Ist der Mercedes-Benz W 126 die beste S-Klasse aller Zeiten?

Mercedes-Benz W 126 S Klasse 300 SE 1990 (27)

Der zeitlose Mercedes-Benz W 126 prägte die 80er-Jahre, chauffierte Politiker, Vorstände und Stars. Heute ist diese S-Klasse ein gefragter Klassiker. Tipps zum Kauf in der Classic Trader Kaufberatung.

Wenn Sie ein Modell als charakteristisch für die Marke Mercedes-Benz benennen müssten, welches wäre es? Der Ponton, die Pagode, der Flügeltürer? Gewiss sind das Meilensteine und herausragende Exemplare, aber sind sie wirklich exemplarisch für die Marke? Sicherheit, Eleganz und zurückhaltender Luxus sind drei der Punkte, die man als Markenkern des „guten Sterns auf allen Straßen“ bezeichnen kann. Da bleibt eigentlich nur ein Modell aus der S-Klasse-Familie übrig und es kristallisiert sich schnell heraus, dass zwischen der ersten offiziell so benannten „Sonderklasse“ und dem schwerfälligen W 140 eigentlich das Modell, das die 1980er-Jahre und die Zeit danach geprägt hat, die Baureihe W 126, das automobile Ebenbild der Marke ist.

Mercedes-Benz W 126 – Start in eine neue Epoche

Im September 1979 präsentiert Daimler-Benz auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main eine neue, die zweite Generation der S-Klasse, den Mercedes-Benz W 126. Diese bricht mit einigen Konventionen, entwickelt einige Aspekte des Vorgängers weiter und behält wiederum andere Eckpfeiler bei.

Die Erwartungen an den 126er sind nicht ohne: Ein deutliches Plus an Sicherheit und Fahrkomfort sollen mit einer deutlichen Verringerung des Verbrauchs einhergehen. Und so machen sich die Entwicklungsabteilung um Werner Breitschwerdt und der Leiter der Abteilung Stilistik Bruno Sacco daran, aus der S-Klasse ein Oberklasseauto der nächsten Dekade zu machen.

Ein kraftstoffsparendes Auto zu bauen ist auch dem Zeitgeist geschuldet. Die beiden Ölkrisen 1973 und 1979 hatten die Automobilbranche aufgeschreckt und zu einem Umdenken bewogen. Autos vom Schlage einer 116er-S-Klasse mit 6,9 Liter-Maschine sind nicht mehr gefragt. Ohne groß an Leistung und Prestige einzubüßen müssen Autos her, die sinnvoll und kostensparend bewegt werden können. Auf zwei Hauptfelder achtet Daimler-Benz genauer: Gewichtsersparnis und Verbesserung des Luftwiderstands. Letzteres erzielt man bei Tests im Windkanal, indem der Luftwiderstandswert von 0,41 cw (W 116) auf 0,36 cw (W 126) sinkt. Der Wert ist nicht nur eine Zahl, er zeigt sich auch nach außen mit einer eleganteren, fließenderen Linie. Das Gewicht wird durch die Verwendung von leichteren Materialien im Innenraum und der Karosserie gesenkt. Vor allem unter der Haube erzeugt der Wechsel von Graugussmotoren zu leichten Motoren eine deutliche Einsparung. Insgesamt ist durch alle Motorvarianten eine Gewichtsersparnis von circa 10 Prozent möglich.

