Georg Jessen von Jessen Classic Cars im Classic Trader Portrait
In den Classic Trader Portraits stellen wir Ihnen regelmäßig ausgewählte Oldtimer-Händler und Personen aus der Szene vor. Diesmal mit Georg Jessen von Jessen Classic Cars.
Bitte stellen Sie sich und Ihr Unternehmen kurz vor. Was ist das Spezialgebiet von Jessen Classic Cars?
Ich bin Georg Jessen, Gründer und Geschäftsführer von Jessen Classic Cars. Ich komme aus dem Premium-Automobilvertrieb und habe über 25 Jahre lang unter anderem als Spezialist für Mercedes-Benz Geländewagen und als AMG Sales-Expert gearbeitet. Irgendwann habe ich gemerkt: Meine eigentliche Leidenschaft liegt bei den Autos, die mich schon als Kind fasziniert haben – Old- und Youngtimer.
Mit Jessen Classic Cars habe ich genau das zusammengebracht: meine Vertriebserfahrung und meine Liebe zu klassischen Fahrzeugen. Mein Fokus liegt auf Klassikern mit Geschichte, Charakter und solidem Wertpotenzial. Also Fahrzeuge, die Träume erfüllen, ohne unerschwinglich zu sein.
Was wir anbieten? Eine ehrliche, transparente Beratung, die individuelle Suche nach passenden Fahrzeugen, den seriösen An- und Verkauf – und für alle, die Klassiker als Investment sehen, auch ein Buy-to-Sell-Modell. Dabei geht es mir immer um den Menschen hinter dem Auto. Ein Klassiker ist keine rationale Entscheidung. Es ist eine Herzenssache. Ob Mercedes, BMW oder andere Marken: Für mich sind Old- und Youngtimer rollende Erinnerungen. Und genau dieses Gefühl möchte ich weitergeben – authentisch, zugänglich und mit dem Anspruch, für jeden das richtige Stück automobilen Lebensgefühls zu finden.
Unser Motto bringt es auf den Punkt: „Fahr deinen Traum.“ Und vielleicht beginnt dieser Traum genau hier.
Wann sind Sie dem „Virus“ klassischer Fahrzeuge verfallen? Gab es ein Schlüsselerlebnis in Ihrer Kindheit / Jugend, das Sie zum Oldtimer- und Youngtimer Enthusiasten gemacht hat?
Solange ich denken kann, haben mich Automobile fasziniert. In meiner Kindheit waren es die Alltagsautos der 1970er Jahre, die sich in mein Gedächnis eingebrannt haben. Egal, ob auf dem Schulweg, am Straßenrand, die Alfa-Romeo Giulia oder die Citroën DS, oder in der Verwandschaft der Ford Escord RS2000, der Porsche 911 der Nachbarn. Ich habe sie alle bewundert und es genossen, mitfahren zu dürfen.

Was mögen Sie an Ihrem Job am meisten – was am wenigsten?
Ich liebe es, wenn ich die Begeisterung in den Augen meiner Kunden sehe, sobald sie neben dem Auto stehen, für das sie sich interessieren. Der Höhepunkt ist der Moment, indem sie erkennen, dass sie ihr Auto gefunden haben und quasi schockverliebt sind. Mich macht es glücklich, dieses Gefühl über alle Kundengruppen hinweg zu spüren, egal wie alt sie sind, Mann oder Frau, vermögend oder nicht vermögend.
Als schwierig empfinde ich es, wenn Kunden bei einem Oldtimer- oder Youngtimer echte Patina nicht akzeptieren. Patina gehört für mich bei Klassikern dazu, sie macht den Charakter eines Fahrzeuges erst besonders.
Welche Marke(n) hat / haben es Ihnen angetan? Welches sind Ihre drei Lieblingsklassiker und warum?
Die Marken, die mich geprägt haben? Ganz klar die, die in meiner Kindheit und Jugend das Straßenbild bestimmt haben – und die ich teilweise selbst fahren konnte: Porsche, Mercedes-Benz, Volkswagen und Alfa Romeo.
Meine Lieblingsklassiker? Da habe ich drei ganz persönliche Favoriten:
1. Die Mercedes-Benz S-Klasse W 116.
Sie gehörte dem Vater eines Fußballmannschaftskameraden – und ich war völlig fasziniert von ihrer Qualität und dieser damals unerreichten Perfektion.
2. Mein grün-metallicfarbener VW Golf I GTI.
Ein 1,8-Liter mit 112 PS. Dieses Auto hat mich in irrwitzigem Tempo von Sonthofen zurück nach Schleswig-Holstein gebracht. Für mich war das pures Freiheitsgefühl.
3. Der Mercedes-Benz SLR McLaren.
Den durfte ich auf dem Lausitzring fahren, kurz nachdem er auf den Markt kam. Ein absolut außergewöhnliches Erlebnis, das man nie vergisst.
