Jaguar XK 120 – Traum der Schönen und Reichen

Jaguar XK 120 Kaufberatung (39)

Mit sogenannten Traumwagen ist es so eine Sache, sie schweben irgendwo unerreichbar in der Ferne und jede Einschätzung beruht auf der optischen Erscheinung und was andere erlebt, gesagt und geschrieben haben. Zur Jaguar XK 120 Kaufberatung bot sich nun die Gelegenheit, der Raubkatze auf den Zahn zu fühlen.

Schneller Sportwagen für die Schönen & Reichen

Als Außenstehender hat man eigentlich nur diese beiden Möglichkeiten, sich von der Begeisterung anstecken zu lassen oder unbeteiligt zu bleiben. Oder es ergibt sich doch einmal eine Gelegenheit, ein paar Runden mit dem Fahrzeug zu drehen und sich selbst ein Bild zu machen. Der Jaguar XK 120 gehört zu dieser Art von Autos, die eine Aura umgeben, von Filmstars gefahren wurden und die vermutlich drei von vier Enthusiasten als „Traumauto“ bezeichnen.
Offengestanden hatte mich das Fahrzeug immer recht kühl gelassen. Zweifellos ein besonderes Fahrzeug, die Formen, der Motor, die Geschichte. Aber ich hatte es für mich immer in die Kategorie „unbedingt mal fahren, aber nicht besitzen wollen“ eingeordnet. Wie also begegnet man diesem entrückten Engländer? Mit Vorfreude, Ehrfurcht oder einfach ganz sachlich?

Der Anfang ist überraschend leicht. Die elegante Roadster-Linie versprühen fraglos ihren Charme, das helle „Pastel Blue“ in Kombination mit dem braunen Leder sieht nicht minder betörend aus. Aber das Kleid muss nicht nur schön aussehen, es muss auch gut passen. Und da verhält sich das Auto tatsächlich wie ein Designerstück, was nur auf zarte Modelkörper passt. Über 1,80 Meter wird es eng und auch der Körperumfang sollte eher nach Laufsteg als nach Eckkneipe aussehen. Wenn man aber in der Lage ist, sich unversehrt dicht hinter das weit in Richtung des Fahrers gestreckte Lenkrad niederzulassen, passt die Haute Couture ganz ausgezeichnet.

Jaguar XK 120 Kaufberatung – Starkes Herz in schöner Hülle

Der schöne Schein ist aber nur ein Bestandteil, viel wichtiger für die Jaguar XK 120 Kaufberatung ist, was sich unter der Haube abspielt. Und da springt sehr willig der Reihensechszylinder an, der eigens für den XK 120 entwickelt wurde. 3,4 Liter Hubraum, zwei obenliegende Nockenwellen, 120 kW und 162 PS Leistung sind nur die nüchternen Zahlen. Was sich dahinter verbirgt, muss man einfach erfahren und mit allen Sinnen wahrnehmen. Da ist der Klang, der mehr nach den drei englischen Löwen klingt als dem stillen Fauchen einer Raubkatze.
Dominant, aber nicht aufdringlich; sonor, aber nicht aggressiv. Dazu sorgt der Motor für einen allzeit ausreichenden Vortrieb. Gerade wenn man sich das Baujahr 1950 vor Augen hält, wirklich ein bemerkenswertes Aggregat. Die Schaltung verlangt ein beherztes Zugreifen, wenn man aber die Ehrfurcht vor dem automobilen Kulturgut etwas verliert, kommt man mit der Viergangschaltung gut zurecht. Wobei Ehrfurcht und etwas Respekt vor der betagten Technik durchaus angebracht sind, mitunter auch etwas Skepsis. Dann erspart man sich den peinlichen Moment, nach wenigen einhundert Meter mit leerem Tank stehen zu bleiben, weil man nur halb sorgfältig auf die Tankanzeige schaut, die eine sehr freie Interpretation von akutem Benzinmangel von sich gibt.
Ansonsten empfiehlt es sich lediglich, sich immer mit der gebotenen Demut dem Jaguar zu nähern. Fahrwerk, Bremsen und beim gefahrenen Exemplar auch die Reifen, fordern ein vorausschauendes und vorsichtiges Herantasten. Das Heck war bei der Probefahrt doch reichlich nervös, was natürlich für großen Fahrspaß stehen kann, aber brenzlige Situationen sollte man damit auch nicht provozieren. Die Trommelbremsen verzögern doch sehr bedächtig, das sollte man auch wissen, bevor man allzu dicht auf den Vordermann auffährt. Wenn man aber mit dem nötigen Respekt und der gebotenen Weitsicht, auch auf die Erhaltung des Wagens bezogen, den XK 120 bewegt, kann er ein Fahrzeug für weit mehr als nur die ganz besonderen Momente sein. Die nachhaltige Erfolgsgeschichte des XK 120 ist vor allem deshalb beachtlich, weil sie weniger einem von langer Hand geplanten und durchdachten Konzept folgte, sondern mehr oder minder ein Zufallsprodukt war.