Sicherheitsinnovationen gehen beim Mercedes-Benz W 126 in Serie

Leichtbau heißt bei Mercedes nicht zwangsläufig Einbußen bei der Sicherheit. Im Gegenteil, der Mercedes-Benz W 126 wartet bei Erscheinen und später bei der Modellpflege 1985 mit zahlreichen Sicherheitsinnovationen auf, die einerseits auf den ersten Blick ersichtlich sind, andererseits aber auch im Bereich der passiven Sicherheit im Verborgenen Maßstäbe setzen. Das zuvor beim der S-Klasse W 116 präsentierte Anti-Blockier-System ist natürlich auch im Nachfolger erhältlich.
Ab der Modellpflege, oder auf gut-schwäbisch, MoPf 1985 ist für die V8-Modelle auch die Fortentwicklung Antriebs-Schlupf-Regelung (ASR) als Sonderausstattung verfügbar. Das ASR greift durch gezielten Brems- und/oder Motormanagementeingriff ein, wenn die Antriebsräder anfangen durchzudrehen. Der Fahrer-Airbag hält in Verbindung mit dem Gurtstraffer ab 1981 Einzug in die S-Klasse, ab 1988 ist auch der Beifahrer-Airbag verfügbar.

Die „heimlichen“ Neuerungen sind aber genauso langfristig gesehen die Lebensretter der Autofahrer. Karl-Heinz Baumann, Leiter der Abteilung Passive Sicherheit, sorgt mit seinem Team für ein generelles Umdenken, nicht nur bei Mercedes. Während bei Crashtests stets nur der direkte Frontalaufprall getestet wurde, stellt sich Baumann die Frage über die Sinnhaftigkeit dieses Tests. In der Realität reagieren Autofahrer normalerweise vor dem Aufprall und versuchen beispielsweise auszuweichen. Und so testet man bei Mercedes-Benz – und später bei allen anderen Herstellern – nach Offset Crash-Maßstäben, man stellte also einen asymmetrischen Frontalaufprall nach. Das erfordert natürlich auch in der Rahmen- und Karosserie-Architektur ein Umdenken. So verordnet Karl-Heinz Baumann dem Mercedes-Benz W 126 eine Rohbaustruktur des Rahmens mit einem Gabelträger, der die Energie bei einem versetzten Frontalaufprall viel besser kanalisieren kann als bei vorherigen Modellen.
Beim Erscheinen der Mercedes-Benz S-Klasse W 126 wird das Modell mitunter als allzu sachlich und schmucklos empfunden. Gerade die rundherum angebrachten zunächst geriffelten, später glatten, Kunststoffplanken, die spöttisch als Sacco-Bretter bezeichnet werden, entsprechen nicht dem gängigen Ideal von Oberklasse. Aber gerade diese Sachlichkeit macht diese S-Klasse umso mehr zeitlos. Die Chrom-Stoßstangen der Vorgänger wurden durch verformbare Kunststoff-Stoßfänger ersetzt, um auch Parkrempler unbeschadet überstehen zu können.

Kauftipps Mercedes-Benz W 126 – Karosserie

Bei einer Begutachtung des Zustandes der Karosserie gilt es, einige Partien genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Karosserieschutz ist gemeinhin ganz gut, wobei im Vergleich zu anderen Herstellern die Vollverzinkung zu der Zeit bei Mercedes-Benz noch nicht üblich war. Lediglich ab der zweiten Serie, erkennbar unter anderem an den glatten „Sacco-Brettern“ ist die Karosserie teilverzinkt.

Die Scheinwerfertöpfe sollen genau betrachtet werden, dort ist Wassereinbruch nicht selten. Ebenso sollten Radläufe und Schweller überprüft werden. Die Abdeckung durch die Kunststoffplanken und die gerne eingesetzten Chromleisten über den Radläufen verbergen oft Roststellen. Zwei besonders gefährdete Bereiche sind die Türen und der Heckscheibenrahmen. Da beide Stellen in der Reparatur aufwändig und teuer werden können, ist dort besondere Vorsicht geboten. Ebenfalls können die Bodenwannen, wenn auch eigentlich ganz gut geschützt, recht kostenintensiv in der Reparatur sein. Daher lieber einmal mehr den Teppich anheben, um nachzusehen, ob nicht doch etwas Feuchtigkeit eingedrungen sein könnte.

