Fiat Bartoletti 306/2 – Der Star ist der Trailer

Fiat Bartoletti 306 2 Titel

Sie kennen sich mit Oldtimern und Rennsport aus, haben aber kein Bild vor Augen, wenn sie den Namen Fiat Bartoletti 306/2 hören? Wahrlich keine Schande, aber es wird dennoch Zeit, das zu ändern. 

Hinter fast jedem großen Namen steht jemand im Schatten, der großen Anteil am Erfolg des Stars hat. Was wäre Walter Röhrl ohne seinen Beifahrer Christian Geistdörfer? Wer ist schon in der Lage, die Tour de France zu gewinnen, wenn einem die sogenannten Wasserträger nicht über die Alpenetappen helfen? Diese Reihe kann man beliebig fortsetzen und der Fiat Bartoletti 306/2 kann sich da getrost einreihen. In seiner Funktion als Renntransporter stand er nicht neben den Boliden von Ferrari und Lotus auf dem Treppchen, aber die Rennwagen hätten es ohne den treuen Gefährten nie soweit gebracht.

Der Renntransporter geht auf den Bus Fiat 306 zurück, der in drei Serien ab 1956 gebaut wurde. Die hier zugrunde liegende zweite Serie 306/2 war ab 1960 verfügbar. Üblicherweise lieferte die Bussparte von FIAT nur das Chassis und den Unterflur-Antriebseinheit. Karosseriebauer kümmerten sich dann um den Aufbau.

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Die Entstehung des Fiat Bartoletti 306/2

Ein Jahr zuvor ging bei der italienischen Firma Bartoletti ein Auftrag eines Rennsportteams ein, die einen Transporter für die Boliden benötigen. Die Firma aus dem Städtchen Forlì in der Emilia-Romagna, etwa 100 Kilometer von Modena entfernt, hatte sich zu der Zeit einen ausgezeichneten Ruf für Spezialumbauten erworben. Schon 1873 gründete Ermenegildo Bartoletti eine Werkstatt zum Bau von Kutschen. Nach Zerstörung und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg widmete man sich vor allem Fahrzeugumbauten. Passenderweise waren die Formel 1-Teams Ferrari und Maserati nicht weit weg, unter anderem gehörten diese beiden renommierten Marken zu den Kunden von Bartoletti.

Was also für die italienischen Platzhirsche gut genug war, weckte das Interesse des neu gegründeten Scarab Formel 1 Teams und dessen schillernden Teamchefs und Eigentümer Lance Reventlow. Wenn man meint, Flavio Briatore oder Eddie Jordan seien bunte Vögel im Formel 1-Zirkus gewesen, kennt man Graf Lawrence „Lance“ von Haugwitz-Hardenberg-Reventlow aber schlecht. Der Sohn eines dänischen Grafen und der Woolworth-Erbin Barbara Hutton führte von seiner Kindheit, in der er zunächst entführt und später abgeschottet in einem Londoner Herrenhaus aufwuchs, bis zu seinem Tod bei einem Flugzeugabsturz in den Rocky Mountains im Alter von 36 Jahre das Leben eines reichen Playboys mit allem Glamour, aber auch so einigen Tiefen. Unter anderem hatte Reventlow fast zwangsläufig ein Faible für alles, was schnell ist, egal ob auf Skiern, zu Wasser, in der Luft oder eben auf der Rennstrecke. Eine Leidenschaft, die er sich im Übrigen mit seinem engen Freund James Dean teilte.

Und so gründete Lance Reventlow Ende der 50er-Jahre seine Automarke sowie einen Rennstall. Für seine Europäische Formel 1-Saison benötigte er ein entsprechendes Transportfahrzeug. Strenggenommen war da schon abzusehen, dass der Renntransporter eine längere und erfolgreichere Karriere als die Scarab-Boliden haben würde. Mit dem Frontmotor waren die Autos der Konkurrenz, die schon auf das Mittelmotor-Konzept gewechselt hatte, unterlegen. Neben zahlreichen anderen Zipperlein, die das Rennsportjahr 1960 reichlich unerfolgreich werden ließen. Nach null Punkten und vielen Ausfällen, teilweise schon vor der Qualifikation, verließ das Team nicht nur der Mut, sondern auch der Transporter. Für die letzten Rennen 1960 und die folgende Saison sollte der Fiat Bartoletti 306/2 für das Lotus Rennteam fahren. Die britische Marke war zu dieser Zeit eine steil aufstrebende Kraft im Rennsport, unter anderem fuhren Stirling Moss und Jim Clark auf Lotus. Und deren Lotus-Fahrzeuge fuhren auf dem Fiat Bartoletti 306/2.

