Kolumne Zeitsprünge | Genesis GV70 – A new kid in Town

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Sind Sie des altgriechischen mächtig? Dann wissen Sie sicher, dass Γένεσις – genesis – für Geburt, Entstehung steht. Eine Erkenntnis, die sich auch eine 1967 gegründete Rockband zu eigen machte – dass die Gruppe ihre erste LP dann From Genesis to Revelation (Von der Geburt zur Offenbarung) nannte, sorgte allerdings dafür, dass die Platte unter „Kirchlicher Musik“ eingeordnet wurde – und sich nur etwa 600 Exemplare verkaufen ließen. Was den späteren Mega-Erfolg jedoch nicht verhindern konnte.

Man kann davon ausgehen, dass die koreanische Hyundai Motor Group die Geburt der Marke Genesis strukturierter angegangen ist – man darf sich die ersten Überlegungen des 1967 von Chung Ju-yung gegründeten Unternehmens, zu dem 1998 auch noch die Kia Motors Corporation hinzukam, in etwa so vorstellen: „Dank hoher Qualität, gutem Design und einem ausgefeilten Vertrieb gehört unsere Gruppe heute mit 7,9 Millionen jährlich verkauften Fahrzeugen zu den größten Fahrzeugherstellern der Welt. Genauer gesagt liegen wir nach Toyota, Volkswagen und General Motors auf Rang Vier. Nun ist es an der Zeit, in die Oberklasse einzusteigen – und der Name des neuen Labels möge Genesis sein“.

Die Anfänge der Marke

Das erste Ergebnis war die im März 2007 bei der New York International Auto Show präsentierte „Genesis Concept“ Studie, mit der die Koreaner ein Modell gezeichnet hatten, mit dem sie – wie selbst propagiert – gegen Modelle wie dem Lexus GS, den BMW Fünfer-Modellen und die Mercedes Benz E-Klasse verglichen werden wollten. Für diesen Anspruch verfügte die gut aussehende Studie über alle technischen Gadgets, die vorstellbar war und unter der Motorhaube arbeitete ein selbst entwickelter 4,6-Liter-Achtzylindermotor.

Wie nicht anders zu erwarten, gestaltete sich der Einstieg in Europa schwierig – das erste Genesis Coupé war nur von Oktober 2012 bis Ende 2013 im Programm. Danach wurde das Angebot aufgrund mangelnder Nachfrage wieder eingestellt. Offenbar war eine koreanische Edel-Marke in Europa und speziell in Deutschland noch nicht zu vermitteln. 2016 entfiel dann der Name Hyundai und Genesis etablierte sich als eigenständiges Label, das mit eigenen Vertriebswegen, eigenen Shops und einer völligen Loslösung von Hyundai und Kia nun seinen eigenen Weg suchen sollte.

Wohin der Weg führen sollte, wurde erstmals beim Pebble Beach Concours d`Elegance im August 2015 gezeigt, bei dem Hyundai mit dem Vision G Concept Coupé einen Ausblick auf das Design zukünftiger Luxusmodelle der Marke zeigte. Nach dem ersten Misserfolg ging der Konzern das Thema Genesis nun vorsichtiger an – zuerst wurden die großen Märkte der USA, China und des Heimatmarkts Korea angegangen, wo der Kampf in der Oberklasse zwar auch hart ist, aber die Competition zu den großen deutschen Edel-Marken besser angegangen werden konnte als in Deutschland.

Nachdem sich die Marke Genesis in den USA und Asien relativ rasch einen guten Namen gemacht hatte und sich die Verkaufszahlen erfreulich gestalteten, hat sich Genesis nun Europa vorgenommen, um auch hier die Erfolgsgeschichte weiter fortzuschreiben.