Was war das außergewöhnlichste Fahrzeug, mit dem Sie es bisher zu tun hatten?
Manchmal ist gar nicht das Auto entscheidend, sondern die Geschichte dahinter. Ich habe ein Mercedes-Benz 280 SE 3.5 Coupé von einem Kunden im Auftrag zum Verkauf bekommen. Das Auto hat seit 1971 weniger als 150 TKM zurückgelegt, kommt in der betörenden Farbkombination Kupfermetallic mit Leder Pergament und hat vier Vorbesitzer. Das wäre nichts besonderes, handelte es sich bei den letzten drei Besitzern nicht um Großvater, Vater, Sohn, die das Fahrzeug über 50 Jahre im Eigentum hatten und es immer „gehegt und gepflegt“ haben, so dass es jetzt würdig und wunderbar patiniert bei mir im Angebot steht. Besonders emotional war für mich, welche Gefühle der Eigentümer zeigte, als er mir das Fahrzeug überlies. Er gab mir das Fahrzeug in erster Linie nicht zum Verkauf, weil er damit Geld verdienen möchte, sondern weil er nicht mehr die Zeit hat, sich angemessen um das Wohlergehen dieses einzigartigen automobilen Kunstwerks zu kümmern. Wir werden es ganz sicher an jemanden verkaufen, der die Geschichte dieses Automobils zu schätzen weiß.
Thema Wertsteigerung / -erhalt: Auf welches Pferd sollte man jetzt setzen? Wie glauben Sie wird es mit der Wertentwicklung in den nächsten Jahren weitergehen?
Ich glaube, man muss gar nicht auf ein Pferd setzen – das ist viel zu exklusiv gedacht. Nach meiner Auffassung ist Wertentwicklung bei Young- oder Oldtimern gar nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr das Mehr an Lebensqualität und Freude, die man sich durch das Fahren eines solchen Fahrzeugs verschafft. „Fahr deinen Traum“ ist viel mehr wert, als die Maximierung der Wertsteigerung selbst.
Welches ist der aus Ihrer Sicht am meisten unterschätzte oder überschätze Klassiker und warum?
Grundsätzlich gibt es einige unterschätzte Klassiker. Einer davon ist für mich der Peugeot 205 GTI. Ein kleines, leichtes Auto mit einem starken Motor und tollem Fahrwerk, das sich fast wie ein Gokart fährt. Nur wenige gute haben überlebt, weil sie „halt gefahren wurden“. Überschätzt ist für mich – und jetzt werden mich viele für verrückt erklären – der Porsche 911. Ich denke, das ist ein wirklich tolles Auto, der Hype entsteht aber durch Spekulation. Es mag einige seltene Modelle des 911 geben, viele halte ich aufgrund der großen Anzahl für überschätzt.
Sehen Sie einen personellen Generationswechsel im Markt für klassische Fahrzeuge? Wenn ja, wie stehen Sie dazu?
Einen personellen Generationenwechsel sehe ich nicht. Vielmehr sehe ich zusätzliche Anbieter am Markt. Neben den klassischen Anbietern, die gefühlt hunderte Fahrzeuge anbieten und nach meiner Überzeugung die einzelnen Fahrzeuge gar nicht mehr kennen, gibt es in den letzten Jahren kleine und sehr feine Anbieter wie Garage 11, die Kultwagenhalle, STAS Motors oder mich, um nur ein paar zu nennen. Wir haben ein überschaubares Angebot und kennen jedes einzelne Fahrzeug. Natürlich müssen wir auch Geld verdienen, es geht uns aber auch darum, das richtige Auto für den jeweiligen Kunden zu finden und ihn glücklich zu machen. Das schafft man nicht, wenn man ein unüberschaubares Angebot hat. Die Kunden honorieren das.
Was ist für Sie ein absolutes „Tabu“ in Sachen Klassiker?
Für Klassiker gelten dieselben Tabus wie für junge Fahrzeuge. Keine Manipulation von KM-Ständen, Historie oder Verschleierung von Zuständen. Transparenz und Ehrlichkeit sind das A und O, auch wenn dadurch einmal ein Geschäft verloren geht. Besser, der Kunde erkennt vor dem Kauf, dass es nicht das richtige Auto für ihn ist. Dadurch entsteht ein vertrauensvolles, nahezu freundschaftliches, Verhältnis mit meinen Kunden, denen ich auf Augenhöhe begegne.
Wo hört für Sie das Thema „Klassiker“ auf und vor allem warum?
