Goodwood Revival und LeJog – British Car Culture at its best
Während ein Großteil der deutschen Klassiker-Liebhaber seine mobilen Antiquitäten eher nur bei Sonnenschein und ganz schonend bewegt, wird das im Vereinigten Königreich und seiner British Car Culture von vielen in der Szene ganz anderes gesehen. Zwei Paradebeispiele für diese These sind das Goodwood Revival und die Rallye LeJog, auch bekannt als „Land´s End to John O´Groats Trial“.
So unterschiedlich beide Veranstaltungen sind, haben sie dennoch einiges gemein. Beide sind so wohl nur in England denkbar – British Car Culture eben. LeJog gilt als eine der härtesten Klassiker-Rallyes Europas, und beim Goodwood Revival treten Klassiker bis Baujahr 1966 auf der traditionsreichen Rennstrecke ohne Rücksicht auf Verluste gegeneinander an – im Rahmen einer gigantischen Zeitreise.
Goodwood Revival – eine Zeitreise
Das Goodwood Revival wird seit 1989 jeden September ausgetragen. Es ist eine Reminiszenz an die „gute alte Zeit“, als die bis 1966 aktive Rennstrecke noch auf dem internationalen Terminplan stand und so ziemlich alle nationalen und internationalen Rennserien bis hin zur Formel 1 dort stattfanden.
Der Hausherr, der Duke of Richmond, betreibt für diese Veranstaltung einen gigantischen Aufwand. So werden die Teilnehmer an den Rennen sorgfältig ausgewählt, die Zahl prominenter Fahrer ist fast unüberschaubar und reicht von aktuellen und ehemaligen Rennfahrern und Weltmeistern bis zu Promis wie dem Pink Floyd-Drummer Nick Mason oder Mr. Bean, der im richtigen Leben als Rowan Atkinson begeisterter Klassikersammler und hervorragender Rennfahrer ist. Und die Rennen sind knallhart, häufig übertreffen die erzielten Rundenzeiten sogar die Zeiten, die gefahren wurden, als die Fahrzeuge aktuell waren.
Auf kaum einem anderen Oldtimerevent kann man so packende Rennen erleben, bei denen beispielsweise ein Lightweight E-Type und ein Ferrari GTO zehn Runden lang so knapp durch die Kurven driften, dass zwischen die Kotflügel kaum noch ein Stück Papier passt, oder eine Horde heissgemachter Renn-Minis sich in der Schikane gegenseitig überholt. Aber das Revival ist auch uneingeschränkt familientauglich: man kann sich dem Renngeschehen hingeben, oder flanieren und sich an der Bristish Car Culture m klassischen Ambiente ergötzen: Die meisten Besucher tragen die Mode vergangener Zeiten, tanzen zur Musik von Swing Bands, Rock´n´Roll-Kapellen oder Acappella-Gruppen. Ladies im Cocktailkleid mit Handschuhen und ausladenden Hüten erfreuen das Auge, Männer in breit geschnittenen Zweireihern verticken heimlich Zigarren, die sie in einem Kinderwagen verstecken, Mods und Rocker präsentieren sich und überall versammeln sich proper gekleidete Familien und Cliquen um den Picknick-Korb mit Sandwiches, Tee und Scones.
British Car Culture ist nur nur Rennsport, sondern auch das Rahmenprogramm
„Over the Road“, gegenüber der Rennstrecke, wartet ein grandioser Jahrmarkt mit historischen Karussells und unzähligen Händlern, die vom perfekt restaurierten Vorkriegs-Bentley über Autoteile, Antiquitäten, Kuriositäten und Kleidung praktisch alles anbieten, was man sich wünscht. Einige der Karussells sind so alt, dass sie mit Dampf betrieben werden!
Das nächste Goodwood Revival findet wieder im September statt. Tickets können auf der Homepage www.goodwood. com zu Preisen ab aktuell ca. 75€ für ein Tagesticket bestellt werden. Eile ist allerdings geboten, denn erfahrungsgemäß sind die Tickets meist schon Monate im Voraus ausverkauft.
LeJog – Gelobt sei, was hart ist!