Jaguar XK 120 Kaufberatung – Auferstanden aus Ruinen

Als Jaguar, Großbritannien und gerade Coventry, die schwer getroffene Heimatstadt Jaguars, unter dem Krieg und den Kriegsfolgen zu leiden hatten, entwickelte Jaguar-Gründer William Lyons mit seinen Ingenieuren William Heynes, Walter Hassan und Claude Baily einen neuen Motor. Eigentlich war er für eine neue Limousine gedacht, die 1948 auf den Markt kommen sollte. Doch je näher der geplante Premierentag rückte, desto mehr wurde Lyons klar, dass die Produktion der Karosserien nicht realisierbar war. Um den Motor dennoch präsentieren zu können, entwickelte der findige Unternehmer einen Alternativplan, einen auf dem Limousinen-Chassis basierenden Roadster.

Auch wenn Lyons von Hause aus kein Designer war, gelang ihm eine zeitlose, elegante Roadster-Linie. Es ist gewiss keine allzu kühne These anzunehmen, dass die geplante Limousine wohl kaum so eine begeisterte Resonanz gebracht hätte, wie dieser charmante Zweisitzer. Zunächst erschien der „Open Two Seater“ als Kleinserie geplant mit Aluminium-Karosserie auf einem Eschenholz-Rahmen.

Als sich abzeichnete, dass die Nachfrage das Angebot von 240 Exemplaren bei weitem übersteigen sollte, wurde der XK 120 mit einer Stahlkarosserie gebaut. Mit 7.373 gebauten Fahrzeugen ist der OTS die häufigste Variante. 1951 folgte die geschlossene Variante, das Fixed Head Coupé, von dem nur 2.678 Exemplare gefertigt wurden. Nur ein Jahr lang in der Produktion und damit am seltensten anzutreffen ist das Drop Head Coupé. Nur 1.767 DHC-Modelle mit gefüttertem Stoffdach verließen das Werk.

Jaguar XK 120 Kaufberatung – Fazit

Es mag allzu oberflächlich klingen, ist aber nunmal ein großer Teil der Wahrheit: Mehr noch als technischer Zustand und Portemonnaie entscheiden Größe und Umfang darüber, ob Sie in einem Jaguar XK 120 gut aufgehoben sind oder nicht. Wenn Sie deutlich größer sind als 1,80 Meter und ein gewisses Wohlstandsbäuchlein vor sich herschieben, passen Sie schlicht nicht ins Auto. Auch wenn die Abmessungen des Autos anderes vermuten lassen, im Cockpit sind die Platzverhältnisse äußerst beschränkt. Die Beine müssen in den Fußraum eingefädelt werden und das Volant hängt derart dicht vor der Brust, dass jeder Millimeter Bauchumfang sich sogleich rächt. Allerdings gibt es kaum einen besseren Antrieb abzunehmen, als das bequeme Sitzen im XK 120 als Ziel zu haben. Zum Schalten wären allerdings dicke Oberarme hilfreich, die Viergangschaltung mit unsynchronisiertem ersten Gang ist wohlwollend als schwergängig zu bezeichnen. Aber auch daran gewöhnt man sich. Technisch gibt es allerdings wenig zu beanstanden, wenn das Fahrzeug gut gepflegt und der Reihensechszylinder nicht durchweg mit hoher Drehzahl bewegt wurde. Er sondert zwar durchaus gerne mal den einen oder anderen Tropfen Öl zu viel ab, was aber keine allzu große Beunruhigung mit sich bringen sollte. Das leidige Thema Rost sollte bei der Begutachtung aber eine Rolle spielen. Die Querlenker-Befestigungen und den Bereich der hinteren Blattfederaufnahmen sollte man sich genau anschauen, neben den allgemeinen Problemzonen wie Kotflügel, Radläufe, Türkanten und Lampentöpfe. Wobei die Ersatzteilversorgung fast typisch für englische Fahrzeuge sehr gut ist. Die Nachfertigungen sind zumeist auch preislich im Rahmen.

Bei einer Jaguar XK 120 Kaufberatung kann man den Blick auf den finanziellen Aspekt nicht außen vor lassen: Was den aktuellen Kaufpreis eines XK 120 betrifft, ist der Rahmen durchaus weit gefasst. Für einen OTS oder DHC kann man im sehr guten Zustand schon mit 130.000 EUR rechnen. Sollte es sich um das frühe Aluminium-Modell handeln kann der Preis deutlich höher liegen. Das Preisgefälle bei Fahrzeugen mit schlechterem Zustand ist beachtlich, mit Zustandsnote drei kann der Verkäufer durchaus auch nur circa die Hälfte aufrufen. Dabei sollte man aber stets überschlagen, was die nötigen Arbeiten am Fahrzeug an zusätzlichen Kosten verschlingen werden. Das Fixed Head Coupé liegt preislich etwa 20 Prozent unter den offenen Varianten.
Nach einem sonnigen Nachmittag auf Brandenburgs Straßen hat sich der Nebel um das mysteriöse Traumauto etwas gelegt. Die Gefahr der Unerreichbarkeit bleibt allein durch den Preis, die Abmessungen und Nutzbarkeit. Aber zumindest konnte ich den XK 120 tatsächlich „erfahren“ und nachvollziehen, warum Clark Gable sich einen der ersten je produzierten sicherte und warum aus der angedachten Kleinserie einer der automobilen Meilensteine wurde.

Fotos Sven Wedemeyer / Wheels of Stil

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.