Restomods kommen in den letzten Jahren immer mehr in Mode. Diese moderne Technik in altem Design stellt für mich keinen Klassiker dar. Sicherlich sind das handwerklich und technisch hervorragende Fahrzeuge, sie können aber nicht das transportieren, was ein richtiger Klassiker transportiert: Emotionen, die sich durch jahrzehntelange Nutzung in den Tiefen der Technik und des Interieurs eingenistet haben. Erlebnisse, die man fast mit Händen greifen kann, sobald man in das Fahrzeug einsteigt. Bewunderung für die Ingenieurskunst, Liebe und Hingabe mit denen Fahrzeuge früher konstruiert und produziert wurden.
Welche modernen Fahrzeuge haben für Sie das Potenzial, in 30 Jahren ein wirklicher Oldtimer zu werden?
Aus meiner Sicht sind das nicht nur Fahrzeuge, die in limitierten Stückzahlen hochexklusiv hergestellt wurden. Das können auch Fahrzeuge sein, die als Gebrauchsgegenstand gedient haben und von denen nicht viele überlebt haben, die aber im Gedächtnis vieler verankert sind. Die erste Baureihe des Mercedes SLK, des Audi TT oder BMW Z3 sind für mich solche Beispiele. Auch Fahrzeuge, die mit besonders anspruchsvollen technischen Lösungen gebaut wurden, gehören dazu. Der AMG GT der Baureihe 190 mit Frontmittelmotor, Trockensumpfschmierung, torque tube und Transaxle-Bauweise ist so ein Auto. Seine Nachfolger kommen mit technisch einfacher Großserientechnik daher und fallen somit deutlich ab.
Wie sehen Sie die Zukunft des Klassikerhandels und welche Herausforderungen gibt es?
Auch der Klassikerhandel befindet sich im Wandel – er wird digitaler. Ein erfolgreicher Klassikerhändler der Zukunft braucht nicht nur Leidenschaft, sondern klare Marktkenntnis, digitale Sichtbarkeit, transparente Prozesse und ein tiefes Verständnis dafür, was Kunden bewegt. Genau hier setzt Jessen Classic Cars an. Wir verstehen Old- und Youngtimer nicht als Luxusobjekte, sondern als bezahlbare Kulturgüter, die man bewusst auswählt und mit Freude fährt.
Die Zukunft gehört den Händlern, die Vertrauen schaffen, Werte vermitteln und den Menschen wieder das zurückgeben, was moderne Fahrzeuge oft verloren haben: Faszination, Charakter und ein authentisches Fahrerlebnis.
Welches Fahrzeug möchten Sie unbedingt noch einmal fahren und vor allem warum?
Eine Dodge Viper! Ein Wahnsinns-Auto, 10-Zylinder Mittelmotor, Schaltgetriebe, Hinterradantrieb, keine Assistenzsysteme. Über 8 Liter Hubraum, unglaubliches Drehmoment, der Motor wurde mit Unterstützung von Lamborghini entwickelt – so ein Auto wäre heute nie auf die Straße gekommen und schon gar nicht zu dem Preis, den es damals kostete. Und die Viper soll dazu noch schwer zu fahren sein, eine Herausforderung also, die schon feuchte Hände bereiten kann.
Was sind Ihrer Meinung nach die schönsten Strecken, die man mit einem Oldtimer „erfahren“ kann?
Es ist völlig egal, welche Strecke man fährt. Hauptsache man fährt mit einem Oldtimer. Manchmal reicht schon die Fahrt zum Arbeitsplatz oder zurück, damit sich entschleunigende, wohltuende Gefühl einstellt. Natürlich, eine Fahrt auf den Straßen der Toskana bedeutet noch einmal eine deutliche Steigerung dieses Gefühls.
Was würden Sie einem „Oldtimer-Neuling“ am liebsten mit auf den Weg geben?
Wer sich zum ersten Mal an einen Klassiker wagt, sollte sich einen Partner suchen, der ehrlich berät, transparent aufklärt und die Stärken wie auch die Schwächen eines Fahrzeugs offen anspricht. Ein guter Klassiker fühlt sich nicht nur richtig an — er ist auch technisch solide und passt zum eigenen Alltag und Budget. Wichtig ist auch, sich nicht von Perfektionismus lähmen zu lassen. Viele Einsteiger glauben, sie müssten sofort „das makellose Sammlerfahrzeug“ finden. Dabei beginnen die schönsten Geschichten oft mit einem Auto, das vielleicht kleine Spuren seiner Vergangenheit trägt — und gerade dadurch Persönlichkeit hat.
Mein persönlicher Rat lautet daher: Finden Sie einen Klassiker, der Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert — und einen Händler, dem Sie vertrauen können. Dann beginnt eine Reise, die weit über den Kauf hinausgeht. Old- und Youngtimer schenken Freude, entschleunigen und verbinden uns mit einer Zeit, in der Fahren noch Faszination war.
Vielen Dank für das Gespräch
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