Kauftipps Mercedes-Benz W 126 – Motor

Als Benzin-Motorisierung steht potentiellen Käuferinnen und Käufern eine breite Palette von Reihensechszylindern und V8-Motoren mit mindestens 156 PS (280 S der ersten Serie) bis 300 PS (560 SE, SEL oder als Coupé SEC ohne Katalysator) zur Auswahl. Mit dem 280 S gibt es lediglich ein Modell mit Vergasermotor. Diese Variante war zu seiner Zeit vor allem in Ländern gefragt, in denen kein gute Werkstattabdeckung zur Wartung der Einspritzanlage verfügbar war. Alle weiteren Benziner haben eine Saugrohreinspritzung, zunächst eine mechanische Bosch K-Jetronic, später auch KE-Jetronic.

Für den Export in die USA und Kanada wurden zudem vier verschiedene Dieselmodelle angeboten, der 300 SD Turbodiesel mit dem Reihenfünfzylindermotor OM 617 (121 oder 125 PS) sowie der Sechszylinder OM 603 mit 3 oder 3,5 Litern Hubraum und 136 bzw. 150 PS. Diese Modelle waren seinerzeit nicht in Europa verfügbar, heute sind sie als Reimporte durchaus wieder hierzulande auf dem Markt. Bei der Zulassung gilt es, hiesige Standard zu erfüllen.

Bei den Modellen der ersten Serie war noch kein Katalysator verfügbar, ab 1985 war ein geregelter Kat als Sonderausstattung bestellbar, ab 1986 Serie. Ohnehin sind die Motoren nach der Modellpflege alle für die Katalysatortechnik vorbereitet, man konnte und kann sie heute noch nachrüsten, wenn es nicht ohnehin schon ab Werk verbaut ist. Fahrzeuge ohne Katalysator tragen die Zusatzbezeichnung RÜF (Rückrüstfahrzeug). Die jeweilige RÜF-Version ohne Kat blieb aber bis 1989 als Sonderausstattung erhältlich. Vermutlich der einzige Sonderwunsch, bei dem Mercedes den Kaufpreis minderte und nicht noch ein paar Mark zusätzlich in Rechnung stellte. Die RÜF-Versionen wurden auch deshalb weiterhin angeboten, weil die Versorgung mit dem benötigten bleifreien Benzin nicht flächendeckend sichergestellt war, gerade im Ausland.

Mercedes-Benz W 126 S Klasse Motor M 117

Die Wahl des Motors richtet sich nach persönlichem Geschmack und Erwartungen an die Leistung. Die kleinsten Sechszylinder bewegen die S-Klasse ordentlich, für beherztes Bewegen sind die größeren Motoren aber durchaus ratsam. Sowohl Reihen-Sechszylinder M110 und später M103, als auch die V8-Motoren M116/M117 gelten aber als sehr robust und langlebig. Laufleistungen von mehr als 250.000 Kilometern können erwartet werden, die 500.000 Kilometer sind aber auch problemlos möglich und belegt, angemessene Wartung vorausgesetzt. Einzelne Motorkomponenten sind natürlich dem Alterungsprozess unterworfen und werden sich früher oder später bemerkbar machen und erfordern eine Reparatur. So halten die Ventilschaftdichtungen nicht ewig, die Hydrostößel können tackern, der Luftmassenmesser der Einspritzanlangen und das Zündsteuergerät sind defektanfällig. In Relation betrachtet stellen die einzelnen Schwachpunkte aber keine schwerwiegende Problematik da.

Bei den Motoren handelt es sich um solide Aggregate, die zu einem nicht geringen Bestandteil das Renommee von zuverlässiger deutscher Wertarbeit made in Untertürkheim begründete.

Bei der Auspuffanlage beziehungsweise beim Katalysator gibt es Qualitätsunterschiede. Die Serienanlagen sind am zuverlässigsten, bei nachgerüsteten Anlagen könnte es Einschränkungen geben. Das Getriebe ist mindestens so zuverlässig wie der Motor, sowohl das Schaltgetriebe, das in den Sechszylindermodellen verfügbar ist, als auch die Automatik. Öl- und Filterwechsel sollten schon regelmäßig erfolgen, aber ansonsten sollten die Getriebe mit dem Autoleben mithalten.