Wie eng Freud und Leid im Rennsport nebeneinander liegen können, zeigt ein Ereignis am vorletzten Saisonrennen in Monza. Die Lotus-Fahrzeuge fuhren eine recht erfolgreiche Saison, nach einer leichten Kollision zwischen Jim Clark im Lotus und Wolfgang Graf Berghe von Trips, dem zu diesem Zeitpunkt Führenden in der Weltmeisterschafts-Gesamtwertung, kam dessen Ferrari in der Parabolica von der Strecke ab. Dieser Unfall kostete nicht nur den deutschen Rennfahrer, sondern auch 15 Zuschauer das Leben und verletzte 60 weitere zum Teil schwer.

Nach dem Einsatz dort ging der Renntransporter zurück zu Bartoletti nach Forlí. Der neue vermeintliche Eigentümer, Camoradi Racing, ließ eine weitere Achse einbauen, um die immer schwerer werdenden Rennwagen transportieren zu können. Während man in Forlí noch am Wagen arbeitete, kam der Camoradi Rennstall aber in finanzielle Turbulenzen, sodass man nach der Fertigstellung den Transporter nicht bezahlen und auslösen konnte.

Fiat Bartoletti 306 2 (18)

Der nächste Star-Eigentümer des Fiat Bartoletti 306/2

Es sollte bis 1964 dauern, bis ein neuer Eigentümer für den nun dreiachsigen Transporter gefunden wurde. Daher handelte es sich dann aber auch wieder um einen glamourösen Namen: Shelby International Racing. Ab 1965 bis 1967 übernahm Alan Mann Racing die europäischen GT-Aktivitäten von Ford/Shelby und transportierte mit dem Bartoletti die Shelby Cobras, Daytona Coupés sowie die neu entwickelten Ford GT40 unter anderem nach Le Mans zum 24 Stunden Rennen.

Nicht zuletzt seit dem Kinofilm „Ford v Ferrari“ oder auf Deutsch „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ mit Christian Bale und Matt Damon aus dem Jahr 2019 ist die Rivalität zwischen Ford und Ferrari legendär. Ebenso der Übernahmeplan von Ferrari durch Ford. Nach den gescheiterten Verhandlungen soll Ford derart zornig gewesen sein, dass alles Italienische, auch der Renntransporter, aus dem Team verbannt wurde.

Also wurde der Transporter 1967 wieder veräußert. Der neue Besitzer, John Woolfe Racing, hatte aber offensichtlich mehr mit dem Wagen zu kämpfen, als ihm lieb war. Nach eigener Aussage hatte er einfach ständig Pech mit dem Transporter, so dass ihm eines Tages, als ihm der Fiat Bartoletti im Schneegestöber wieder Probleme machte, der Geduldsfaden riss und er das Fahrzeug einfach an der Straße stehen ließ und ihn zum Verkauf anbot. Dem darauf folgenden Eigentümer David Piper wird es sehr recht gewesen sein, dass der Verkäufer den LKW wie sauer Bier anpries, was die Kaufsumme nicht wirklich nach oben getrieben haben dürfte.

Dort begann das neue Leben mit einer neuen Farbe. Nachdem mit „Princess Blue“ und „Guardsmen Blue“ der Fiat Bartoletti immer blau lackiert war, entschied sich Piper für seine Signatur- und Sponsorfarbe BP-Grün. Bis 1970 nutze ihn David Piper für sein Rennteam, die letzte Saison brachte nochmals einen glamourösen Höhepunkt für das Fahrzeug und ein tragisches Schicksal für den Rennfahrer.

