Die unbekannten Volkswagen – SP 2, Puma, Iltis und Fridolin

Die unbekannten Volkswagen Fridolin 1

Der Name Volkswagen ist nicht nur eine Marke, er ist auch ein Motto. Der Käfer, der Bulli und später der Golf waren erdacht zur Mobilisierung der Massen und sie übererfüllten dieses Ziel deutlich. Es gibt sie aber auch, die unbekannten Volkswagen.

Von Emden bis nach Feuerland hat bestimmt schon jede und jeder, der mit Autos in Kontakt gekommen ist, in einem Fahrzeug aus Wolfsburg gesessen. Volkswagen ist aber nicht nur Mainstream, es gibt zahlreiche Nischenprodukte und Kleinserien, die kaum bekannt sind, aber durchaus mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Die Gründe, warum einige Modelle hierzulande kaum geläufig sind, sind vielfältig. Einer der naheliegenden ist, wenn das Auto nicht für den deutschen Markt produziert wurde und hier auch nicht angeboten wurde. Die VW AG war recht früh auf Expansionskurs in fremde Märkte, im Hinblick auf Absatzmärkte, aber auch Produktionsstandorte. Am bekanntesten ist sicher die Tochtergesellschaft Volkswagen do Brasil. Bereits Anfang der 1950er-Jahre entschied sich VW, den Käfer und den T1 in Brasilien zu produzieren.

Für VW und den Generaldirektor Heinrich Nordhoff war von Beginn an klar, dass es nicht nur darum gehen sollte, Autos billiger dort zu produzieren und zurück in die Kernmärkte zu verschiffen. Wenn man schon in der Lage war, Nachkriegsdeutschland auf die Straße zu bringen, kann man auch gleich das nächste Großprojekt angehen, missionarisch in Südamerika tätig zu werden und ein großes Stück des Kuchens im brasilianischen Transportwesen abzugreifen.

Die unbekannten Volkswagen – Der SP 2

Damit man nicht nur als strenger Kreuzritter ankommt, der die eigenen Produkte auf einem fremden Markt durchdrücken möchte, ließ man Brasilianische Einflüsse in die Produktion zu. Die höchste Form des Einflusses waren Modelle, die speziell für die dortigen Bedürfnisse und Wünsche konstruiert wurden. So wie der SP 2, der 1972 auf den Markt kam. Zugegeben war der SP 2 auch dadurch bedingt, dass die brasilianische Militärdiktatur ungern fremde Autos auf den heimischen Straßen sehen wollte, Volkswagen do Brasil aber gerne auf diesem Markt einen Sportwagen anbieten wollte. Und so bediente man sich aus dem VW-Regal und setzte auf die Käfer-Radaufhängung sowie Motor und Bodengruppe des Typ 3 eine neue Karosserie. Und die hat es optisch schon im Stand in sich. Der auf 1,7 Liter aufgebohrte Motor reißt allerdings mit seinen 64 PS keine Bäume aus. Für ein auffälliges Mitschwimmen im Verkehr reicht es allerdings. Hierzulande sind interessierte Blicke damals wie heute sicher. Wenige der 10.000 produzierten Exemplare verließen Brasilien und der Zahn der Zeit nagte auch an diesem Modell, weswegen nicht viele Fahrzeuge übrig geblieben sind.

Die unbekannten Volkswagen – Der Puma

In die Kategorie sportliches Coupé fällt auch der Puma. Wobei er keine ganz reine VW-Herkunft hat. In den 60er-Jahren baute sich der Rechtsanwalt und Hobby-Rennfahrer Genaro „Rino“ Malzoni seinen eigenen Rennwagen auf Basis des DKW 3=6, aus dem der GT Malzoni hervorging. Das Projekt versprach vom Fleck weg mehr zu werden als nur ein einziges privates Rennfahrzeug, weswegen die Marke Puma gegründet wurde. Zunächst weiterhin auf DKW-Basis. Die Schieflage der Marke und der Verkauf an Volkswagen hatte aber auch Einfluss auf die Puma-Modelle, sodass VW ab 1970 die Komponenten für die Puma Coupés und später Cabriolets lieferte. Die Produktionszahlen waren ähnlich gering wie beim SP 2, allerdings wurde der Puma als Kit-Car auch in die USA, Kanada, Mittelamerika und Europa ausgeliefert.

