Kolumne Zeitsprünge | Alfa Romeo SZ – Bello, bellissimo, Zagato

Alfa Romeo SZ (12)

Über die Form des Alfa Romeo SZ können wir streiten – über den Fahrspaß nicht.

Als die ersten Außenstehenden diesen Wagen zu sehen bekamen, tauften sie ihn spontan auf den Namen Il Mostro – Das Monster. Und sie konnten sich nur schwer vorstellen, dass das Mailänder Haus Alfa Romeo dieses keilförmige Geschoss auch wirklich in den Handel bringen würde. Mittlerweile ist klar, dass 1.000 Exemplare gebaut werden – und die sich bereits (trotz eines Preises von rund 100.000 DM) die Sammler und Auto-Enthusiasten schlagen.

Alfa Romeo war seit den frühen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts stets eine Marke, die durch überragende Fahrleistungen und extravagante Karosserien die Herzen vieler Auto-Fans höher schlagen ließ. Zu dieser Melange aus Tradition und Fortschritt gehörten nicht nur überragende Motoren und Fahrwerke, sondern oft auch Karosserien, die nicht nur auf den beliebten Concours d`Elégance-Wettbewerben bis in die fünfziger Jahre hinein dominierend waren, sondern heute teilweise als Trendsetter und Klassiker geliebt und bewundert werden.

Ebenso ließen die Motorsportler-Ergebnisse über die Jahrzehnte hinweg den Namen Alfa Romeo zur Legende werden; die Siege des P 2 und P 3 in den zwanziger und dreißiger Jahren, die 1750er und 2300er-Modelle der Vorkriegszeit, der 2,6- und 2,9-Liter-Achtzylinder, der die teuersten Sportwagen der dreißiger Jahre antrieb, der Tipo 33 in all seinen Variationen – die Alfa-Renngeschichte alleine könnte Bände füllen. Kurz gesagt: Alfa darf für sich in Anspruch nehmen, die Automobil-Geschichte entscheidend mitgeprägt zu haben.

Nun hatte das Unternehmen – und jeder kennt die Hintergründe – große finanzielle Schwierigkeiten. So war es kein Wunder, dass sich das Haus Fiat der Traditionsmarke annahm – und nicht nur mit dem Typ 164 ein grandioses Comeback feierte, sondern auch auf dem Genfer Automobil-Salon 1988 einer staunenden Öffentlichkeit den „ES 30“ präsentierte. „ES 30“ stand zum damaligen Zeitpunkt für das Kürzel „Experimental Sports Car 3000“; der geneigte Leser entnimmt diesen Hieroglyphen, dass es sich dabei um eine Sportwagen-Studie handelte, deren Triebwerk über 3 Liter Hubraum verfügte.

Alfa Romeo SZ – Ein außergewöhnliches Stück Technologie

Dahinter steckte der Gedanke, dass es dem Hause nur gut tun könnte, wenn man mit einem außergewöhnlichen Stück Technologie der Öffentlichkeit klarmachen würde, dass die ruhmvolle Marke auf dem Weg zu neuer Stärke sei. Nun dauert es heutzutage immer etliche Zeit, bis ein derart komplexes Stück Technologie von der ersten Skizze bis hin zum fahrbereiten und voll funktionstauglichen Exemplar gediehen ist; andererseits hatte Alfa Romeo nicht allzu viel Zeit, um seine neu gewonnene Stärke zu demonstrieren.

Also erfolgte die Konstruktion mit Hilfe des Computers. Das Zauberwort heißt hier Computer assisted Design (CAD); damit schrumpfte die Zeit vom Vorentwurf bis hin zum Prototyp auf nur 19 Monate zusammen. Und in diesen 19 Monaten hatte das Entwicklung-Team eine ganze Menge von Hausaufgaben zu lösen: Das Management erwartete eine außerordentliche aerodynamische Lösung, die zudem noch beste Querbeschleunigungen erreichen musste. Zudem sollten neue Materialien und neue Verarbeitungsmethoden erprobt werden – und für das Temperament und die Achslastverteilung sollte ebenfalls optimal gesorgt werden.

Alfa Romeo SZ (9)

Der exzentrische Alfa Romeo SZ

Das Ergebnis ist eine zwar gewöhnungsbedürftige Form, die allerdings durch ihre Exzentrik besonders reizvoll geriet. Hier versicherte sich das Mailänder Haus der Mithilfe der Karosseriefirma Zagato, die bereits in den sechziger und siebziger Jahren einige der aufregendsten Alfa-Modelle mit unvergesslichen Karosserien eingekleidet hatte: den 2600 SZ, den TZ 1 und den TZ 2. Die extrem keilförmige Form des S.Z., wie der „ES 30“ nun offiziell hieß, erregt aber nicht nur Aufsehen, wo immer sie zu sehen ist; sie bietet auch einen Cw-Wert von 0.30 – und der ist in Sportwagen-Kreisen äußerst selten anzutreffen. Dazu wurde die Unterseite des Alfa Romeo SZ derart gestaltet, dass der bei den Formel 1-Boliden eingeführte „Ground effect“ auch hier voll zum Tragen kommt. Unter diesem Effekt versteht der Techniker eine Ausformung, die – ähnlich wie bei einem Flugzeugflügel – für einen Unterdruck sorgt, der den Wagen gewissermaßen an den Boden saugt. Kein Wunder, dass das Werk stolz bekannt gab, dass dieser Effekt die Auftriebswerte der Karosserie voll ausgleicht, und so Kurvengeschwindigkeiten erreicht werden können, die denen von Rennwagen in nichts nachstehen.

