Käfer Love – Einsatz in Manhattan

Käfer Love Einsatz in Manhattan Delius Klasing (6)

Donald Morisette unterrichtet an der Thomas Edison High School in New York. Seine Schüler staunen nicht schlecht, wenn des Öfteren ein Käfer im Klassenraum parkt.

Das Zuhause von Gordy befindet sich mitten in Manhattan. Die Miete dafür kostet ungefähr so viel wie die einer 70-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Doch davon will Donald Morisette nichts wissen. Der 37-jährige Lehrer der Thomas Edison High School im New Yorker Stadtteil Queens findet das sechs Quadratmeter große Areal in dem Parkhaus genau richtig für seinen Käfer, den er liebevoll Gordy nennt. „Er ist dort gut bewacht und vor den unsteten Wetterverhältnissen hier an der Ostküste der USA ideal geschützt“, so Morisette.

Donald entschied sich für den Käfer bereits im zarten Alter von zwölf Jahren. Auf dem Schulweg mit seiner Mutter fuhren die beiden schon länger an dem verwitterten Wolfsburger vorbei, der vergessen im Vorgarten eines kleinen Hauses stand. „Auf dem Rücksitz fiel mir immer diese runde Silhouette auf, ein Aufblitzen im Augenwinkel. Irgendwann orientierte ich meinen Heimweg nach ihm und rückte ihn dann in die Mitte meines Fadenkreuzes“, erzählt der Lehrer begeistert aus seiner Schülerzeit. „Meine Mutter musste dann irgendwann anhalten, und ich erkundigte mich nach den Besitzern des Käfers.“

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Käfer Love von klein auf mit langem Atem

Was folgte, war monatelanges Rasenmähen. Donald sollte das nötige Geld für den Käfer selbst aufbringen, und so reservierte er den Volkswagen erst einmal für sich. Als er die Summe schließlich beisammen hatte, holten sie den Käfer zu sich nach Hause, und Donald begann mit seinem Vater – einem ebensolchen VW-Fan – das Fahrzeug von Grund auf zu restaurieren. Während andere Jungs zum Baseballtraining gingen, schraubte Donald an diesem runden Gefährt, das für ihn zum Lebensmittelpunkt wurde.

Zu einer emotionalen Beziehung gehören auch Tiefpunkte, die man gemeinsam überwinden muss. So passierte es, dass Donald auf seiner letzten Fahrt vor dem Einmotten im Winter beim Abbiegen jemand in die linke Seite fuhr. Die Kotflügel waren hin und der Rahmen verzogen. Donald selbst kam mit einem Schrecken davon. „Den Moment werde ich nicht vergessen. Wir wohnten in einer idyllischen New Yorker Siedlung, in der eigentlich nicht viel Verkehr war. In der letzten Kurve vor der Garage passierte es dann. Gordy war im Grunde schrottreif, doch mein Vater, ein paar seiner guten VW-Freunde und ich bekamen ihn am Ende wieder hin, und heute steht er hier“, freut sich Morisette und lehnt sich an die geöffnete Tür des freundlichen Volkswagens.

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Käfer Love an der Highschool

„Als ich an der Highschool anfing und uns eine kleine Werkstatt zur Verfügung gestellt wurde, war der Käfer bald Mittelpunkt der ganzen Highschool“, erzählt Donald. Cadillacs und Mustangs war man hier gewöhnt, doch der kleine Wolfsburger fiel sofort auf und erzeugte Sympathie. Das Gesicht der Thomas-Edison-Schule ist äußerst multikulturell geprägt. Vielleicht ist auch das mit ein Grund, dass der kleine deutsche Wagen mit offenen Armen empfangen wurde. Miteinander macht stark. So denken sie hier. „Und das, obwohl Donald Trump nur fünf Minuten von hier aufgewachsen ist“, ergänzt Morisette mit einem zwinkernden Auge.

Aaron, ein Afroamerikaner und Student von Morisette, ist besonders an dem Käfer interessiert. „Ich unterrichte heute in Bremsen und Federung“, erklärt Morisette. „Die Technik des Käfers ist besonders einfach, das meiste liegt noch frei zugänglich. Schaut euch im Vergleich dazu hier den Mustang an“, sagt Donald, während ein paar interessierte Studenten in die High-School-Werkstatt kommen. „Wann hörte Volkswagen eigentlich auf, den Käfer-Motor hinten zu montieren? Total schade“, sagt Aaron.

Donalds Käfer wird vielleicht nicht immer von Fachkräften gewartet, dafür ist aber viel Leidenschaft im Spiel. „Meine Schüler probieren sich an ihm aus, und Gordy lässt so einiges über sich ergehen“ schmunzelt Morisette, während er dessen rechten Kotflügel sanft klopft.

Die Strapazen sieht man Gordy wirklich nicht an. Den beiden flatterte sogar schon eine Einladung zum Charity Concours d’Elegance ins Haus. Und Morisettes mechanisches Know-how machte sogar in den Straßen von Uganda seine Runden. „Auf einer Abenteuerreise mit meiner Frau Amy reparierte ich unser Fahrzeug mehrmals. Irgendwann dann auch mal ein liegen gebliebenes Auto für einen Einheimischen. In dem Land liegen so viele Schätze verborgen. Auch viele Käfer!“, schwärmt Morisette, der nun die Tore seiner High-School-Werkstatt schließt und sich wieder auf den Weg nach Manhattan macht.

„Der Verkehr hier in New York ist manchmal wirklich ein Graus. Dieses ständige Stop and Go. Gordy macht das weniger aus als mir.“ Hängt man sich auf der Straße hinter die beiden, können sich dann auch ruhig ein paar andere amerikanische Schlitten dazwischenklemmen. Das runde Dach verliert man so schnell nicht aus den Augen. Sogar das Boxer-Brummeln braucht man nicht zu hören. Das Duo ist ganz einfach an den Schlangenlinien auszumachen, die es über die Brooklyn Bridge hinweg zeichnet. Die beiden weichen den tiefen Schlaglöchern des maroden Highways aus. Gemächlich fließt der Hudson River unter ihnen, ruhig liegt die Skyline von Big Apple hinter ihnen. Vor ihnen liegen hoffentlich noch viele wundervoll aufregende Fahrten.


„Einsatz in Manhattan“ ist im Buch „Käfer Love“ von Thorsten Elbrigmann bei Delius Klasing erschienen. Zahlreiche weitere spannende, abwechslungsreiche und nicht zuletzt emotionale Geschichte aus aller Welt finden sich in diesem Bilder- und Geschichtenbuch zum Lesen, Lachen und Träumen für jeden Käfer-Fan.

Thorsten Elbrigmann: Käfer Love, Delius Klasing, Bielefeld 2018

Käfer Love Delius Klasing 2018 Cover

1. Auflage 2018
ISBN 978-3-667-11402-0

Käfer Love ist im Buchhandel Ihres Vertrauens oder direkt bei Delius Klasing verfügbar.


Text Bastian Fuhrmann Fotos Theodor Barth

Autor: Delius Klasing

Delius Klasing zählt zu den führenden Special Interest-Verlagen Europas. 1911 in Berlin gegründet, blickt man am heutigen Unternehmenssitz Bielefeld auf mehr als ein Jahrhundert Verlagsgeschichte zurück. Das Programm umfasst etwa 1300 lieferbare Buchtitel, jährlich kommen etwa 120 Neuerscheinungen hinzu.

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