Alexander Gregor im Classic Trader Portrait

In den Classic Trader Portraits stellen wir Ihnen regelmäßig ausgewählte Oldtimer-Enthusiasten vor. Dieses Mal Alexander Gregor, Moderator und Organisator von Klassiker-Veranstaltungen sowie erfolgreicher Schauspieler.

Bitte stellen Sie sich kurz vor. Beschäftigen Sie sich privat oder beruflich mit Oldtimern?

Ich beschäftige mich seit 2003 beruflich mit Oldtimern. Zuvor habe ich in Berlin eine Schauspielausbildung absolviert und mein Studium über professionellen Motorsport finanziert – dort gab es die ersten Einblicke in die Oldtimerszene. Zunächst noch geprägt von Speed, Speed und nochmal Speed, entwickelte ich dann auch ein Interesse an der Langsamkeit.

Aktuell organisiere ich für die in Berlin ansässige Artprojekt-Gruppe die Bad Saarow Classics, eine Oldtimer Ausfahrt mit spannenden Menschen und Autos. Ausgehend von dem wunderschönen Kurort, südöstlich von Berlin, werden wir versuchen, auf den Spuren des Films zu wandeln und zu fahren, denn bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts sind viele Größen der Filmindustrie nach Bad Saarow abgewandert, weil ihnen die große Stadt zu laut und zu voll wurde. Dabei steht die Verbindung der beiden klassischen Werte großartige Filme / großartige Automobile im Mittelpunkt.

Wann sind Sie dem „Virus“ klassischer Fahrzeuge verfallen? Gab es ein Schlüsselerlebnis in Ihrer Kindheit / Jugend, das Sie zum Oldtimer-Enthusiasten gemacht hat?

Ein Schlüsselerlebnis? Tausende…
Mein Vater war damals Autohändler für Audi, VW und Porsche. An jedem schulfreien Samstag, also alle 14 Tage, bin ich mit ihm zu seinem Betrieb gefahren und habe Autos gewaschen, Papiere sortiert oder meist erfolglos versucht, Kleinigkeiten an den Gebrauchtwagen zu reparieren. Mittags dann durfte ich mir schon mal, mit roten Kennzeichen bewaffnet, einen Gebrauchtwagen aussuchen, mit dem wir dann nach Hause fuhren. Dass da schon mal die Zahlenfolgen 911, 928 oder 924 auftauchten, sollte für einen 12-jährigen wenig überraschen. Daran denke ich noch immer gerne zurück.

Worin liegt für Sie der Reiz an klassischen Fahrzeugen?

Ich reduziere die Antwort in meinem Kopf auf zwei Punkte: zum einen haben klassische Fahrzeuge etwas Persönliches: diese Fahrzeuge „leben“ und blicken mit all ihren Unvollkommenheiten, Macken oder Zeichen der Zeit auf eine gewisse Lebenserfahrung zurück, die auch uns Männer (sorry, liebe Damen – bei Euch kenne ich mich nicht so aus) mit der Zeit entspannter machen. Zum anderen lösen diese Fahrzeuge in jedem Umfeld etwas aus, das moderne Fahrzeuge kaum schaffen: Sympathie. Man fährt in einem Klassiker an Menschen vorbei und es zeigt sich sofort ein Lächeln in deren Gesichtern – wer das schon mal in einem modernen Sportwagen, oder zeitgemäß in einem SUV versucht hat, weiß, was ich meine.

Alexander Gregor 1

Welche Marke(n) hat / haben es Ihnen angetan? Welches sind Ihre drei Lieblingsklassiker und warum?

Wow – die Markenwelten…unendliche Tiefen im Raum…wir schreiben das Jahr…
Das ist tatsächlich nicht einfach, denn wenn man täglich mit Oldtimern konfrontiert wird, kann man irgendwann an seinen Tagesfavoriten seine Stimmung ablesen: bin ich gut drauf, darf es schon mal ein Alfa Romeo 8C aus den 30er Jahren sein; habe ich viel zu tun, so kommt auch ein verlässlicher Kleinwagen wie etwa der Käfer in Frage. Stand heute würde ich meine drei Favoriten folgendermaßen benennen:

Duesenberg Model J – SSJ. Nur je einmal für Gary Cooper und Clark Gable gebaut, steht das Fahrzeug einfach über den Dingen – jenseits aller Normen und Begrenzungen. Punkt.

Audi Quattro Sport (S1). Nur 214-mal gefertigt zeigte der „kurze Rallye Quattro“, was dabei herauskommt, wenn man strikt der Strategie „Form follows Function“ folgt: Kompromisslosigkeit, Ecken und Kanten. Und natürlich der unschlagbare Sound des aufgeladenen Fünfzylinders…

Lincoln Continental Convertible (1962-1963): für mich eine der wenigen Möglichkeiten, sich artgemäß in einem Cabriolet fortzubewegen. Ganz weit fort und ganz langsam. Das Design ohne Schnörkel und Kitsch, mit riesigen Flächen und vier Türen lädt ein zum Dahingleiten in seiner schönsten Form. Die Zeit ist tot, es lebe die längste gerade Seitenline der Welt…

Was war das außergewöhnlichste Fahrzeug, mit dem Sie es bisher zu tun hatten?

