Kolumne Zeitsprünge | Lancia Delta – die Mittelklasse ist nobler geworden

1991 Lancia Delta 1.6 ie GT 3

Lancia, der noble Bruder des Volkslieferanten Fiat hat sich seit etlichen Jahren nur mit der Produktion teurer oder besonders sportlicher Automobile beschäftigt. Kein Wunder, dass der Name Lancia einen guten Klang besitzt, und dass sich der Besitzer Fiat Gedanken darüber gemacht hat, diesen prestigeträchtigen Namen in größeren Stückzahlen zu verkaufen – und Lancia damit aus den roten Zahlen zu helfen. Lancia Delta, so heißt der Neue, und es wäre kein echter Lancia, wenn er nicht sofort den Anspruch angemeldet hätte, auch in der Mittelklasse zur „Eliteklasse“ zu gehören. Und wie die Presseabteilung versucht, diese Behauptung zu unterstützen, zeigen die Zitate aus dem Werbeprospekt.

„Der Delta wäre kein Lancia, würde er nicht mit außergewöhnlich reichhaltiger Ausstattung glänzen.“

In der Tat muss man dem Lancia Delta diese reichhaltige Ausstattung zugestehen, ein verstellbares Lenkrad, alle notwendigen Instrumente und eine logisch und übersichtlich aufgebaute Heizungs- und Belüftungsanlage erleichtern die Arbeit des Fahrens. Die Sitze vorne bieten einen angenehmen Komfort, und der Seitenhalt ist gut, während man dieses von der Rücksitzbank nicht behaupten kann – hier bleibt vielmehr der Eindruck haften, dass der zuständige Designer eine Schaumgummimatte waagerecht und eine senkrecht angeordnet hat, um den Mindestansprüchen an eine Rücksitzbank gerecht zu werden. Gut hingegen der von innen verstellbare Rückspiegel, die heizbare Heckscheibe und der Heckscheibenwischer und -wascher.

„Der neue Lancia Delta hat eine Karosserie mit eigenständiger, aber harmonischer und moderner Linienführung.“

Schlicht, elegant und mit dem Maß an Understatement, wie es der Kenner schätzt, so präsentiert sich Lancias Kleinster. Giorgetto Giugiaro, der italienische Karosseriekünstler, der auch dem VW Golf zu seiner Form verhalf, hat hier eine bemerkenswert glatte, saubere Form gezeichnet, die erfreulicherweise auch vom Fahrersitz aus gut zu übersehen ist.

„Mit einer Länge von 388,5 Zentimetern passt der neuen Lancia Delta genau in kompakte europäische Mittelklasse.“

Kompakt von außen – geräumig innen, das ist der Trend bei allen Automobilhersteller, und Lancia musste genauso verfahren. Also gibt es auch hier Frontantrieb und einen quer eingebauten Motor, den sich die Lancia-Techniker vom Fiat Ritmo holten. Der lange Radstand (247,5 Zentimeter) beschert die Insassen viel Raum, vier Personen haben immer Platz, und wenn nicht gerade eine Fernfahrt ansteht, dürfen es auch fünf sein. Die umklappbare Rücksitzbank, die für einen deutlichen Vergrößerung des Kofferraums sorgt, ist ebenfalls serienmäßig.

1986 Lancia Delta 1.6 ie GT

„Der Lancia Delta wurden von Grund auf neu konstruiert.“

Diese Behauptung stimmt bis auf einen Punkt: Beim Vierzylinder-Reihenmotor griffen die Ingenieure auf das Fiat-Ritmo-Triebwerk zurück. Aber es wurde einigen Modifikationen unterzogen, so sorgt hier ein Doppelvergaser für die Gemischaufbereitung, und die Ansaug- und Auspuffkrümmer sind neu gestaltet. Der 1300-ccm-Motor leistet jetzt 75 PS (55 kW), während das 1500-ccm-Triebwerk, das außerdem eine Transistorzündung bekam, 85 PS (62,5 kW) bereitstellt. Beide Motoren zeigten sich bei der ersten Probefahrt als sehr lebendige, agile und auch sparsame (9 Liter/100 km) Vierzylinder, die das nur 1050 Kilogramm schwere Auto auf über 155 km/h (75 PS) und 160 km/h (85 PS) beschleunigen.

