Kolumne Zeitsprünge | FIAT 128 Abarth – Biedermann im Sportlerdress

FIAT 128 Abarth 1976

1969 wurde er „Auto des Jahres“. 1972 erschien die „Rally“-Version. Jetzt kam die „Abarth“-Abart auf den Markt: Dem FIAT 128 ist offensichtlich ein langes Auto-Dasein beschieden.

Der Grund des neuerlichen Wandels liegt im Marktanteil des 128 begründet: Nur 13 Prozent aller verkauften FIAT waren 128er. Folglich beschlossen die Marketingstrategen, dem Wagen einen sportlicheren, jugendlicheren Anstrich zu geben. Der geeignete Name war im Hause schnell bei der Hand: Abarth. Auch heute noch, nach jahrelanger sportlicher Abstinenz, hat der Name Carlo Abarth einen guten Ruf bei den jugendlichen Autofahrern. Bisherige FIAT-Modelle mit seinem Namen verkauften sich jedenfalls gut.

Für die optische Umsetzung des Namens Abarth sorgen Leichtmetallen-Felgen mit Niederquerschnitt-Reifen der Größe 165/70, zwei Sport-Außenspiegel und getönte Scheiben sowie eine größere Anzahl von Abarth-Schriftzügen. Und damit auch die akustische Erkennung unzweideutig ist, entweicht das Abgas unüberhörbar über die Abarth-Doppelrohr-Auspuffanlage.

Nicht Abarth-like ist allerdings der 1,3-Liter-Vierzylinder: Er wurde im serienmäßigen Zustand belassen und gibt unverändert 60 Pferdestärken ab. Genauso wenig wurde an eine Veränderung der Kraftübertragung gedacht: Hier versieht das Original-128-Viergang-Getriebe seinen Dienst.

Entspricht denn auch das Temperament des Automobils nicht ganz dem sportlichen Image: 15 Sekunden vergingen, bis der Tachometer des FIAT 128 Abarth Tempo 100 signalisierte, und die Höchstgeschwindigkeit pendelte sich bei 144 km/h ein. Zwar ließen sich zuweilen einige Kilometer mehr realisieren; die Nadel des Drehzahlmessers kletterte dann jedoch deutlich in den roten Bereich.

FIAT 128 Abarth Katalog

Und gegen das Operieren in derartigen Drehzahlbereichen spricht die Geräuschentwicklung: Das von Natur aus nicht gerade leise 128-Aggregat wird dabei von der Abarth-Auspuffanlage wirkungsvoll unterstützt. Während den beiden Endrohren im Leerlauf und bei niedrigen Drehzahlen sattes Brabbeln entweicht, steigert sich das Geräusch mit zunehmender Geschwindigkeit zum Lärm. Das Fahrwerk und die Bremsanlage werden mit der zur Verfügung stehenden Leistung relativ gut fertig: Der FIAT 128 Abarth untersteuert zwar ziemlich, bleibt jedoch immer gutmütig und leicht beherrschbar; im Notfall helfen wirksame Bremsen (vorne Scheiben, hinten Trommel). Zu diesen weitgehend unproblematischen Fahrverhalten tragen auch die Niederquerschnittreifen ihren Teil bei, die erstaunlich hohe Kurvengeschwindigkeiten ermöglichen. Diese Serien-70-Reifen haben aber auch Nachteile: Sie laufen jeder Straßenunebenheit nach und verhelfen dadurch den Wagen zu schlechteren Geradeauslauf-Eigenschaften.

Wenn dann einmal etwas mehr Straßenbreite benötigt wird, kann allerdings auch das Lederlenkrad dazu beigetragen haben: Es vermittelt zwar einen exakten Kontakt zur Fahrbahn, ist jedoch im Durchmesser relativ klein und erschwert damit sauberes Fahren.

Das Lenkrad selbst liegt gut in der Hand, wie überhaupt die Bedienungshebel und die Pedalerie am richtigen Ort postiert sind – alles ist ohne Mühe erreichbar und leicht zu bedienen.

Beim FIAT 128 Abarth haben jedoch nicht nur die Techniker für einen erfreulichen Arbeitsplatz gesorgt – es ist auch den Designern gelungen, Cockpit-Atmosphäre entstehen zu lassen. Voraussetzung dafür ist, dass zur Farbgebung im Innenraum ausschließlich eine Farbe verwendet wird – nämlich Schwarz. Lediglich das Gestühl weicht von dieser Philosophie ab: Zwei rote Streifen zieren es.

Viele Instrumente, die die Augen des Fahrers beschäftigen, sind dem Rennlook zudem dienlich. Also wurden den Serieninstrumenten noch Drehzahlmesser und Kühlwasserthermometer hinzugefügt. Und außerdem ist überall, wo der Blick hinfällt, der Abarth-Skorpion – das Wappentier Carlo Abarths – präsent: Im Hupenknopf, auf dem Schaltknauf und auch sonst noch mindestens zehnmal.

FIAT 128 Abarth – Fazit

Diese sportlichen Erkennungszeichen sind für eine ganz spezifische Käuferschicht gedacht: Junge Leute sollen mobilisiert werden, die einen alltagstauglichen Wagen mit Sport-Charakter besitzen wollen. Und um das Kaufverhalten der meist nicht sonderlich finanzstarken jugendlichen Käufer zu erleichtern, bietet FIAT einen Kampfpreis: 10.490 Mark – viel Auto fürs Geld.

Schade, dass FIAT die durchaus vernünftigen Aspekte dieses Wagens durch fragwürdige Verkaufsargumente in einem Prospekt zu Nichte macht: „Rechts überholen, links überholen. Egal, wenn der Abarth vorbei ist, ein kurzer Blick in den rechten oder linken Außenspiegel – die Situation zeigt sich auf beiden Seiten“, liest man dort verwundert.

Dieser Text ist erstmals am 23. Januar 1978 in der Zeitschrift hobby Nummer 3/1978 erschienen.


Fotos FCA Germany AG

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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