Das war ein Jaguar SS1, den ich bei einer Veranstaltung in der Schweiz kennenlernen durfte. Das Fahrzeug stand dort in einem fast perfekt restaurierten Zustand, hatte nur hier und da kleine Spuren der Vergangenheit. Michel Zumbrunn, ein bekannter Schweizer Automobilfotograf zeigte mir dann ein Fotobuch, das den Jag vor der Restaurierung zeigte; Michel hatte das Auto im absoluten „Schrottzustand“ fotografiert und dabei alle Schäden dokumentiert. Bei der sieben Jahre dauernden Restaurierung wurde bis auf die Kofferbox aus Holz und die Aufnahme der Kühlerfigur nichts an dem Fahrzeug ersetzt. Die Spuren, die ich vorher gesehen hatte waren zum Beispiel ein Knick im ehemals gefalteten Originalnummernschild, das wieder aufgebogen und gerade gedengelt worden war oder ein Pilz, der sogar seine Spuren im Seitenfenster hinterlassen hatte. Diese unzähligen kleinen Zeitzeugen, dokumentiert in dem Buch, fesselten mich stundenlang an dieses Auto und seine Geschichte.

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Können Sie bestimmte Oldtimerveranstaltungen, Events oder Ausfahrten empfehlen?

Natürlich empfehle ich zuerst die neue Bad Saarow Classics, die vom 12.–14. Juni 2020 stattfinden wird – schon aus Berufsethos, aber auch aus der Überzeugung, dass wir mit dem Konzept rund um das Thema Film einen besonderen Termin in den schon recht vollen Oldtimerkalender schreiben können. Darüber hinaus empfehle ich jedem, der sich mit dem Thema beschäftigt, einmal das Goodwood Revival Meeting – von der Veranstaltung träumt man noch Wochen.

Welches ist der aus Ihrer Sicht am meisten unterschätzte oder überschätze Klassiker und warum?

Da muss ich aber schon länger überlegen – ich will ja auch niemandem erklären, dass sein Schätzchen eigentlich doch nicht so viel wert sein soll, wie er mal bezahlt hat… Also beginne ich mal mit dem Unterschätzten: ich denke, dass der Mercedes W116 (S-Klasse 1972-1980) zu dieser Gruppe gehören dürfte. Während sich die Vorgängermodelle W108 und W109 größter Beliebtheit erfreuen und schon lange als gern gesehener Gast auf vielen Events zu sehen waren, kommt dem W116 erst in letzter Zeit etwas mehr Aufmerksamkeit zu. Dabei vertritt er alles, was ein Klassiker braucht.

Der für mich überschätzte Klassiker ist vielleicht – alle Fans sehen es mir bitte nach: der klassische Porsche 911 (bis 1973). Waaaaas?! Wie ganz oben beschrieben, bin ich mit den Autos aufgewachsen und als Kind fand ich sie faszinierend und schnell. Wie ein Käfer, aber viel schneller, eben. Wenn ich mir die zahllosen der 911 bei den meisten Veranstaltungen ansehe – mir persönlich fehlt die Individualität. Die Leistungsdaten stehen mit 130 bis maximal 190 PS ebenfalls kaum oben auf einer Liste seiner Zeit. Technisch betrachtet ist der Elfer solide und sportlich, allerdings mit vielen Bauteilen, die man auch woanders findet: stehende Pedale, Drehknöpfe, plastikverkleidete Fensterkurbeln…wie ein Käfer, aber viel schneller, eben.

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Schrauben Sie selber am Oldtimer oder werden Reparaturen extern durchgeführt?

Ja, ich schraube auch selbst. Während der Motorsportzeit war ich auf bis zu 40 Rennen pro Jahr als Mechaniker und Renningenieur unterwegs. Da bleibt was hängen. Nun schaffe ich das aus Zeitgründen nicht mehr, aber viele Dinge mach ich noch gerne selbst. Aktuell habe ich den 3-Zylinder-Zweitakt-Motor meiner 250er Kawasaki auf dem Tisch liegen, der braucht mal eine Komplettrevision, nachdem ich das Motorrad 1987 abgestellt hatte. Technisch eigentlich kein Problem, aber die Zeit, aber die Zeit…

In welchem Fahrzeug haben Sie fahren gelernt?

Meinen Sie jetzt fahren gelernt, oder den Führerschein gemacht? OK, beide Antworten: gelernt habe ich auf einem Opel Kadett C, Limousine, den Schein habe ich im BMW 320 E30 erworben.

Welches Fahrzeug möchten Sie unbedingt noch einmal fahren und vor allem warum?

Unter „noch einmal“ verstehe ich, dass ich das Fahrzeug schon einmal gefahren sein soll? Da fällt mir der Lagonda V12 Le Mans ein, den ich mal für eine Veranstaltung positionieren musste. Den würde ich gerne nochmal über die Landstraße bewegen. Ansonsten hätte ich ein hoheitliches Freudengefühl bei der Fortbewegung in einem der sehr seltenen Bugatti Royale.

Was sind Ihrer Meinung nach die schönsten Strecken, die man mit einem Oldtimer „erfahren“ kann?

Ich war einmal mit meiner Familie in Südfrankreich und wir sind mit einem klapprigen Renault Twingo über die Landstraßen zwischen Nizza und St. Tropez, sowie etwas ins Landesinnere gefahren. Das war schon ein besonderes Highlight. Die Kurven sind teilweise so eng, dass man das vorgegebene Speedlimit kaum erreicht. Das Ganze gebündelt mit einem sportlichen Vorkrieger und ich käme mir vor, wie der kleine Bruder von Tazio Nuvolari…

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Mehr unter www.alexandergregor.com


Fotos DERDEHMEL, Janine Marold Photography

Autor: Classic Trader

Die Classic Trader Redaktion besteht aus Oldtimer-Enthusiasten, die Euch mit spannenden Geschichten versorgen. Kaufberatungen, unsere Traum Klassiker, Händlerportraits und Erfahrungsberichte von Messen, Rallyes und Events. #drivenbydesire

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