BMW Garmisch – Wiederauferstehung des bayerischen Bertone

BMW Garmisch Villa d'Este (1)

Der Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2019 war wieder gespickt mit zahlreichen außergewöhnlichen und beeindruckenden Automobilen. Aber ein Fahrzeug war so etwas wie der heimliche Star: Der BMW Garmisch.

Es ist mitunter gar nicht so leicht, bei einer der angesehensten Veranstaltungen in der Klassikerwelt zu überraschen. Viele Geschichten sind schon oft erzählt, selbst der BMW 507 von Elvis Presley hat schon einige Events gesehen vor seinem Auftritt am Comer See. Aber der BMW Group Classic, einem der Hauptsponsoren beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este, war es gelungen, eine fast schon in Vergessenheit geratene Studie aus dem Jahr 1970 wieder zu beleben. Und ganz beiläufig die Brücke zu schlagen zwischen bayerischer Ingenieursarbeit und italienischer Designkunst.

BMW Garmisch – Ein Bayer von Bertone

Der BMW Garmisch tauchte erstmals 1970 auf dem Genfer Automobilsalon auf. Das Konzeptfahrzeug war von Marcello Gandini für Bertone entworfen worden. Zwischen München und Italien gab es zuvor schon einige Kooperationen, man denke an den BMW 328 Mille Miglia, der mit einer leichten Aluminium-Karosserie für das legendäre Rennen einer Abnehmkur unterzogen wurde. Oder den nicht minder berühmten M1, dessen Keilform von Giorgetto Giugiaro gezeichnet wurde. Aber nicht nur für die Bayern ist es von Vorteil, sich mit den feinen Federn italienischer Designer zu schmücken. Auch für die Designbüros sind die Konzeptfahrzeuge der großen Marken eine Möglichkeit, ihr kreatives Potential zu zeigen.

Wie BMW Das Provozieren lernte

So war es auch beim BMW Garmisch, wie sich Marcello Gandini erinnert: „Die ursprüngliche Idee kam von Nuccio Bertone persönlich, der unsere bestehende Beziehung zu BMW mit einer überraschenden Designstudie auf dem Genfer Autosalon festigen und ausbauen wollte.” Für den damaligen Leiter des Designbüros war das Ziel, „ein Mittelklasse-Coupé zu entwickeln, das einerseits der Formensprache von BMW treu blieb, andererseits aber auch etwas dynamischer herüberkam und sogar ein wenig provozierte.” Beides ist ihm fraglos gelungen. Wirkt der Garmisch an den Seitenfläche sehr aufgeräumt und glatt, gibt es zahlreiche Details, die kühn und innovativ aussehen und durchaus Potential zum Polarisieren haben. Der kantige, vertikal positionierten Kühlergrill beispielsweise. Oder die rechteckigen, verglasten Scheinwerfer, die Lufteinlässe in den C-Säulen oder natürlich erst die wabenförmig strukturierte Sonnenschutzblende auf der Heckscheibe – ein typisches Stilelement Marcello Gandinis.

Auch im Innenraum geht es nicht minder extravagant weiter. Mit seinem ungewöhnlichen Radio, das im Hochformat in der Mittelkonsole angeordnet wurde, einem großen Klapp-Spiegel für den Beifahrer und einer extravaganten Kombination von Farben und Materialien bricht der BMW Garmisch mit den funktionalistischen Einrichtungsvorlieben der damalige Zeit. Auch der Name war kein Zufall, er sollte einerseits die bayerischen Manager mitnehmen, als auch den italienischen Jetset. „Skifahren war zu dieser Zeit in Italien äußerst populär“, erinnert sich Marcello Gandini. „Der Name Garmisch beschwor Träume von Wintersport und alpiner Eleganz.“

Mehr als ein Gedanken-Anstoß wurde der BMW Garmisch seiner Zeit aber doch nicht. Nach dem Genfer Automobilsalon verschwand der Prototyp spurlos. Es sollte fast 50 Jahre dauern, bis die Studie aus Genf wieder aufgegriffen werden sollte. Und wie sollte es anders sein, es war ein Designer, der die Wiederauferstehung anstieß. Adrian van Hooydonk, Designchef der BMW Group, entdeckte eine verblichene Fotografie eines Fahrzeugs, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. „Das Auto stammte ganz offensichtlich aus der Vergangenheit, und doch hatte es etwas überraschend Modernes an sich,“ sagte van Hooydonk und fand nach kurzer Recherche heraus, was es mit dem BMW Garmisch auf sich hatte.

