Kolumne Zeitsprünge | SEAT Ibiza – Ein Deutsch-Italiener aus Spanien

Seat Ibiza 1.5 SXi

Seat Ibiza: Die erste Eigenentwicklung des spanischen Konzerns lässt hoffen – ein hübscher Kleinwagen zu Preisen von etwa 12.000 Mark

Unbemerkt von vielen war im Mai 1980 eine über 30 Jahre währende Partnerschaft zu Ende gegangen: Fiat hatte sich von Seat getrennt – die Spanier standen mit einem nur beschränkt einsetzbaren Modellprogramm da. Der Ronda, mit dem man seit dem vergangenen Jahr versucht, auch bei uns auf Verkaufsziffern zu kommen, ist nichts weiteres als ein abgewandelter Fiat Ritmo – dementsprechend kompliziert war es, dem Käufer klarzumachen, dass er einen der noch raren Seat-Händler aufsuchen sollte und nicht den eingeführten Fiat-Händler.

Die Spanier selbst haben ihre damalige Zukunft recht drastisch beschrieben: „Uns mangelte es an einer eigenen Technologie – wir hatten keine Pläne zur Weiterentwicklung der Produkte – wir hatten unsere Ausfuhrabsatzmärkte verloren – wir hatten in den vergangenen Jahren viel Geld investiert, das uns nun fehlte.“

Seat Ibiza (10)

Mit dem Seat Ibiza wieder auf die Sonnenseite

Nun, vier Jahre später, sieht die Lage wieder etwas rosiger aus: Mit Unterstützung der spanischen Regierung wurden in den europäischen Ländern eigene Vertriebssysteme aufgebaut, 32.000 Arbeitskräfte konnten ihre Stellen behalten, und das erste selbstständige neue Produkt, der Seat Ibiza, wurde in diesen Tagen vorgestellt.

Da man in Barcelona – hier werden die Seat-Modelle gebaut, die Konzern-Zentrale ist hingegen in Madrid – noch allzu sehr unter dem Entzug der Fiat-Techniken litt, beschloss das Management im Mai 1980, den ersten selbstentwickelten Seat bei Fremdfirmen in Auftrag zu geben – und man beschäftigte sofort die Entwicklungsabteilungen von international renommierten Firmen: Der Italiener Giorgetto Giugiaro wurde für das Design gewählt, und Porsche hatte in seinem Entwicklungszentrum in Weissach die Möglichkeit, einen 1,2- und einen 1,5-Liter-Motor zu schaffen.

Mit dieser Methode war es sehr gelungen, sich – auf Basis von Kooperationsabkommen – Technologie zu erwerben, die als Ausgangspunkt für eine eigene Produktfamilie hervorragend geeignet ist.

Porsche-Knowhow für den Seat Ibiza

Die ersten Kilometer mit dem Ibiza zeigten denn auch, dass sich die Einschaltung der Ingenieure von Porsche gelohnt hat: Der 1,2-Liter- Vierzylinder mit 60 PS (die 1,5-Liter- Version mit 85 PS stand noch nicht zur Verfügung) erwies sich als äußerst agil, er stellte auch bei niedrigeren Drehzahlen bereits viel Kraft zur Verfügung, und wer das – ebenfalls von Porsche entwickelte – Fünfganggetriebe richtig zu nutzen weiß, erreicht nach 16 Sekunden die 100-km/h-Grenze eine Höchstgeschwindigkeit von 155 km/h. Die Werte für den 25 PS stärkeren 1,5-Liter-Ibiza liegen bei 12,2 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h und bei 175 km/h.

Porsche hat aber nicht nur dafür gesorgt, dass die neuen Seat-Motoren temperamentvoll werden, sie sind auch mit den neuesten Erkenntnissen der Verbrauchsoptimierung ausgestattet: So liegen die DIN-Verbrauchswerte für den 1,2 Liter bei 4,9 Liter (konstant Tempo 90), bei 6,6 Liter (konstant Tempo 120) und bei 9,0 Liter (im Stadtzyklus) – die entsprechenden Werte des 1,5 Liter 4,8/6,4/9,0. Alle Werte beziehen sich auf 100 Kilometer, während der kleinere Motor mit Normalbenzin auskommt, benötigt das 85-PS-Triebwerk Superbenzin.

Verpackt wurde der Seat Ibiza von Giugiaro, dem wichtigsten und erfolgreichsten Designer der vergangenen 15 Jahre. Und auch hier ist es dem Turiner wieder einmal gelungen, eine ausgewogene und hübsche Karosserie auf die Räder zu stellen. Die Ibiza sieht von allen Seiten gut aus, die leichte Keilform ermöglicht einen hohen Kofferraum (der über eine große Heckklappe leicht zu beladen ist), die kurze Motorhaube sorgt für eine angenehme Überschaubarkeit, und die kurzen Abmessungen von nur 3,64 Meter Länge lassen die Parkplatzsuche in überfüllten Innenstädten unter einem freundlicheren Licht erscheinen.

Erfreulicherweise ist ein Großteil der Außenlänge auch noch in den Innenraum gedrungen, weniger erfreulich ist hingegen, dass Spanier offensichtlich davon ausgehen, dass ein Fahrer nicht größer als 1,70 Meter sein darf. Wer größer ist, wird so hinter das Lenkrad geklemmt, dass einem die Lust am Fahren relativ rasch vergeht. Dabei wäre noch Platz genug für eine Verlängerung der Sitzschiene, die auch größer gewachsene Menschen mehr Freude an diesem Auto vermitteln würde. Dazu kommt, dass das Lenkrad zu nah an das übersichtliche Armaturenbrett versetzt wurde, aber auch diese Kleinigkeit sollte sich noch bis zum Verkaufsbeginn in Deutschland regeln lassen.

Es sind aber nur wenige Einzelheiten, die die vernünftige Konzeption des Seat Ibiza etwas infrage stellen: Denn grundsätzlich ist den Spaniern und den Mitdenkern ein – auf Anhieb – geglücktes Automobil gelungen, das – sofern ein geeignetes Händlernetz vorhanden ist – auch bei uns auf nennenswerte Stückzahlen kommen dürfte.

Der Ibiza liegt gut, fährt sich gut, sieht gut aus und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch ziemlich billig werden: Preise stehen zwar noch nicht fest (man munkelt von rund 12.000 Mark Basispreis), sie werden aber sicherlich unter denen der vergleichbaren Fiat-Modelle liegen – das gebietet schon der spanische Stolz.


Dieser Text ist erstmals in der Süddeutschen Zeitung Nr. 183 am 9. August 1984 erschienen.


Fotos SEAT Deutschland GmbH

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Automobile – dabei sind auch mittlerweile mehr als 100 Bücher erschienen. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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