Kolumne Zeitsprünge | Rolls-Royce Silver Spirit – Zum Luxus geschaffen

Rolls-Royce Silver Spirit (30)

Wenn ein neuer Rolls-Royce vorgestellt wird – das passiert so alle zehn bis zwölf Jahre –, dann glückt es den Erbauern des „besten Automobils der Welt“ immer wieder, den Gästen den Eindruck zu vermitteln, einer sakralen Handlung beiwohnen zu dürfen, wie bei der Präsentation des Rolls-Royce Silver Spirit.

Die geringe Anzahl der Geladenen, die geschickte Mischung der Völker (Wo bekommt man sonst schon einmal einen saudiarabischen Kollegen zu Gesicht?) und der feine englische Stil lassen einen dann auch erstaunlich schnell von der Vorstellung abkommen, hier würde ein Auto vorgestellt. Hier wird kein Auto präsentiert, sondern eine Lebenseinstellung; ein Stil, der mit dem profanen Automobilbau so viel zu tun hat wie Paul Bocuse mit Hamburgern und Cola.

Wahrscheinlich hat die im englischen Crewe beheimatete Firma diese Selbstdarstellung auch nötig, denn realistisch gesehen, ist der neue Rolls-Royce Silver Spirit schon ein Anachronismus in unserer Zeit: 6,75 Liter Hubraum, 2,25 Tonnen Leergewicht und ein Benzinverbrauch von 20 bis 25 Liter Super auf 100 Kilometer. Aber von solchen Anachronismen wird bei der noblen Firma kaum gesprochen: „Wer sich einen Rolls-Royce leisten kann, hat zumeist auch das Kleingeld für Benzin“. Und auch das hohe Leergewicht ist einfach zu erklären: „In einem Rolls-Royce wird es immer leiser und komfortabler als in anderen Fahrzeugen sein – Dämmmaterial, Leder, Holz und verzinkter Stahl von einer vernünftigen Stärke haben ihr Gewicht“.

Solidität und Exklusivität auch beim Rolls-Royce Silver Spirit

So gefestigt kann nur ein Konstrukteur sprechen, die weiß, dass er für eine Minderheit arbeitet; für eine Firma, die dieses Jahr knapp über 3.300 Fahrzeuge herstellen wird – und der es relativ wenig Mühe bereitet, diese kleine Stückzahl an den Millionär zu bringen. Um der Tat muss Rolls-Royce nicht mit technischen Kapriolen auf den Markt kommen, um verkaufen zu können – Solidität und Exklusivität sind bei dieser Kundschaft viel gefragter. Für die Exklusivität sorgt der hohe Preis: Der neue Rolls-Royce Silver Spirit wird um die 200.000 Mark kosten – und für die Solidität sorgt eine ausgefuchste Qualitätskontrolle, die alleine bei der Lackierung 23 Stufen umfasst. So ist es kein Wunder, dass heute noch über die Hälfte aller jemals gebauten Fahrzeuge (etwa 80.000 Stück) auf den Straßen der Welt „rollen“.

Rolls-Royce Silver Spirit 1982 (1)

Trotzdem wurden beim Rolls-Royce Silver Spirit etliche Details geändert. Beispielsweise die Karosserie: eine neue Form, breiter, flacher, aerodynamischer – „und trotzdem kann der Gentleman noch immer einsteigen, ohne den Hut abnehmen zu müssen“, und dennoch, dass Erhabene der Silver-Shadow-Karosserie ist weg. Mein Kollege aus Saudi-Arabien zu diesem Thema: „Von vorne sieht er wie ein Plastik-Daimler aus, von hinten wie ein 5000-Dollar-Chevy – ich muss wohl doch meinen Silver Shadow behalten!“.

Unter der Karosserie wirkt jetzt eine neue Hinterachse, bei der zusätzliche Gasfedern und etliche Schubstreben für „neue Maßstäbe für Kurvenlage und Fahrverhalten“ (Originaltext Rolls-Royce) sorgen sollen. Ich habe mich nicht von den Qualitäten dieser neuen Hinterachse überzeugen können, denn wer in einen Silver Spirit mit rauchenden Reifen um die Kurven rast, hält wahrscheinlich auch die Mona Lisa für einen Modell aus der Boulevard-Zeitung.

Ein Rolls-Royce ist zum Reisen da, er verwöhnt Insassen mit viel Platz, mit einer getrennten Klima-Anlage für den Kopf- und Fußregion und mit Musik aus vier Lautsprechern. Nach wenigen Kilometern bereits pendelt sich das Tempo bei einer nervenschonenden Geschwindigkeit ein und das Auge beginnt über das Nussbaum-Armaturenbrett zu wandern, die Nase nimmt den Duft des Connolly-Leders wahr, für das die Kühe auf uneingezäunten Wiesen gehalten werden, damit kein Kratzer von einem Stacheldraht das Auge des Betrachters störe.

Was stört einen da noch das Lastwagenlenkrad aus Plastik, an dem die Firma nun schon seit Jahren festhält, was stört einen die Länge von 531 Zentimetern – zum Einweisen in enge Parklücken findet sich schließlich immer jemand. Was stört einen auch der Preis, die Garage wird man ihn sich sowieso kaum einmal stellen können. Da hilft auch nicht der dezente Hinweis, dass ein Rolls-Royce eine gute Kapitalanlage ist: Einen Wagen, den man sich vor zwei Jahren zugelegt hat, bekommt man spielend für denselben Preis wieder los. Erstens wird ein Rolls-Royce nämlich alljährlich um etliche Mark teurer und zweitens werden die Wartefrist immer länger. Auf einen „Camargue“, das Spitzenmodell des Hauses, muss ein Interessent bis zu drei Jahren warten – nur allzu verständlich, dass er für einen gebrauchten Wagen mehr als den neuen Preis zu zahlen bereit ist.

Trotzdem wird sich wohl auch in Zukunft nichts an dem doch recht mäßigen deutschen Markt ändern. Ein Rolls-Royce-Verkäufer: „Für uns ist Deutschland der schwierigste Markt der Welt – das Geld ist zwar vorhanden, aber der Mut zum außergewöhnlichen Fahrzeug fehlt“. Nur etwa 50 Exemplare finden pro Jahr einen Käufer.


Dieser Text ist erstmals am 10. Oktober 1980 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.


Fotos Classic Trader

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Automobile – dabei sind auch mittlerweile mehr als 100 Bücher erschienen. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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