Kolumne Zeitsprünge | BMW M 535i – Schnell und sicher – auch zeitgemäß?

1979 BMW M 535i E12 (5)

Für 43.595 Mark baut die BMW Motorsport GmbH den 3,5-Liter-Motor in die 5er-Karosserie, aus einem Serien E12 wird somit der BMW M 535i.

Die Kundschaft der weiß-blauen Marke liebt seit jeher das Understatement: War der BMW 2000 tii bereits ein Fahrzeug, mit dem die Besitzer manchen Fahrer noch noblerer Marken hinter sich ließen, so hat sich BMW mit ihrem jetzigen Modellprogramm noch deutlicher den gut motorisierten Limousinen in relativ kompakten Karosserien verschrieben.

Die Kundschaft weiß dieses Angebot zu schätzen; das jeweils stärkste Modell der 3er-, 5er– und 6er-Reihe ist auch dasjenige mit den längsten Lieferfristen. Auf den 323i mit seinen 143 PS und den 635 CSi mit 218 PS muss bis zu einem Jahr gewartet werden, und auch der 528i muss etliche Monate, bevor der Zündschlüssel überreicht wird, in Auftrag gegeben werden.

Die 5er-Reihe war schon immer bei den Tunern sehr beliebt, bieten diese Modelle doch einerseits ausreichend Platz für vier Personen (eine Tatsache, die von der 3er-Reihe nicht so leicht behauptet werden kann) und deren Gepäck – und andererseits sind diese Fahrzeuge mit 4,62 Meter Länge noch kurz und handlich genug, um viel Fahrfreude zu vermitteln.

Kein Wunder, dass sich Firmen wie Alpina, Schnitzer und GS-Tuning schon seit etlicher Zeit darum bemühen, den 528i zu machen, dabei kann man schon dem Grundmodell mit seinen 184 PS und 213 km/h Spitzengeschwindigkeit eine gewisse Sportlichkeit nicht abstreiten.

Die BMW Motorsport GmbH, das sportliche Kind des Münchner Hauses, hat dem Treiben der Tuner sicherlich mit gemischten Gefühlen zugesehen, sorgten sie doch einerseits für das sportliche Renommee des Hauses, nahmen sie jedoch auf der anderen Seite auch Kunden und damit Umsatz weg. Denn schon seit einigen Jahren kann der wohlbetuchte Kunde auch in München seinen BMW noch schneller machen lassen – bloß die offizielle Anerkennung fehlte.

BMW M 535i – Endlich ein richtiger Sportler aus der Familie

Diese Hürde hat Jochen Neerpasch, der Chef der Motorsport GmbH, jetzt allerdings genommen: In Frankfurt stand der BMW M 535i, Baureihe E12, auf dem Messestand. Das zweite M hinter dem BMW steht für Motorsport, und damit hat Neerpasch bereits zwei Fahrzeuge im BMW-Programm untergebracht – das Spitzenmodell ist bekanntlich der M 1, ein zweisitziges Mittelmotor-Auto für mittlerweile 113.000 Mark; der BMW M 535i ist mit seinen 43.595 Mark Anschaffungspreis dagegen geradezu preiswert zu nennen.

Was bekommt der Kunde nun für diese Summe? Die Motorsport GmbH setzt für das 3,5-Liter-Sechszylindertriebwerk in die 5er-Karosserie, das auch den 635 CSi und den 735i antreibt. Dieser Motor, der bei 5.200 U/min 218 PS (160 kW) leistet, hat mit dem 1.440 Kilogramm schweren 535i natürlich leichtes Spiel: Über 220 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine Beschleunigung von 7,5 Sekunden von null auf 100 km/h verleihen diesem Wagen kurze Überholwege – und damit aktive Sicherheit – und hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten.

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Rundum-Paket der Motorsport GmbH für den BMW M 535i

Natürlich beließen es die Ingenieure nicht nur bei der Einpflanzung des stärkeren Triebwerks, auch das Fahrwerk wurde den höheren Fahrleistungen angepasst: Bilstein-Gasdruck-Stoßdämpfer und vier innenbelüftete Scheibenbremsen sorgen für eine gute Straßenlage und exzellente Verzögerung. Das serienmäßige Fünfgang-Getriebe ist für die hervorragenden Beschleunigungswerte und den günstigen Kraftstoffverbrauch verantwortlich – je nach Fahrweise dürften zwischen zehn und 16 Liter Super durch die Einspritzanlage fließen.

Für den Kontakt zum Boden sorgen Reifen der Größe 195/70 VR 14, die auf BBS-Leichtmetallfelgen montiert werden. Wahlweise kann der Kunde auch einen Front- und Heckspoiler mitbestellen, der bei höheren Geschwindigkeiten den Wagen etwas ruhiger liegen lässt und außerdem noch Benzin sparen hilft.

Im Innenraum sorgen die serienmäßigen Schalensitze und ein Tachometer, der bis 240 km/h anzeigt, für die sportliche Atmosphäre. Selbstverständlich steht dem Käufer die gesamte Zubehörliste zur Verfügung – wer ein elektrisches Schiebedach will oder eine Metalliclackierung, wird auf keine Widerstände stoßen.

Nun kann man natürlich mit einer gewissen Berechtigung fragen, ob solche Automobile überhaupt noch gerechtfertigt sind. Tatsache ist, dass ein BMW M 535i derartig hohe Sicherheitsreserven zu bieten hat – durch seine hervorragende Bremsanlage, durch sein ausgeklügeltes Fahrwerk und durch den starken Motor –, dass ein Könner sich hinter dem Steuer besserstellt, als die Fahrer viele andere Wagen. Tatsache ist auch, dass beim Publikum der Wunsch nach gut motorisierten Fahrzeugen mehr denn je bestehen und dass BMW natürlich nur allzu gerne bereit ist, diesem Wunsch Rechnung zu tragen – die erkleckliche Anzahl von unterschriebenen Kaufverträgen in Frankfurt gibt den Verkaufsstrategen nur recht. Außerdem fahren nicht wenige der Besitzer diese Limousinen kaum aus; teilweise, weil die fahrerischen Fähigkeiten nicht ausreichen, größtenteils aber, weil man so ein Stück hochwertige Technik einfach nur besitzen möchte.

Probleme kann dieser Wagen freilich denjenigen bieten, die nicht über die ausreichende Routine verfügen und ihre Fähigkeiten am Volant überschätzen. Der Gedanke, dass ein Führerscheinneuling sich hinter das Steuer eines BMW M 535i setzen könnte, löst zweifellos Furcht aus – Ängste, die die Motorsport GmbH schon seit Jahren in Keime zu ersticken versucht. Denn hier ist man sich seit langem darüber im Klaren, dass ein Autofahrer immer dazulernen kann – und muss. Bei den Fahrerlehrgängen, die von dem finnischen Rallye-Profi Rauno Aaltonen an etlichen Wochenenden im Jahr veranstaltet werden, werden die Kenntnisse vermittelt, die den gefahrlosen Umgang mit Automobilen erleichtern.

P.S.: Man muss nicht BMW-Fahrer sein, um an diesen Lehrgängen teilnehmen zu können. Adresse: BMW Motorsport GmbH, Preußenstraße, 8000 München 40.

1979 BMW M 535i E12 (4)


Dieser Text ist erstmals in der Süddeutschen Zeitung vom 28. September 1979 erschienen.


Fotos Lumata Car Gallery

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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