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Der Genesis GV70 als Eyecatcher auf dem Supermarktparkplatz

Und nun sitze ich in einem Genesis GV70 in Barossa Burgundy, das Interieur ist üppig in rotes Leder gehüllt und die Umwelt rätselt, um was für einen Wagen es sich wohl handeln mag. Eben umrundete ein junger Mann den Genesis vor dem Edeka-Markt in Kressbronn, betrachtete ihn aus allen Winkeln um sich dann dem Fahrer zu nähern: „Was ist denn das für ein Wagen?“
„Ein Genesis GV70.“
„Was hat der denn für einen Motor?“
„Einen 2,5-Liter-Vierzylinder mit Turbolader und 304 PS und Achtgang-Automatik.“
„Und was kostet er?“
„Rund 67.000 Euro – aber mit Vollausstattung, die keine Wünsche mehr offen lässt.“
„Der sieht aber gut aus – ich wünschte, wir hätten auch so etwas im Modell-Programm!“
„???“
„Ich bin Ford-Händler – und die Geschäfte laufen nicht so gut. So ein Wagen würde uns gut tun.“

Dialoge, die sich in den zwei Wochen, in denen der GV70 in fleißig bewegt wurde, häuften – und das in Zeiten, in denen man (vor allem mit einem SUV) nur noch selten angesprochen wird. Und alle neugierigen Betrachter lobten zuerst einmal das Design, wobei man dem Genesis GV70 – wie auch den anderen Modellen des Hauses – tatsächlich eine subtile Eleganz zugestehen darf.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Automobile – bei sich immer stärker annähernder Technik – mehr denn je über die Optik verkauft werden, oder zumindest auf sich aufmerksam machen können. Eine Erkenntnis, die sich bei zunehmender Elektrifizierung des Modellprogramms weiter intensivieren wird: Wenn überall mehr oder weniger starke Elektromotoren für den Vortrieb sorgen, haben eben die Reichweite und die Optik den Kaufanreiz zu triggern.

Dass Optik eine entscheidende Rolle spielen kann, haben die Koreaner bereits 2006 erkannt, als sie Peter Schreyer – damals VW-Konzerndesignchef – abwarben und ihm große gestalterische Freiräume einräumten. Schreyer brachte anfänglich KIA und ab 2013 als Leiter des Designbüros der Hyundai KIA Automotive Group die Ästhetik des Hauses auf Vordermann – 2013 wurde Schreyer auch als erster Nicht-Koreaner zu einem der drei Firmen-Präsidenten von KIA befördert. Eine Rolle, die mittlerweile von Luc Donckerwolke übernommen wurde – der jahrelang für den VW-Konzern tätig war, kam 2016 zu den Koreanern, wo der Belgier heute als Chief Creative Officer neben Hyundai und KIA auch für Genesis und die Elektromarke ioniq verantwortlich zeichnet.

Mit diesem Vorgehen haben die Koreaner dem Label Genesis nicht nur eine europäische Anmutung, sondern auch ein neues Marketingkonzept verpasst – hier wird der Aufbau einer Marke eher langsam und nachhaltig angegangen. „Natürlich haben auch wir unsere Vorgaben, wann wir wo wie viele Fahrzeuge verkaufen sollen“, Dominique Boesch, den Managing Director von Genesis Europe, hat natürlich auch seine Vorgaben aus Seoul, aber „wir haben die Freiheiten, den Europa sorgfältig und ohne übertriebene Hast von den Qualitäten von Genesis zu überzeugen.“

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Ein Rundum-Service um den Genesis GV70

Und dazu gehört ein aufwändiger Abhol- und Bringdienst der Fahrzeuge – der geschätzte Kunde soll gehegt und gepflegt werden. Und wer nicht in einer Großstadt wohnt, wird von einem Genesis-Mitarbeiter mit dem gewünschten Fahrzeug besucht, zu einer Probefahrt eingeladen, beraten und kann dann den Kaufvertrag auch per Internet abschließen. Und zu Inspektions- oder Reparaturarbeiten wird ein Genesis gebracht, ausgetauscht und nach erfolgter Inspektion oder Reparatur wieder zurückgetauscht.