Die heimischen verborgenen Schätze – Der Iltis

Neben den internationalen Modellen gibt es aber auch einige Ur-Deutsche Volkswagen, die unter dem Radar fliegen. So wie der Iltis, ein gelände gängiger Kübelwagen, der von 1978 bis 1988 produziert wurde. Die Seltenheit auf dem Straßenbild liegt darin, dass er nicht für die zivile Masse konstruiert wurde, sondern für einen sehr überschaubaren Kundenkreis: Die Bundeswehr und die Armeen befreundeter NATO-Staaten. Der Iltis ist der Nachfolger des „Mehrzweck-Universal- Geländewagens mit Allradantrieb“ von DKW, besser bekannt unter dem Rufnamen Munga. Dieser hatte bei der Ausschreibung 1953 den Goliath Typ 31 und den Porsche Typ 597 ausgestochen. Nachdem die Kritik am Munga größer wurde und die Technik veraltet war, wurde ab Ende der 1960er-Jahre ein Nachfolger gesucht. Dieser wurde von Audi in Ingolstadt als Typ 183 für Volkswagen entwickelt und teilweise produziert. Er sollte fortan als Führungs- und Fernmeldefahrzeug, zum allgemeinen Transport von Personen, als Träger-Kfz für Panzerabwehrwaffen und zum Verwundetentransport genutzt werden. Als Sanitätsfahrzeug wuchs der Iltis um etwa einen halben Meter. Der Antrieb mit permanentem Heck- und zuschaltbaren Frontantrieb und wahlweise einem 1,7 Liter Ottomotor oder 1,6 Liter großem Dieselmotor blieb gleich. Es wurde auch eine kleine Anzahl von zivilen Fahrzeugen gefertigt, die Resonanz auf dem Markt blieb aber aufgrund des sehr teuren Preises entsprechend gering.

Die unbekannten Volkswagen – Fridolin

Ein weiteres Fahrzeug, das Volkswagen einem speziellen Kunden auf den Leib schneiderte, aber so gar nichts von der Strenge eines Militärfahrzeuges hatte, ist der Typ 147. Neben dieser technokratischen Bezeichnung wurde dem Fahrzeug ein Name gegeben, der passender kaum sein könnte: Fridolin. Die Deutsche Post gab 1962 bei VW ein Lieferfahrzeug in Auftrag, was zwei Kubikmeter und 400 Kilogramm Nutzlast aufnehmen sollte und dessen Ladefläche direkt aus dem Führerhaus und über seitliche Schiebetüren erreichbar sein sollte. Neu entwickeln hieß für VW nicht automatisch, auf einem weißen Blatt Papier ein neues Auto zu kreieren; es bedeutet vielmehr, aus dem bestehenden Material etwas Neuartiges zu erschaffen.

Und so kurios Fridolin auf den ersten Blick anmutet, so sehr findet man je nach Blickwinkel auch viel Vertrautes: Die Heckklappe war dem T1 entlehnt, nur etwas kürzer, die Scheinwerfer stammen vom VW Typ 3 sowie die Motorklappe und andere Teile vom VW-Transporter. Unter der Karosserie schlummert das Chassis vom Karmann Ghia und Motor, Getriebe und Achsen vom Käfer. Neben der Deutschen Post orderten auch die Schweizerische Post PTT und andere Firmen einen Fridolin. Wie es aber nun mal bei Nutztieren ist, werden sie nicht wirklich gehegt und gepflegt, daher schätzt man den heutigen Bestand bei nur circa 200 Überlebenden, wovon immerhin etwa 40 in Deutschland aktuell zugelassen sind.

Volkswagen ist also nicht nur etwas für die Masse. Und Exklusivität bedeutet nicht zwangsläufig, einen italienischen Sportwagen oder englischen Roadster fahren zu müssen. Im Gegenteil, wenn interessierte Beobachter erst um das Auto herumlaufen müssen, um das Markenzeichen zu sehen und dennoch ratlos zurückbleiben, sind das doch die eigentlichen ungehobenen automobilen Schätze. Das macht die unbekannten Volkswagen doch zu den eigentlichen Preziosen.

Die unbekannten Volkswagen Fridolin 3

Fotos Stiftung AutoMuseum Volkswagen, Autostadt GmbH/ Ralph Kremlitschka

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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