Die Kurvengeschwindigkeiten werden aber auch durch die Achslastverteilung des Gewichts bestimmt: Hier hat Alfa Romeo mit dem vorne liegenden Motor und dem vor der Hinterachse montierten Fünfgang-Getriebe gute Karten – bei einem Gesamtgewicht von 1.260 kg lasten nur 56 % des Gewichts auf der Vorderachse, 44 % sind hinten gelagert. Zusammen mit einer Radaufhängung, die direkt von der Renn-Variante des Alfa 75 abgeleitet ist, ergeben sich so Fahrfreuden, die in dieser Form bislang nur auf Rennstrecken geboten werden konnten.

Der 3-Liter-Sechszylinder des Alfa 164 gilt ja seit längerem in Fachkreisen als einer der besten Motoren, die derzeit im Angebot sind. So war es kein Wunder, dass man in Arese, knapp 30 km nördlich von Mailand, diesem Triebwerk besondere Liebe angedeihen und die Leistung auf 210 PS anwachsen ließ. Diese Leistung, die bei 6.200/min abgegeben wird, beschleunigt den kompakten Zweisitzer, der nur 406 cm lang ist, auf 245 km/h; die 100 km/h-Grenze wird nach exakt sieben Sekunden erreicht. Und da kleine und vergleichsweise leichte Wagen keine großen Benzinschlucker sind, gibt sich der Alfa Romeo SZ auch mit nur acht bis zwölf Litern bleifreiem Super zufrieden. Erfreulich ist auch die Tatsache, dass dieser Supersportwagen selbstverständlich nur mit geregeltem Dreiwege-Katalysator ausgeliefert wird.

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Nun weiß jeder Ingenieur, dass viel Leistung und wenig Gewicht nicht zwangsläufig auch viel Fahrfreude bedeuten müssen. Der hervorragende Cw-Wert und der Ground-effect tragen zwar ebenfalls viel zu dem Spaß am Fahren bei, doch einer der entscheidenden Schlüssel zum Fahrvergnügen ist die Verwindungsfreudigkeit der Karosserie – oder besser gesagt: je steifer eine Karosserie ist und je weniger sie von den Unebenheiten der Straße überträgt, umso schneller kann sie um Kurven bewegt werden.

Kein Wunder, dass die Ingenieure sich deshalb gerade in diesem Bereich um besondere Lösungen bemüht haben. So besteht die tragende Struktur aus einem Stahlrahmen mit besonderer Biege- und Verdrehungsfestigkeit. Auf diese Stahlstruktur wird nun eine Karosserie aus Verbundwerkstoff geklebt. Und diese wiederum entsteht durch Kalt-Spritzguss und besteht aus „Modar“ mit Glasfaserverstärkung – einem thermohärtenden Matacryl-Kunstharz. Diese Karosserie trägt durch den geklebten Verbund entscheidend zur Erhöhung der Steifheit bei, zumal auch die Möglichkeit besteht, sie an gefährdeten Stellen durch eine stärkere Dimensionierung entsprechend zu verstärken.

All diese vielen neuen Ideen und Materialien tragen, zusammen mit dem drehfreudigen und absolut alltagstauglichen Sechszylinder, dazu bei, diesen Exoten zu einem Traum für alle Enthusiasten werden zu lassen. Zumal es sich die Italiener natürlich nicht nehmen ließen, mit dem ihnen eigenen Geschmack ein Interieur zu schaffen, das den besten italienischen Sportwagen-Traditionen gerecht wird: Ein nüchternes, sachliches Armaturenbrett dessen Kohlefaser-Struktur High-tech demonstriert – umhüllt von feinstem Leder. Dazu zwei Schalensitze, die so perfekt passen, dass man sich nie mehr andere Sitze vorstellen kann, und dazwischen auf der Mittelkonsole der Schalthebel des Fünfgang-Getriebes, der natürlich in einem kleinen Leder-Säckchen ruht. Und eine kleine Tafel zeigt dem neugierigen Betrachter, welches Fahrzeug betrachtet werden darf: Hier ist die Fahrgestell-Nummer eingeprägt.

Kein Wunder, dass der Alfa Romeo SZ auf allen Ausstellungen und den Straßen stets von Bewunderern umlagert ist; zwei Namen wie Alfa und Zagato kommen eben nicht alle Tage zusammen.


Dieser Text ist erstmals in der Zeitschrift Hotel Mosaik im Frühjahr 1990 erschienen.


Fotos Roman Raetzke / Asphalt Classics

Autor: Jürgen Lewandowski

Jürgen Lewandowski schreibt seit mehr als 40 Jahren über Menschen und Autos - und hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Traumklassiker: Alfa Romeo 8C 2900 Touring Spider und Lancia Rally 037. Eigener Klassiker: Alfa Romeo R.Z. von 1993.

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