Genesis ahnt zu Recht, dass die Einführung einer neuen Marke im oberen Segment besonders in Deutschland eine Herkulesaufgabe ist – also muss das Thema Kunden“dienst“ – also Dienst am Kunden – eine herausragende Rolle spielen. Dazu müssen jedoch auch die begleitenden Umstände stimmen – über das Thema Optik habe wir ja bereits gesprochen: Die Modelle sehen alle gut aus, Donckerwolke hat mit seinen diversen, weltweit verstreuten Teams eine ruhige, elegante Genesis-Sprache gefunden. Der GV70 hat keine schwachen Seiten und mit der ausdrucksstarken Frontpartie unterscheidet sich der SUV massiv von seiner deutschen Konkurrenz wie dem Audi Q5, dem Mercedes-Benz GLC und dem BMW X3. Das Interieur ist einladend, mit Leder umhüllt und hat erstklassige Sitze.

Für den Vortrieb sorgen wahlweise ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Dieselmotor mit 201 PS (148 kW) oder ein 2,5-Liter-Turbo-Benzinmotor mit vier Zylindern, der 304 PS (224 kW) bereitstellt – bei dem von uns gefahrenen Benziner überträgt eine seidenweich schaltende Achtgangautomatik die Leistung auf einen Allradantrieb. Beeindruckend war das Drehmoment von 422 Nm, dass wie selbstverständlich zur Verfügung stand und zusammen mit dem erstaunlichen Überholprestige für ein sanftes Dahingleiten sorgte. Bei 150 km/h dreht der Motor in der achten Gangstufe gerade einmal 2.000/min, was für erfreuliche Verbrauchswerte in Bereich von neun bis zehn Litern sorgte – in der Stadt erhöhen sich die Werte dann natürlich. Wer dieser Technik aus dem Weg gehen möchte, kann bereits zum etwas kleineren GV60 electrified und der großen Limousine G80 electrified greifen. Der GV70 electrified , der Ende Juni beim Festival of Speed in Goodwood Europapremiere feierte, wird noch ein paar Monate auf sich warten lassen, bis er bei den Händlern steht.

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Mit seinem großzügigen Innen- und dem großen Kofferraum ist der Genesis GV70 der perfekte Langstreckenwagen für die vielköpfige Familie oder für Interessenten, die öfter mit viel Gepäck Distanzen zurückzulegen haben. Man sitzt gut in ihm, die Ergonomie ist überzeugend – nur die Vielfalt der elektronischen Helferlein überfordert Mann/Frau in der ersten Zeit am Volant. Was gibt es da nicht alles zu regulieren – wobei eine sehr dicke Betriebsanleitung auch am Anfang erst erobert werden will. Meine erste Aufgabe ist es immer, zuerst den lästigen Spurwechselassistenten abzuschalten – aber bis man den entsprechenden Knopf gefunden hat…

Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass hier bei allen Herstellern bei dem Einbau elektronischer Helferlein zu viel des Guten getan wird – den größeren Teil der Möglichkeiten braucht man nie. Und mit der intuitiven Bedienung ist es auch nicht so weit her.

Der Genesis GV70 gehört zu den erfreulichsten Neuerscheinungen, die in letzter Zeit in der Garage standen: Er sieht gut aus, hat mehr als ausreichend Leistung, bietet bereits in der „Premium“-Basisvariante zum Preis von 50.550 Euro eine bemerkenswerte Komplettausstattung und kann sich qualitativ mit jedem deutschen Konkurrenten messen. Bleibt die Frage, ob das Vertriebsmodell mit einigen wenigen Stützpunkten und reisenden Verkäufern angenommen wird – wenn es, zusammen mit dem Hol- und Bringservice, funktionieren sollte, kann man Genesis langfristig gute Chancen geben, sich in dem umkämpften deutschen Markt eine kleine, lukrative Nische zu erobern.

Man wird sehen.

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Fotos Hyundai Motor Company

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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