Bei Fahrwerk, Kardanwelle, Lenkung und Bremsen sind Verschleißteile und Dichtungen zu überprüfen. Die Ersatzteilversorgung und die gute Abdeckung an fachkundigen Werkstätten sollten aber nicht für allzu große Bauchschmerzen sorgen.

Mercedes-Benz W 126 S Klasse 300 SE Motor (8)

Kauftipps Mercedes-Benz W 126 – Interieur

In den 1980er-Jahren bewegt man sich in einem Feld, wo selbst Oberklasse- Limousinen nicht zwangsläufig mit allem Pipapo ausgestatten waren. Da musste man in der Niederlassung seines Vertrauens noch viele Häkchen mit dem schweren Füllfederhalter auf das Bestellformular setzen, um eine gut ausgestattete S-Klasse zu bekommen. Lederausstattung, Klimaanlage, Automatikgetriebe, elektronische Helferlein; alles war nur auf Wunsch und gegen gutes Geld verfügbar. Heute kann dies durchaus ein Plus bedeutet, es gibt einfach weniger unausgereifte Technik, die kaputt gehen könnte. Zumeist sind die elektrischen Anschlüsse ohnehin reparaturfreundlich verbaut, zusätzlich zur Mercedes- typischen guten Verarbeitung ein großer Pluspunkt. Dennoch sollten die vorhandenen Extras auf Funktionstüchtigkeit überprüft werden, eine Reparatur kann teuer werden.

Fazit Mercedes-Benz W 126

Der Mercedes-Benz W 126 wurde zwölf Jahre lang gebaut, eine gerade aus heutigem Blickwinkel wahnsinnig lange Produktionsspanne. Insgesamt 818.036 Limousinen liefen über das Band, mit 133.955 Fahrzeugen ist der 280 SE die häufigste Variante. Dazu kommt noch der C 126, das elegante Coupé. Damit ist der Mercedes-Benz W 126 das erfolgreichste Modell der Ober- und Luxusklasse mit Stern. Nicht nur während des Produktionszeitraum, auch darüber hinaus erfreute sich die S-Klasse W 126 großer Beliebtheit. Selbst als der W 140, der schwerfällige Nachfolger, auf den Markt kam, setzten viele Staats- und Regierungschefs auf den 126er. Und wie es sich für eine Oberklassemodell gehört, wurden sie im Laufe der Zeit eher gehegt und gepflegt als im Alltag auf der Kurzstrecke verheizt zu werden. So gibt heute der Markt ein vielfältiges und durchaus reichhaltiges Bild ab. Von verbastelten, aufgemotzten Exemplaren, über Re-Importe aus Japan und den USA bis zum Rentnerfahrzeug aus erster oder zweiter Hand ist alles verfügbar. Der Preisrahmen reicht somit von 5.000 EUR für restaurierungsbedürftige Exemplare bis zu 50.000 EUR für sorgfältig restaurierte oder gut konservierte Modelle mit geringer Laufleistung und dem Achtzylinder.

Mercedes-Benz W 126 S Klasse 300 SE (19)

Am Beispiel der S-Klasse Baureihe W 126 lässt sich ablesen, wie sehr Wertigkeit und zeitlose, elegante Formensprache den Alterungsprozess eines Fahrzeuges zwar nicht aufhalten, aber gefühlt verlangsamen können. Gleich ob 1980, 1995 oder heute, der Mercedes-Benz W 126 gibt auf dem Straßenbild – ein angemessener Zustand vorausgesetzt – eine gute Figur ab. Einerseits hebt er sich als Oberklasse etwas ab, anderseits erscheint er in jedem Kontext durchaus gefällig. So verwundert es nicht, dass so in den vergangenen Jahren der Markt für den W 126 angezogen ist. Und es spricht momentan wenig dagegen, warum der Reiz dieser S-Klasse-Baureihe in naher Zukunft nicht noch weiter zunehmen sollte.

Fotos Hans-Dieter-Seufert, Dino Eisele / Daimler AG

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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