Wer von legendären und anstrengenden Langstrecken-Rallyes für historische Fahrzeuge schwärmt, denkt vermutlich sofort an die Mille Miglia in Italien, doch LeJog-Teilnehmer können darüber nur mitleidig lächeln, gilt diese etwa 1000 Meilen lange Rallyestrecke für Klassiker bis Baujahr 1986 doch als die wohl härteste Prüfung für Klassiker und ihre Teams in Europa – und ist ein Sinnbild für eine andere Art von British Car Culture.
LeJog führt jedes Jahr Anfang Dezember von Lands End, dem südwestlichsten Punkt der Vereinigten Königreichs über Nebenstraßen, Schotterpisten, Wasserdurchfahrten, Feld- und Privatwege quer durch die Insel nach John O´Groats, dem nordöstlichsten Ort der Insel. Diese Strecke hat im Vereinigten Königreich eine Bedeutung wie die Route 66 für USA-Freunde. Sie wird mit Fahrrädern, zu Pferde, zu Fuß, mit Rollstühlen und Skateboards und eben mit Kraftfahrzeugen aller Art bewältigt.
Anders als auf dem Kontinent üblich, wird bei LeJog mit Karten und Fischgräten navigiert, zum Teil sogar mit Textaufschrieben mit Entfernungsangaben in Fuß und Yards, wie es in den 50er-Jahren in Großbritannien die Regel war. Ergänzt wird das durch etwa 25 Gleichmäßigkeitswertungen und 20 Sonderprüfungen.
Die erste Etappe der viertägigen Rallye startet morgens in Land´s End, das Etappenziel wird spät in der Nacht erreicht. Auch die folgenden Etappen sind nicht weniger anspruchsvoll, das gilt für die Navigation ebenso wie für die Prüfungen und das Durchhaltevermögen der Teams. Hinzu kommt der Zeitdruck, denn wer die tägliche Zeitvorgabe um mehr als 30 Minuten überschreitet, kann zwar weiterfahren, fällt aber aus der Wertung!
Auch aus Deutschland kommen sehr viele Teilnehmer, die diese Art der British Car Culture erleben möchten, darunter auch Marcus Pieper, der vor einigen Jahren mit einem Triumph TR 7 die Herausforderung LeJog annahm. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen und warum er trotz großer Strapazen und hoher Kosten gerne wieder einmal einen Klassiker in der Nacht durch Schlamm, Matsch und britisches Regenwetter navigieren würde.
Classic Trader
„Marcus, Warum wolltest Du LeJog fahren?
Marcus Pieper
„Das Konzept und die Erzählungen von mir bekannten Teilnehmern waren so faszinierend, das für mich feststand, diese auch zu fahren. Vor allem die Kombination aus Winter, Tag- und Nachtetappen, sowie der Länge waren der Reiz. Außerdem gibt es keine vergleichbare Veranstaltung in ganz Europa.“
Classic Trader
„Wie viele Fahrzeuge treten am Start an, wie viele davon erreichen das Ziel?“
Marcus Pieper
„Das Startfeld umfasst meist 70 bis 80 Fahrzeuge. Vom Vorkriegs-Bentley bis zum Porsche 911 ist alles vertreten. Die Ausfallquote liegt immer zwischen 30 und 40%, sei es wegen technischen Problemen, Selbstüberschätzung oder natürlich auch Unfällen.“
Classic Trader
„Wie ist das Fazit nach der Rallye?“
Marcus Pieper
„LeJog ist eine Rallye, die ihres Gleichen sucht. Und das nicht nur wegen der wirklich hohen Anforderungen, sondern auch wegen der typisch englischen Mentalität. Nur eine Anekdote dazu: In der ersten Nacht fuhren wir so gegen 2 Uhr früh über kleinste Straßen und Feldwege und standen plötzlich vor einem geschlossenen Weidegitter. Ich drehte um, doch dann sahen wir am linken Straßenrand einen alten Mann auf einem Stuhl sitzen.
Grinsend meinte er nur ganz trocken: „Ihr seid schon richtig, macht das Tor einfach auf, fahrt durch und schließt es bitte hinter euch wieder.“ Sowas gibt es nur im Vereinigten Königreich!“

Text Jörn-M. Müller-Neuhaus Fotos Marcus Pieper, Hero Events, Goodwood, Jörn-M. Müller-Neuhaus
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