Dass man sich auch höheren Geschwindigkeiten im Lancia Delta wohl fühlt, dafür sorgt das sehr aufwendige Fahrwerk, Einzelradaufhängung an beiden Achsen ist in dieser Klasse auch heute noch nicht selbstverständlich. Für die Verzögerung sorgen vorne Scheiben- und hinten Trommelbremse, die auch bei forcierter Fahrweise keine Schwächen zeigten.

Insgesamt gesehen muss man dem Delta bescheinigen, dass es ein flinkes, munteres Auto geworden ist, das aktive Fahrfreude vermittelt. Dazu trägt auch das gut abgestimmte Fünfganggetriebe bei, das sich erfreulicherweise auch wesentlich sauberer als im Fiat-Ritmo-Getriebe schalten lässt.

„Besondere Mühe hat man sich auch mit der Geräuschdämpfung und dem weit überdurchschnittlichen Korrosionsschutz gegeben.“

Dicke Geräuschdämpfungsmatten und eine aufwändige Auskleidung des Wagens mit Teppichen und Stoffen sorgen tatsächlich dafür, dass man es im Delta auch über längere Strecken gut aushalten kann. Natürlich dringt hin und wieder der „sportliche“ Sound durch, den die Italiener so sehr schätzen – er ist aber nicht aufdringlich und lässt sich mit einer verhalteneren Fahrweise eindämmen.

Wie gut der Korrosionsschutz tatsächlich wirkt, ist auch nach einer längeren Testfahrt nicht abzuschätzen. Die dafür zuständigen Ingenieure werden sich aber bestimmt Gedanken darüber gemacht haben, wie der Rost erst gar nicht in die Karosserie eindringen kann – allzu schnell ist der Ruf ruiniert und der Verkauf stagniert, wie die Modelle anderer italienischer Hersteller gezeigt haben.

„Mit dem neuen Delta sollen die Lancia-Produktionszahlen eine neue Dimension erreichen.“

Dieser Wunsch der Lancia-Verkaufsstrategen wird sich in Italien bestimmt erfüllen, denn die Italiener schätzen kleine, agilen und elegante Fahrzeuge – und der Delta vermittelt nie das Gefühl, in einem nüchternen Mittelklassewagen zu sitzen. Für Deutschland stehen die Verkaufsaussichten schon schlechter, denn die Preise liegen zweifellos im oberen Bereich dessen, was ein 1,3- oder 1,5-Liter-Fahrzeug kosten darf. Die schlichteste Version mit Vierganggetriebe kostet 14.650 Mark, das 1,3-Liter-Modell mit Fünfganggetriebe und einer aufwändigeren Innenausstattung liegt bei 15.550 Mark, und für die Krönung des Programms, den Delta 1.5 sollten 16.600 Mark zur Lancia-Vertretung mitgebracht werden.

Dieser Text ist erstmals am 10. November 1979 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.


Fotos Fiat Chrysler Automobiles N.V., Classic Trader

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Automobile – dabei sind auch mittlerweile mehr als 100 Bücher erschienen. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

Weitere Artikel

Volkswagen Golf VIII Limonengelb (1)

Kolumne Zeitsprünge | Volkswagen Golf VIII – Noch immer spitze

Auch heute – 46 Jahre nach der Premiere des ersten Golf – muss man den Mut des damaligen VW-Vorstands bewundern, der es wagte, den Käfer-Käufern mit dem Golf einen völlig neuen Nachfolger vorzusetzen. weiterlesen Kolumne Zeitsprünge | Volkswagen Golf VIII – Noch immer spitze

VW Bulli 6

Wertstabile Klassiker Teil 3: Samba Bulli – Alternativen aus dem eigenen Stall

Nachdem der deutsche Markt schnell leergefegt war und der hiesige Preis für den Samba Bulli durch die Decke ging, kamen zunächst viele T1 und T2 aus den USA und anderen Ländern zurück. weiterlesen Wertstabile Klassiker Teil 3: Samba Bulli – Alternativen aus dem eigenen Stall

DOC Diebstahlschutz

DOC Kolumne – Oldtimer-Diebstahl und wie man sich effektiv schützen kann

Zunehmend kommt es zu Diebstählen von Oldtimern. Die Quote hat sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt. Vor allem die Premiummarken und besonders seltene Fahrzeuge fallen dabei in das Beuteschema der Diebe. weiterlesen DOC Kolumne – Oldtimer-Diebstahl und wie man sich effektiv schützen kann