bestseller

1988 Suzuki Vitara (1)

Der Suzuki Vitara ist Deutschlands meistverkaufter offener Personen- und Geländewagen – Stand Oktober 1991.

Geländewagen haben es in unseren Breiten gar nicht so einfach: Da nicht jeder Käufer auch Besitzer einer veritablen Kiesgrube ist, verkümmern die meisten auf den Boulevards unserer Großstädte und vor den Diskotheken jener Landstriche, die der „Städter“ so gerne mit dem Wort „Provinz“ umschreibt. Kein Wunder, dass die Besitzer ihre Schmuckstücke dann gerne mit besonders breiten Reifen, grellen Farbkombinationen und einem massiven Rammschutz für den mangelnden Auslauf im Gelände entschädigen.

Es blieb dem Hause Suzuki als erstem Unternehmen vorbehalten, diese Klientel zu orten und mit Fahrzeugen, die offen und bunt waren – und dennoch im Gelände ihren Mann stehen können –, auszustatten. Der SJ Samurai und der Vitara wurden dementsprechend dankbar angenommen und bescherten dem Haus bei den sogenannten Off Road-Fahrzeugen einen Marktanteil von stolzen 27 Prozent – und mit 16.400 Allrad-Fahrzeugen und 12.584 offenen PKW führt Suzuki in diesen beiden PKW-Kategorien die Zulassungen klar an.

Kein Wunder, dass für die Marketing-Strategen des Unternehmens der klassische Geländewagen tot ist – „die Zukunft gehört dem multifunktionalen Funcar, der zwar über die Optik eines wüstenerprobten Schlachtschiffes verfügen sollte, aber seine Insassen mit dem Komfort verwöhnt, der er bei der Eroberung der Leopoldstraße in München erwartet“, so ein Suzuki-Marketing-Experte. Nun mag ein Suzuki Vitara mit Klappverdeck und in Neongrün zwar durchaus der Traum eines jungen Mannes oder einer jungen Frau sein – was geschieht aber, wenn sich beide gefunden haben und der Funcar zu klein wird?

1988 Suzuki Vitara (3)

Der Suzuki Vitara Long für diejenigen, die mehr Platz benötigen

Für diese Kunden hat Suzuki nun den Vitara Long auf den Markt gebracht, der mit einem um 28 Zentimeter verlängerten Radstand, vier Türen und einem festen Blechdach „das Aufsteiger-Fahrzeug für jung gebliebene Spaß-Mobilisten mit Familie darstellt“, so Peter A. Verloop, der Geschäftsführer des Hauses. Nun ermöglichen 2,48 Meter Radstand zwar genügend Raum für vier erwachsene Menschen, deren Urlaubsgepäck hat jedoch in dem verbleibenden Raum nur bedingt Platz – in diesem Fall empfiehlt das Unternehmen den Erwerb eines Dachgepäckträgers. Außerdem zählt der Suzuki Vitara Long zu der Kategorie von Fahrzeugen, bei denen die Käufer An- und Aufbauten schätzen, wie der kräftige Rammschutz, die glänzenden Trittbretter und die verchromte Reserveradverkleidung über der großen Hecktür beweisen.

Dass der Suzuki Vitara Long trotz seines Namens über die innenstadttaugliche Länge eines VW Golf verfügt, mit einem 1,6-Liter-Vierzylinder und 71 kW (97 PS) ausgerüstet ist, zeigt, dass sich das japanische Unternehmen bislang eher an Kleinwagen orientierte – hier muss man schon oft schalten und in höheren Drehzahlen verharren, um mit den 1,2 Tonnen nicht gerade leichten Wagen am Laufen zu halten. Und falls man mit der erlaubten Anhängerlast von 1.650 Kilogramm unterwegs ist, könnte sogar die Frage nach einem drehmomentstarken Turbo-Dieselmotor fallen. Wer aber auf diese Zuladung verzichten mag, kann sich auf der Autobahn mit 152 km/h von Ort zu Ort bewegen und sich an DIN-Verbrauchswerten von 9,6 Liter bleifreiem Normalbenzin erfreuen.

Wem der kleine Vitara zu eng und zu holprig geworden ist, wird mit dem Long bestimmt eine attraktive Alternative finden, die zudem für 39.970 Mark ziemlich komplett ausgestattet ist – vom Holzlenkrad über vier elektrische Fensterheber bis hin zur Zentralverriegelung ist so ziemlich alles dabei. In dem Preis ist sogar ein Satz Winterreifen auf Stahlfelgen enthalten – es könnte ja schließlich sein, dass ein Käufer tatsächlich die Boulevards dieser Erde verlassen will und in den Bergen die Qualitäten des Allradantriebs erproben will.

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Dieser Text ist erstmals in der Zeitschrift NewMag, Oktober-Ausgabe 1991, erschienen.


Fotos Suzuki Deutschland GmbH

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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