Fiat Bartoletti 306/2 – Der Filmstar

Für den legendären Motorsport-Film „Le Mans“ heuerte Steve McQueen David Piper als Fahrer an. Er sollte zum Set zum einen einige Lola T-70 Rennwagen mitbringen, die zu Porsche 917 und Ferrari 512 umgebaut werden sollten. Teil der Vereinbarung war zum anderen aber auch, dass der Fiat Bartoletti für die Filmaufnahmen zur Verfügung stehen sollte. Der Transporter wurde rot lackiert und machte als Fahrzeug der Scuderia Ferrari auf der Leinwand Karriere, auch wenn in der der Realität nie etwas mit Ferrari zu schaffen hatte.

David Piper hatte allerdings während der Dreharbeiten einen schweren Unfall, in folge dessen er ein Bein verlor. Seine aktive Rennsportkarriere nahm so ein jähes Ende, den Transporter brauchte er nicht mehr und verkaufte ihn daher an den Rennstall JCB Historic von Anthony Bamford. Er beließ ihn bei der roten Farbe und nutze ihn bei Rennveranstaltungen bis 1976. In den folgenden sechs Jahren bis 1982 vermietete er den Transporter an das Team GTC Mirage für deren Le Mans-Einsätze.

1982 verließ der Fiat Bartoletti erstmals Europa und setzte in die USA über. Michael Shoen, Autor des Buches „Ford-Ferrari Wars 1963-1965“ kaufte das Fahrzeug und setzte es bei historischen Rennveranstaltungen auf US-Rennstrecken in der Ferrari Rosso Corsa-Lackierung ein. Das Schicksal des Renntransporters war allerdings auch mit dem persönlichen Schicksal Shoens verknüpft. Er fiel dessen Scheidungskampf zum Opfer und rottete in der Wüste Arizonas vor sich hin, ohne dass einer der Eheleute damit irgendwas sinnvolles anstellen konnte.

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Fiat Bartoletti 306/2 – Der schlafende Riese

Es sollten 24 Jahre im Dornröschenschlaf vergehen, bis er wieder aufgefunden wurde. Don Orosco, ein Sammler von Fahrzeugen und Devotionalen der Marke und des Rennsportteams Scarab, fand den verwahrlosten Transporter und kaufte ihn. Zum Glück brachte er nicht nur die Leidenschaft für die Historie dieses besonderen Gefährts mit, sondern auch genug Mittel, um den Transporter wieder aufzubauen. Zwei Jahre, mehr als 8.000 Arbeitsstunden und etwa 600.000 US-Dollar später strahlte der Fiat Bartoletti 306/2 in tadellosem Concours-Zustand. Dabei wurde großer Wert auf Historie und Originalität gelegt, nur der originale Fiat Sechszylinder-Dieselmotor wurde durch einen Leyland Turbodiesel, ebenfalls mit sechs Zylindern, ersetzt.

Bei den Monterey Historics feierte der Renntransporter 2008 seine vielbeachtete Wiederauferstehung im Rennzirkus, die auch über den großen Teich hinaus große Beachtung fand. Unter anderem bei den Automotive Archeologists von ChromeCars in Jena, deren Spürnasen schon eine Vielzahl von außergewöhnlichen Fahrzeugen aufgetan haben. Man denke an die wahren Filmstars auf vier Rädern, die in Bullitt oder der Fast and Furious-Reihe groß herausgekommen sind. Oder auch die Brabham und Lotus Rennwagen von Jochen Rindt und Jim Clark. Genau dort schließt sich nun der Kreis. Wenn ChromeCars mit ihren 1967er und 1969er Lotus Formel 1-Rennwagen auf Events fahren möchte, sollen sie die Fahrzeuge etwa in einem zeitgenössischen LKW auf die Rennstrecke oder in die Messehalle transportieren? Wohl kaum. Also schlugen sie bei einer Auktion zu und brachten das zusammen, was zusammengehört. Rennwagen der 60er mit ihrem damaligen treuen und stilvollen Begleiter, dem Fiat Bartoletti 306/2 Renntransporter.


Fotos ChromeCars

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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