BMW Garmisch Adrian van Hooydonk (60)

Dass es ausgerechnet eines der Fahrzeuge aus der Feder von Marcello Gandini war, das seinen Nach-Nach-Nachfolger im weiteren Sinne begeistert hat, verwundert nicht. In seinen 15 Jahren, in denen er das Designstudio von Bertone in Turin leitete, entwarf er einige der mutigsten und revolutionärsten Automobile dieser Epoche – darunter scharfkantige Konzeptstudien wie den Lancia Stratos Zero, aber auch Sportwagenikonen wie den Lamborghini Miura und Countach. „Marcello Gandini ist für mich einer der Großmeister des Automobildesigns“, sagt Adrian van Hooydonk. „Seine Autos faszinierten mich schon als Kind und weckten mein Interesse am Automobildesign. Marcello Gandinis Entwürfe waren immer sehr klar und schlicht, dabei aber auch sehr dramatisch. Deshalb finde ich seine Arbeit so inspirierend. Er hat mit wenigen Designelementen stets etwas Spektakuläres geschaffen. Diesen Ansatz, mit einfachen Mitteln viel zu erreichen, halte ich noch immer für äußerst modern.“

BMW Garmisch Marcello Gandini Adrian van Hooydonk (8)

BMW Garmisch – Die Wiederauferstehung

Für van Hooydonk scheint schnell festzustehen, dass es sich beim BMW Garmisch um mehr als eine verschütt gegangene Designstudie zu handeln. „Der BMW Garmisch steht exemplarisch für die Designphilosophie von Bertone zu dieser Zeit und sicherlich auch für Marcello Gandinis Sicht auf die Marke BMW“, sagt er. „Deshalb begeisterte mich die Idee, das Auto zurückzubringen – um Marcello Gandini als herausragenden Designer zu ehren und die Lücke in der Geschichte von BMW zu schließen.“

Leichter gesagt als getan, schließlich existierten vom Garmisch nur ein paar Fotografien und Dokumente. Der erste Weg führte Adrian von Hooydonk aber zunächst nach Turin. Für ihn war klar, dass er das Projekt nicht ohne den ursprünglichen Vater des Garmisch Marcello Gandini umsetzen wollte. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit und mehr Informationen durch den Grandseigneur, kehrte van Hooydonk zurück nach München, wo er ein interdisziplinäres Team aus Spezialisten der Design- und der Classic-Abteilung zusammenstellte, um Recherche und Wiederaufbau zu koordinieren. Zunächst wurde das Auto am Computer anhand von Fotografien – teilweise in Schwarz-Weiß – in 3D nachgebaut. In einem zweiten Schritt folgte ein Modell im Maßstab in 1:1, an dem Proportionen und Details mit Marcello Gandini abgestimmt wurden. Gerade Kleinigkeiten beim Interieur oder den genauen Farbton hätte man ohne den Zeitzeugen wohl kaum genau treffen können. Dann erst wurde das zweite Exemplar eines BMW Garmisch in Handarbeit in Turin gebaut – genau wie das Original vor fast 50 Jahren.

Im März 2019 sahen Adrian van Hooydonk und Marcello Gandini den fahrbereiten BMW Garmisch zum ersten Mal im Museo Nazionale dell’Automobile in Turin. Gewiss für beide ein erhabener Moment. Ebenso wie die große Bühne in der Villa d’Este einige Wochen später. Für Marcello war es jedenfalls nicht klar, was Original und was Nachbar war: „Nachdem ich das fertige Auto gesehen habe fällt es mir sogar schwer, es vom Original zu unterscheiden.“

Zukünftig geht das Fahrzeug aber in die Sammlung der BMW Group Classic über, damit der BMW Garmisch nicht ein zweites Mal in Vergessenheit gerät.

BMW Garmisch Marcello Gandini (40)


Fotos Remi Dargegen, Tom Kirkpatrick / BMW Group Classic

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL Roadster. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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