Im BMW 328 Mille Miglia Roadster durch Italien

BMW 328 Mille Miglia Roadster 1

Die Bayerischen Motorenwerke waren einst gezwungen, Motorräder und Automobile wie den BMW 328 Mille Miglia Roadster zu produzieren. Der eigentliche Grund war die Herstellung von Flugzeugmotoren. Und wo in München-Milbertshofen heute Autos der 3er-Reihe gebaut werden, war damals ein Flughafen.

Als der Vertrag von Versailles unterschrieben wurde, war es vorbei damit. Keine 10 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges stellte die Firma einen veritablen Sportwagen vor, der alles, was zeitgenössisch gebaut wurde, in Grund und Boden fuhr. Der BMW 328 ist die motorsportliche DNA für die Bayern. Auch wenn die meisten der 454 Exemplare in Eisenach gefertigt wurden. Nur die sechs Silberlinge entstanden. Und die wurden legendär. Hätte BMW wie geplant, nach dem Krieg auf die Weiterentwicklung gesetzt, wäre die Pleite, die aufgrund der großen Achtzylinder (501/503/507) eintrat, wohl ausgeblieben.

Silberlinge und Bügelfalten

Denn die bis zu 136 PS starken und nur ca. 700 kg leichten Aluminiumautos, die man für den Rennsport baute, waren Technologieträger. Sie sollten weitgehend dem Nachfolger des legendären Sportwagens entsprechen. Und die schönsten von den “Silberlinge” genannten Autos waren natürlich die insgesamt 3 BMW 328 Mille Miglia Roadster. BMW hatte schon einen in München gebaut, den man wegen seines Hüftschwungs die “Bügelfalte” nannte. Würde der Wagen heute gebaut, spräche man von Space Frame Technik. Denn der Wagen hatte nicht wie damals üblich einen schweren Rahmen, auf dem die Karosserie ruhte sondern ein Gitterrohrrahmen, auf den dünne Alu-Bleche aufgetragen wurden. Eine Methode, die Mercedes-Benz 14 Jahre später beim 300 SL Flügeltürer anwenden sollte.

Auch die Form der Karosseriegestaltung war innovativ. Traditionell liefen ja nicht ganze Autos vom Band sondern nur Holz- oder Metallrahmen mit Fahrwerk und Motor. Karosseriefirmen bauten dann nach eigenen Vorstellungen einen Aufbau. Während der Entwicklungszeit der Roadster und der anderen “Silberlinge” genannten Renn-Versionen hatte BMW bereits 1936 ein “Büro für künstlerische Gestaltung” unter Wilhelm Kaiser eingerichtet, das auch für das atemberaubende Design des BMW 328 Mille Miglia Roadster verantwortlich war. Das betörende Design war leider nicht so stromliniengünstig wie es aussah! Aber der Wagen schaffte doch immerhin 200 km/h. Für damalige Zeiten unglaublich.

Wenn man das Glück hat, dieses rollende Kulturgut, den Kern bayerischen Automobilbaus auch noch auf der Mille Miglia zu fahren, kann man sein Glück kaum fassen. Allerdings hat der Designer vor den Einstieg eine Turnübung gesetzt. Die kleinen Luken, die als Türen herhalten sollen, sind mehr als Stolperfallen. Gestützt auf Heck oder Kotflügel muss der Fahrer sich in den Wagen hinein hieven. Dort passt dann alles wie in einem modernen Auto. Der Schaltknüppel liegt gut zur Hand, die Instrumente auf dem Aluminium-Armaturenbrett sind gut ablesbar und das große aber dünne Lenkrad liegt gut in der Hand.

Sechszylinder-Zweiliter und Alu- Zylinderkopf im BMW 328 Mille Miglia Roadster

Der Sechszylinder-Zweiliter, Urkern bayerischen Automotorenbaus, versehen mit einem komplizierten Alu-Zylinderkopf springt an. Einfach so. Als ob man gerade mit seinem Alltagsauto aus der Garage fährt. Das Drehmoment ist unerwartet gut, aus jedem Gang lässt sich der leichte Wagen spielend beschleunigen. Wenn da nicht die Drehfreude wäre, die das Aggregat ausstrahlt und einen geradezu verführt, das ehrwürdige Aggregat in ungesunde Höhen zu treiben. Und die 1600 km durch Italien sind für dieses ehrwürdige Auto auch so schon eine Tortur.

Dünne Reifen und niedriges Gewicht

Dass BMW den Wagen auf der freien Wildbahn einsetzt, ist wahre Pflege automobilen Kulturgutes. Denn die Zuschauer, die auf der Mille auf dem Campingstuhl den 450 Autos alleine im Dunkeln trotzdem zujubeln wie diejenigen, die auch noch nachts auf den Marktplätzen stehen, um die Fahrer und ihre Wagen zu feiern. Das ist ein Fanal für den automobilen Selbstfahrer, der das Auto als Fanal der Freiheit begreift.

Der BMW 328 Mille Miglia Roadster und die italienische Landstraße verhalten sich symbiotisch zueinander. Zwar lässt das Auto den Fahrer jede Bodenwelle spüren, dafür klebt der Wagen mit seinen dünnen Fahrradreifen förmlich an der Straße wie ein moderner Sportwagen. Seinen Wettbewerbsvorteil gegenüber zeitgenössischen Sportwagen spielt er auch hier aus: Es ist sein niedriges Gewicht von nur 700 kg. Vor dem Krieg waren Fahrdynamik und Fliehkräfte noch unbekannt. Man glaubte, dass Autos je besser auf der Straße lagen, je mehr Gewicht sie auf die Straße brachten.

Der BMW 328 Mille Miglia Roadster ist die Antithese, die den Irrtum nachweist. Schon das Basismodell fuhr auf der Rennstrecke Kreise um die Konkurrenz. Sechs Alu-Autos entstanden insgesamt. Die meisten beim italienischen Karosserie-Bauer Touring, der über das spezielle Know-how verfügte, solche Alu-Karossen zu produzieren. Bei der Mille Miglia 1940 erfolgte dann der Roll-Out.

Fünf Silberlinge gehen an den Start. Drei Roadster und zwei Coupés treten an zum Triumph. Am Ende siegt Huschke von Hahnstein im Kamm-Coupé (benannt nach dem Stromlinien-Papst) mit einem Schnitt von 166,723 km/h auf gewöhnlichen Italienischen Straßen. Man holt den Mannschaftssieg und unser Roadster wurde damals dritter.

Ein heißer Feger. Und das kann man wörtlich nehmen. Die Abwärme des Motors führt im Fußraum zu brandheißen Temperaturen. Ich habe am ersten Tag Blasen unter den Füßen. Und meinem Mitbewohner sind die Schuhe geschmolzen. Bei dem Glück, ein rund 10 Mio. Euro teures Kulturgut zu bewegen, ist das zu verschmerzen.

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Fotos Uwe Fischer, Hardy Mutschler / BMW AG

Autor: Carl Christian Jancke

Carl Christian Jancke ist Publizist (u.a. Handelsblatt, CICERO, WELTN24 Gruppe) und Analyst für die deutschsprachigen Märkte bei der Historic Automobile Group International (HAGI), die monatlich die Preisentwicklung historischer Automobile mit der HAGI-Index-Familie und dem Mercedes-Benz-Classic Index anhand von realen Verkäufen misst.

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