Alfa Romeo Montreal Kaufberatung

Alfa Romeo Montreal rot (12)

Oft entscheidet der erste Augenaufschlag über die große Liebe. Im Film, in der Realität oder im Automobilbau. Klappscheinwerfer können viele, aber die Mischung aus Schlafzimmerblick und dem richtigen Aufschlag können nur wenige, so wie der Alfa Romeo Montreal.

Bei den ersten Gehversuchen des Montreals muss man aber der Fairness halber zugeben, dass die Scheinwerfer halb unter festen Lamellen lagen und das Auto noch nicht mal einen Namen hatte.

Es ist das Jahr 1967, die Weltausstellung findet im kanadischen Montreal statt. Allerlei Innovationen aus aller Herren Länder werdenausgestellt, für einen Teil der Ausstellung – „Man the Producer“ – werden industriell gefertigte Produkte zusammengetragen. Unter anderem wird auch Alfa Romeo kontaktiert, die natürlich gerne die Bühne, die eine solche Gelegenheit bietet, in Anspruch nehmen möchten.

Für ein innovatives, aufregendes Konzeptfahrzeug wendet sich Alfa Romeo an die vermutlich beste Adresse, die es zu diesem Zeitpunkt gibt: Bertone. Im renommierten Designstudio geht zu dieser Zeit gerade der Stern von Marcello Gandini auf. Der noch nicht einmal 30-jährige Turiner hat zu diesem Zeitpunkt schon mit der Gestaltung des Lamborghini Miura für einen Paukenschlag in der Szene gesorgt. Später sollte er als Chefdesigner von Bertone und noch später auf eigene Faust eine Vielzahl von bedeutenden Fahrzeugen entwerfen, wie den Lancia Stratos und den Lamborghini Countach, aber auch Fahrzeuge für die breite Masse wie den FIAT X1/9 oder den Citroën BX.

Aber zunächst stand das Showcar für die Weltausstellung auf dem Plan. In Montreal präsentiert Alfa Romeo Gandinis visionären Wurf, ein verhältnismßig kompaktes Coupé mit mehreren interessanten Details. Dazu zählten die halb von einem Lamellengitter bedeckten Doppel-Scheinwerfer und die zu einer Einheit verschmolzenen breite B- und C-Säule.

Alfa Romeo Montreal Prototyp (1)

Die markanten Lufteinlässe hinter den Türen und eine große, gläserne Heckklappe deuten an, dass sich Marcello Gandini einen Mittelmotor als Antriebskonzept vorgestellt hat. Die Umsetzung dieses Plans ließ sich aber nicht bis zur Weltausstellung bewältigen oder vielmehr wollte Alfa Romeo nicht für ein Showcar diesen Aufwand betreiben. Daher setzte man die Karosserie des Ausstellungsfahrzeugs auf die Bodengruppe einer Giulia inklusive des vorn platzierten Motors. So war das das Exponat immerhin fahrfähig.

Die Resonanz während der sechsmonatigen Expo 67 auf das bis dahin namenslose weiße Alfa Coupé war überwältigend. Vor allem aus Nordamerika kamen zahlreiche Anfragen, Alfa Romeo möge doch bitte ein solches Fahrzeug in Serie fertigen. Bei solch einer hohen Kaufbereitschaft konnte Alfa Romeo natürlich nicht nein sagen und gab der Entwicklungsabteilung den Auftrag, das Projekt „Montreal“ zur Serienreife zu bringen.

Serienstart des Alfa Romeo Montreal vor 50 Jahren

Wie es eben so ist mit Prototypen und Showcars, für die Straßenzulassung sind nicht alle Details umsetzbar. Aber beim Alfa Romeo Montreal, wie er dann tatsächlich schlussendlich heißen sollte, gelang es den Entwicklern, sowohl die technische Basis als auch die optische Erscheinung beizubehalten. Das Chassis blieb weitgehend auf dem Stand der Giulia. Marcello Gandinis Karosseriedesign musste ebenfalls nur in Details angepasst werden. So blieb der Grill über den Scheinwerfern bestehen, die Lamellen klappten aber beim Einschalten des Lichts mechanisch nach oben.

Alfa Romeo Montreal Front Scheinwerfer rot (11)

Die markante Luftschlitze in den Flanken wurden auch übernommen, dienten aber zur Entlüftung des Cockpits, da der Mittelmotorgedanke nicht umgesetzt wurde.

Frontmotor muss aber nicht gleich weniger Sportlichkeit bedeutet. Im Gegenteil, für den Antrieb entschieden sich die Alfa-Ingenieure für einen V8-Motor, den sie aus dem Suportsportwagen Tipo 33 entwickelten. Der Achtzylinder wuchs auf 2,6 Liter Hubraum und erhielt ein mechanisches Einspritzsystem von SPICA. Der Motor entwickelt eine Leistung von 147 kW/200 PS, die bei 6.400 Touren pro Minute anliegen. Die Maximaldrehzahl liegt bei sportlichen 7.000 Umdrehungen. Die Maximalgeschwindgkeit beträgt 220 km/h, der Sprint auf 100 km/h wird in unter acht Sekunden geschafft, was aus dem Montreal einen veritablen Sportler und Gran Turismo macht.

Was gilt es zu beachten beim Kauf eines Alfa Romeo Montreal?

Zwischen 1970 und 1977 wurden 3.925 Exemplare gebaut, von denen viele heute noch auf dem Markt sind. Bei Kauf sollte man aber auf einige Punkte achten.

Motor

Der V8-Motor ist generell recht robust. Eine seiner Hauptschwächen ist jedoch das Lager der Freilaufwelle, die die Laufräder der Wasserpumpe antreibt. Ein Ausfall des Lagers führt normalerweise auch zum Schaden an den vorderen Dichtungen. Dies kann durch Überprüfen der Wasser- und Ölmischung im Ölbehälter festgestellt werden. Die Lager sind als Ersatzteile eigentlich billig, aber das Ersetzen ist arbeitsintensiv. Daher sollten Sie das vor dem Kauf überprüfen. Übermäßiges Spiel in der Steuerkette kann auch auf ein fehlerhaftes Wasserpumpenlager hinweisen.

Das mechanische Einspritzsystem der Società Pompe Iniezione Cassani & Affini, kurz SPICA, ist eine komplexe Einheit. Regelmäßige Wartung ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass es ordnungsgemäß funktioniert. Es gibt einige Spezialisten, die diese Einheiten renovieren können, aber es ist eine teure Aufgabe. Wenn Sie selbst am Fahrzeug arbeiten, lohnt es, sich mit diesem Setup vertraut zu machen, um einerseits Geld zu sparen und andererseits sicherzustellen, dass es wie vorgesehen ausgeführt wird.

Die Lufteinlässe zum Motor bestanden ursprünglich aus gummibeschichtetem Material, das mit zunehmendem Alter spröde wurde. An dieser Stelle können aber auch moderne Ersatzschläuche eingesetzt werden.

Alfa Romeo Montreal Motor rot (5)

Getriebe

Das manuelle Fünfgang-Getriebe ist ein zuverlässige ZF-Einheit. Das Zahnrad des Rückwärtsgangs neigt dazu, sich vorzeitig abzunutzen, aber ansonsten verursachen sie wenig Probleme. Kleinere Undichtigkeiten sind häufig und sollten kein Problem sein, wenn Sie nicht gerade nach jeder Fahrt einen Ölteppich unter dem Fahrzeug entdecken. Regelmäßig circa alle 8.000 Kilometer sollte das Öl nachgefüllt werden, ein kompletter Getriebeölwechsel wird alle 15.000 Kilometern empfohlen.

Fahrwerk und Bremsen

Trotz des Verzichts auf Einzelradaufhängung hinten zugunsten einer konventionellen Starrachse sollte sich der Alfa Romeo Montreal auch in Kurven und auf unebenen Straßen gut anfühlen. Verschlissene Aufhängungsbuchsen und Stoßdämpfer merkt man also recht gut am Fahrverhalten bei Richtungs- und Lastwechseln. Es sind aber Handling-Kits erhältlich, wenn man das Fahrverhalten verbessern möchte.

Karosserie und Interieur

Schalldämmendes Material, das an den Karosserieteilen und Bodenwannen verbaut wurde, kann Feuchtigkeit aufnehmen und mit der Zeit Rost verursachen. Einige der Hauptproblembereiche befinden sich unterhalb der Lüftungslamellen der C-Säule. Überprüfen Sie das Auto gründlich, um sicherzustellen, dass es kein Problem mit Feuchtigkeit und Rost gibt. Ersatzbleche sind fast unmöglich zu beschaffen und Reparaturen nicht billig.

Der Montreal soll ein 2+2-Sitzer mit Gepäckraum sein, die Wahrheit ist aber, dass der Alfa innen ziemlich winzig daherkommt. Die Notsitze sind eher als zusätzlicher Gepäckraum gefacht, lange sitzen kann dort niemand lange.

Die Sitze kann man wiederherstellen, aber ansonsten sollte das Interieur gut beieinander sein; Verkleidungsteile sind sehr schwer zu bekommen.

FAZIT

Der Alfa Romeo Montreal blieb während seiner siebenjährigen Produktionszeit weitgehend unverändert. Die meisten Änderungen betrafen geringfügige Anpassungen am Fahrwerk. Im Laufe der letzten 50 Jahre seit der Vorstellung in Genf 1970 wurden im Nachhinein auch die frühen Exemplare mit den Verbesserungen nachgerüstet. Wenn Sie über einen Kauf nachdenken, sehen Sie sich also eher den Zustand und die Wartungshistorie als ein bestimmtes Modelljahr an. Originalität steigert zwar den Wert, aber sinnvoll und angemessen nachträglich verbesserte Autos können schlicht besser zu fahren sein.

Der Besitz eines Alfa Romeo ist sehr selten eine langweilige Erfahrung. Die Autos wurden mit einer Kombination aus Leidenschaft und Missachtung der Komplexität gebaut. Das Ergebnis wird Sie manchmal über die Maßen erfreuen, an anderen Tagen aber auch furchtbar frustrieren. Also achten Sie beim Kauf auf einen möglichst tadellosen Zustand. Ein gut gepflegter Alfa Romeo Montreal sollte sich als nicht weniger zuverlässig erweisen als andere Klassiker aus derselben Zeit. Der Sound des V8-Motors und der Look des Montreal werden Sie ohnehin stetig erfreuen.

Fotos Fiat Chrysler Automobiles n.V., Classic Trader

Autor: Paolo Ollig

Paolo Ollig schreibt als Chefredakteur regelmäßig über alle Raritäten und Meilensteine der Automobil- und Motorrad-Geschichte. Traum-Klassiker: Lamborghini Countach und Mercedes-Benz 300 SL. Eigener Klassiker: Mercedes-Benz 230 CE (W123) von 1981.

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